Pfäffikon SZ

Nachbar Stachelschwein

Die einen bekämpfen sich wegen eines Gartentörchens, die anderen tragen der alten Frau von nebenan regelmässig den Abfall raus: Den lieben und weniger lieben Nachbarn widmet das Vögele Kulturzentrum die neue Ausstellung.

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Gleich hinter dem Eingang hockt eine Stachelschweinfamilie. Die putzigen Nager in ihrer Vitrine sind gleichsam die Wappentiere der Ausstellung. Zu verdanken haben sie diese Ehre dem Philosophen Arthur Schopenhauer. In seinen kleinen philosophischen Schriften beschreibt er eine Gruppe Stachelschweine, die sich bei Kälte aneinanderdrängen, von ihren Stacheln jedoch bald wieder auseinandergetrieben werden. Nach einigen Versuchen finden sie die «mässige Entfernung», in der sie das Zusammenleben aushalten. Schopenhauer nennt es, übertragen auf den Menschen, Höflichkeit und feine Sitte.

Nun soll es ja Menschen geben, denen es bisweilen an den Schopenhauerschen Tugenden gebricht; doch auch unfeine Zeitgenossen haben und sind Nachbarn. Durch sie kann Nachbarschaft unversehens zum Problem werden. Jan Philipp Reemtsma nennt es «Nachbarschaft als Gewaltressource» und analysiert, dass Nachbarn Geräusche oder Gerüche aus der Nebenwohnung mitunter körperlichen Übergriffen gleichsetzen, Eindringlingen in den geschützten Bereich der eigenen Wohnung. Von da ist es nur noch ein kleiner Schritt zu Beschimpfungen, Handgreiflichkeiten und zum Gang vor den Richter.

Bis zum bitteren Ende

Die von Nina Wiedemeyer kuratierte Ausstellung versammelt einige Werke, die sich mit Schalk oder Ernst diesem Aspekt von Nachbarschaft widmen. Der oscarprämierte Kurzfilm Neighbours aus dem Jahr 1953 zeigt, wie eine harmlose Blume auf einer Grundstücksgrenze zum Äussersten führt: Die Nachbarn zerstören einander die Häuser und töten die Familien. Am Ende bleiben zwei Särge, auf denen jeweils eine Blume wächst. Die holländische Künstlerin Sarah van Sonsbeeck wiederum hat einen Brief an ihre Nachbarn geschrieben, in dem sie ihnen achtzig Prozent ihrer Miete in Rechnung stellt – wegen akustischer Mitbenützung ihrer Wohnung.

Doch das Zusammenleben mit dem anderen, dem nahen Bauern (Nachbarn) muss nicht zwangsläufig mit Mord und Totschlag enden. Die Ausstellung zeigt auch Beispiele für Nachbarschaftsinitiativen und Gemeinschaftsprojekte, etwa in einer Le Corbusier-Siedlung in Marseille. Was im Süden Frankreichs bis heute funktioniert, ist in einer vergleichbaren Überbauung in Berlin allerdings grandios gescheitert. Öffentlicher und damit gemeinschaftlich nutzbarer Raum für die Bewohner fiel dort dem Sparhammer der Stadt zum Opfer. Zusammenhalt unter den Bewohnern gibt es wenig bis gar keinen.

Grobschlächtig, ungehemmt

Wo Zusammenhalt und gemeinschaftliche Projekte gepflegt werden, ist die soziale Kontrolle nicht weit. Was für ein Mensch ist einer, der in seinem Wohnzimmer nur Kakteen aufstellt? Und welche Eigenschaften hat eine, die das Grünzeug Fensterblatt (Monstera deliciosa) mag? Eine Arbeit der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Wädenswil spürt der Neugier und Kontrollfreude, die hinter solchen Fragen stecken, mit einer witzigen Kunstinstallation nach. Da werden fiktive Bewohner echten Zimmerpflanzen zugeteilt, und man erfährt beispielsweise über Paul Minder (den mit dem Fensterblatt), dass er zwar grosszügig ist, aber auch zu grobschlächtigen Auswüchsen neigt und ungehemmt ganze Gebäude in Besitz nehmen kann.

Ausstellungsgestalter Jean-Lucien Gay nimmt das Thema Nähe und Abgrenzung mit einem eigenen Farbkonzept und einer den Raum durchziehenden gefalteten Wand auf, die sich schliesslich auf einen Dorfplatz hin öffnet. Beim Durchwandern der Ausstellung fällt der Blick auch immer wieder auf Einzelobjekte, die einen überraschenden Blick auf ein alltägliches Thema ermöglichen.

So darf natürlich Hugo Loetschers Waschküchenschlüssel, das Nachbarschaftssymbol schlechthin, nicht fehlen, und Zürichsee-Anwohner werden sich über den Bootsfender von Sylvia Bachofen freuen. Die alte Dame hat im Sommer mit ihrem täglichen Schwumm in die Nähe der grossen Schiffe auf ganz eigene Weise gegen das Hornverbot protestiert. Jules Spinatsch schliesslich stellt mit seiner Videoarbeit «Highlights International» den perfekten Aktualitätsbezug her: Er hat das alljährliche Wettrüsten in Sachen Weihnachtsbeleuchtung von Arosa über London bis nach Zwillikon festgehalten.

«Hallo, Nachbar!». Der tägliche Tanz um Nähe und Distanz. Ausstellung im Vögele Kulturzentrum Pfäffikon SZ vom 26. November bis 25. März. Begleitprogramm: www.voegelekultur.ch (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 23.11.2017, 17:39 Uhr

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