Crowdfunding

«Modell für Circus Knie nicht neu»

Zirkusfans sollen das neue Zelt des Circus Knie finanzieren – über eine Crowdfunding-Plattform. Für den Finanzexperten Andreas Schweizer verhilft dieses Finanzierungsmodell dem Zirkus zu mehr Reichweite.

Andere sollen das neue Zelt berappen: Für das neue Zelt zieht der Circus Knie eine Crowdfunding-Kampagne auf.

Andere sollen das neue Zelt berappen: Für das neue Zelt zieht der Circus Knie eine Crowdfunding-Kampagne auf. Bild: Keystone

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Andreas Schweizer, was ­bedeutet Crowdfunding genau?
Andreas Schweizer: Crowdfunding steht als Oberbegriff für Finanzierungskampagnen, welche über das Internet verbreitet werden und bei denen möglichst viele Menschen – die Crowd – einen finanziellen Beitrag leisten können. Beim sogenannten Crowdsupporting wird das von der Crowd zur Verfügung gestellte Geld nicht zurückbezahlt. Das Modell kann aus Sicht des Geldflusses mit einer Spende vergleichen werden. Der Spender erhält aber – anders als beim Crowddonating – eine nichtfinanzielle Gegenleistung wie im Fall der Kampagne des Circus Knie.

Wieso greift ein Unternehmen wie der Circus Knie überhaupt zu diesem Instrument?
Grundsätzlich ist dieses Finanzierungs-Modell gar nicht so neu für den Circus Knie. So kann ich beispielsweise im Kinderzoo des Circus Knie in Rapperswil-Jona eine Tier-Patenschaft eingehen, wobei gegen die Bezahlung des jährlichen Patenschafts-Beitrags mein Name auf einer Plakette neben dem Tiergehege steht. Zur Finanzierung eines neuen Zirkuszelts benötigt der Zirkus mehr Kapital als für Tierpatenschaften. Die Crowdfunding-Kampagne verhilft dem Zirkus zu einer grösseren Reichweite, weshalb die benötigte Geldsumme eher zusammenkommen dürfte.

Welches Zielpublikum haben diese Plattformen im Visier?
Das Phänomen des Crowdfundings ist seit gut zehn Jahren bekannt und kommt ursprünglich aus den USA. Zu Beginn hatten die Plattformen vor allem private Investoren im Visier. Gerade aber Plattformen für zwei Untergruppen von Crowdfunding, das Crowdlending, das der klassischen Kreditvergabe gleichkommt, und das Crowdinvesting, das mit einer Aktieninvestition verglichen werden kann, ziehen nach einer gewissen Zeit auch institutionelle Investoren an.

«Crowdfunding ist mehr als nur einfach Spenden.»Andreas Schweizer, Finanzexperte

Täuscht der Eindruck, oder sind Crowdfunding-Plattformen immer breiter abgestützt?
Crowdfunding-Plattformen leben von einem breiten Publikum. Sie sind quasi davon abhängig. Somit haben sich Crowdfunding-Plattformen schon immer an ein breites Publikum gerichtet. Die Zahl der Plattformen hat jedoch in den letzten Jahren zugenommen und dadurch auch deren Visibilität. Die heutige Popularität von Crowdfunding-Plattformen dürfte hauptsächlich darin zu suchen sein, dass sich ein Geldgeber besser mit einem effektiven Projekt, für welches sein Geld verwendet wird, identifizieren kann, als mit einem Bankkonto. Zudem motivieren die gegenwärtig sehr tiefen bis überhaupt nicht existenten Zinsen auf Bankkonten verschiedene Leute, ihr Geld anderweitig zu investieren.

