Rapperswil-Jona

Motivierte Schüler ohne Perspektive

In Rapperswil-Jona lernen Asylsuchende im neuen Förderkurs N Deutsch. Sie sind hochmotiviert, doch die unklare Zukunft bereitet ihnen Mühe.

Höchste Konzentration: Die Teilnehmer des «Förderkurs N» in Rapperswil-Jona beteiligen sich gerne am Unterricht.

Höchste Konzentration: Die Teilnehmer des «Förderkurs N» in Rapperswil-Jona beteiligen sich gerne am Unterricht. Bild: Manuela Matt

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«Niyaf hat das Blatt an der Wand gehängt.» «An die Wand!» erfolgt sofort die Korrektur der anderen Schüler im Klassenzimmer. Wenn die Teilnehmer des Förderkurses N Deutsch lernen, klappt noch nicht alles auf Anhieb. Aber die Asylsuchenden lassen sich davon nicht entmutigen, schliesslich ist allen bewusst, dass Deutsch eine schwierige Sprache ist.

Und an diesem Nachmittag üben sie im Berufs- und Weiterbildungszentrum (BWZ) Rapperswil-Jona gleich mehrere Aspekte der deutschen Sprache, wie eine Schülerin weiss: Präpositionen, Fälle, Präsens und Perfekt. Kein Wunder, dass ab und zu noch einiges durcheinander kommt.

Seit Februar besuchen die 15 Asylsuchenden den Kurs. Er ist Teil eines Pilotprojekts des Bundes, durch welches die Integrationschancen von Flüchtlingen verbessert werden sollen.

Intensive Arbeit

Für die Asylsuchenden bedeutet der Förderkurs viel Arbeit. An fünf Tagen die Woche verbringen sie einen halben Tag in der Schule und lernen Deutsch, einmal pro Woche auch Mathematik und Informatik. Die andere Hälfte des Tages ist für Hausaufgaben gedacht. Wenn jemand einmal nicht weiterkommt, schreibt er sein Problem in den Chat und die Klassenkameraden helfen aus.

Neben dem grossen zeitlichen Aufwand fürs Lernen kommt noch die Anreise hinzu, denn die Asylsuchenden kommen aus dem ganzen Kanton. Amir Khan Amirzai aus Afghanistan zum Beispiel reist jeden Tag aus Wildhaus nach Rapperswil-Jona. Das sind eineinhalb Stunden pro Weg.

Doch die Schüler sind sehr motiviert, wie sie selbst sagen. Lehrerin Mirjam Scherrer bestätigt dies. «Sie haben grosse Fortschritte gemacht.» Die Asylsuchenden nicken eifrig. «Wir können das», so der Grundtenor.

Unklare Perspektiven

Doch die hoffnungsvolle Stimmung wird auch immer wieder vom Gedanken an die Zukunft getrübt. Wie es nach Ende des Kurses Anfang Juli weitergeht ist für die meisten unklar. Eine Grundvoraussetzung für die Teilnahme am Förderkurs N sind zwar gute Chancen auf eine Aufenthaltsbewilligung, doch bis jetzt haben erst drei der 15 Kursteilnehmer Bescheid erhalten, ob sie in der Schweiz bleiben dürfen.

Zwei werden vorläufig aufgenommen. Einer von ihnen ist Gholom Saeed Moradi aus Afghanistan. «Es freut mich sehr, dass ich bleiben kann», sagt er ein wenig scheu. Als nächstes möchte er sich für einen Praktikumsplatz bewerben, eventuell als Dachdecker.

Fiore Tesfay aus Eritrea hat sogar Asyl erhalten und darf definitiv bleiben. Ihr Ziel ist es, als Pflegefachfrau zu arbeiten. Doch dafür möchte sie ihr Deutsch noch weiterverbessern und daher im Anschluss an den Förderkurs an einem weiteren Deutschkurs teilnehmen.

Die restlichen Schüler machen sich Sorgen, dass ihr sorgsam gelerntes Deutsch wieder verschwindet, wenn sie nach Ende des Kurses keine Gelegenheit mehr haben, es anzuwenden. Denn sie haben weder weiterführenden Unterricht noch eine Arbeit in Aussicht. Immerhin können sie bald die Aussicht vom Rütli geniessen. Zum Abschluss gibt es eine Klassenreise dortin. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 13.06.2018, 16:55 Uhr

Förderkurs N

Verbesserte Integration dank früher Förderung

Der Bund will die sprachliche und berufliche Integration von anerkannten Flüchtlingen und vorläufig aufgenommenen Personen verbessern. Das zweiteilige Programm startete Anfang 2018 und ist auf vier Jahre angelegt.

Im Februar ist die frühzeitige Sprachförderung im Kanton St. Gallen angelaufen, im Sommer werden die Integrationsvorlehren starten. Damit sollen Flüchtlinge auf eine Berufsausbildung vorbereitet werden. Die Kosten werden von Bund, Kanton und Gemeinden gemeinsam getragen.
Im Kanton St. Gallen wird die Sprachförderung im Rahmen des sogenannten Förderkurses N betrieben.

Personen, die sich noch in einem laufenden Asylverfahren befinden, also den Aufenthaltsstatus N haben, lernen dort Deutsch. Für den Kurs kommen nur Personen in Frage, die gute Chancen haben, in der Schweiz zu bleiben, also Personen aus einem Land mit einer hohen Aufnahmequote.

Die Kandidaten wurden dem Kanton von den Gemeinden und den Regionalen Potenzialabklärungs- und Arbeitsintegrationsstellen (Repas) gemeldet.Die Asylsuchenden mussten mindestens bereits das Sprachniveau A 1 haben. Am Ende des Kurses ist Niveau A 2 das Ziel.

Im Kanton St. Gallen werden die Sprachkurse in den Berufs- und Weiterbildungszentren in Rapperswil-Jona, Buchs und St. Gallen durchgeführt. Zurzeit gibt es drei Klassen mit je 15 Schülern.

Unklare Anschlusslösung

Wie es im Anschluss an den Sprachkurs weitergeht, hängt vom Aufnahmestatus der Schüler ab. Für diejenigen, die während des Sprachkurses das Bleiberecht erhalten, besteht die Möglichkeit einer Integrationslehre oder eines Praktikums.

Für diejenigen, die sich bei Ende des Sprachkurses noch im Asylverfahren befinden, gibt es aber keine Anschlusslösung, denn sie dürfen in der Schweiz nicht arbeiten.

Repas-Leiter Roger Hochreutener weist darauf hin, dass die Möglichkeit bestehe, wieder in eine Quartierschule zurückzukehren, obwohl dort das Niveau viel tiefer ist. «Vielleicht könnte die Person dann eher als Assisstenten der Lehrpersonen fungieren», schlägt er vor. Ausserdem sei bei den Quartierschulen die soziale Komponente genau so wichtig.

Beim BWZ Rapperswil-Jona wird den Kursteilnehmern im Anschluss der Eintritt in einen Verein empfohlen, oder der Besuch der Bibliothek, um das Deutschniveau zu halten und Anschluss zu finden. «Für die motivierten Schüler ist es aber teilweise brutal, wenn sie nicht wissen wie es weitergeht», meint Bettina Heer vom BWZ.

Heer und Hochreutener betonen jedoch beide, dass der Förderkurs N und die Quartierschulen ein Fortschritt bedeute: Vorher gab es für Asylsuchende keine offiziellen Angebote. otm

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