Ist das der Grund, weshalb sich Crowdfunding-Plattformen immer grösserer Beliebtheit erfreuen, auch in der Schweiz?
Ja, das darf so gesagt werden. Viele Plattformen stehen vor der Herausforderung, dass sie über ausreichend Kapital – also interessierte Investoren – verfügen und nur schwer an ausreichend interessante und risikoadäquate Finanzierungsprojekte herankommen. Gleichzeitig muss berücksichtigt werden, dass die über Crowdplattformen vermittelten Beträge immer noch marginal im Verhältnis zum klassischen Finanzierungsmarkt stehen.

Welche Rückwirkungen hat es auf die Entwicklung von Crowdfunding-Plattformen, wenn grosse Unternehmen dieses Instrument für ihre Zwecke benutzen, das ursprünglich doch eher für mittellose Künstler und Sportler gedacht war?
Ich würde Crowdfunding nicht zu stark in die Ecke der mittellosen Künstler und Sportler rücken. Crowdfunding ist mehr als nur einfach Spenden. Crowdfunding kann mit einer nichtfinanziellen Gegenleistung verbunden werden. Crowdfunding beinhaltet jedoch auch die Vergabe von Krediten und die Investition in Aktienkapital von Unternehmen. Gerade das Crowdsupporting sehe ich durchaus als ein valables Instrument auch für grosse und etablierte Unternehmen. Dass sich solche Unternehmen über Crowdlending oder Crowdinvesting finanzieren, ist auf die Sicht der nächsten zehn Jahre jedoch eher unwahrscheinlich.

Besteht in Zukunft aber nicht die Gefahr, dass die sogenannten Kleinen übersehen werden, wenn ein Riese wie Knie ein Projekt auf einer Crowdfunding-Plattform aufschaltet?
Grundsätzlich besteht diese Gefahr. Es liegt aus meiner Sicht zum einen am Plattformbetreiber, die verschiedenen Kampagnen möglichst diversifiziert sichtbar zu machen. Zum anderen haben die Kampagnen eine Laufzeit. Sie sind somit nur während ein paar Wochen aktiv und machen anschliessend wieder Platz für neue Projekte. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 23.08.2018, 15:56 Uhr

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(Bild: PD)

Zur Person

Andreas Schweizer ist seit 2017 Dozent am Institut für Financial Management an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in ­Winterthur. Zuvor war der Wirtschaftswissenschaftler (lic. oec. publ.) lange Jahre bei der Zürcher Kantonalbank (ZKB) tätig gewesen, zuletzt als Senior-Firmenkundenberater. Von 2015 bis 2016 arbeitete Schweizer bei BNP Paribas (Suisse) SA als Global Relationship Manager. red

lokalhelden.ch

Die Crowdfunding-Plattform lokalhelden.ch, über die der Circus Knie sein Projekt zur Zeltfinanzierung lanciert, ist eine Initiative der Raiffeisen Gruppe. Die Plattform richtet sich an Privatpersonen, Organisationen oder Vereine.

Beim Circus Knie handle es sich um ein Stück Schweizer Kulturgut, teilte Raiffeisensprecher Dominik Chiavi mit. Das Crowdfunding-Projekt passe somit auf lokalhelden.ch. Damit werde ein Mehrwert geboten – auch für die eigenen Genossenschafter. Raiffeisen und der Circus Knie pflegten schon seit längerem ein partnerschaftliches Verhältnis. So fänden jährlich mehrere Generalversammlungen von Raiffeisenbanken im Zirkuszelt statt und über das Mitgliederprogramm MemberPlus seien vergünstigte Zirkuseintritte erhältlich.

Die Gefahr, dass kleine Projekte durch grosse und prominente Anbieter an den Rand gedrängt werden, sieht Chiavi nicht. Biete ein Projektzweck der Bevölkerung keinen klar erkenn- und definierbaren Nutzen in den Bereichen Sport, Kultur oder Soziales, werde das Projekt auf lokalhelden.ch nicht zugelassen. Der Hauptfokus liege auf kleineren, lokalen Projekten im Geschäftskreis der jeweiligen Raiffeisenbanken. ths

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