Rapperswil-Jona

Mit den Spinnereien kamen die Reformierten

Sie bauten die ersten Fabriken, die ersten Arbeiterhäuser und die erste Turnhalle: Wie die zugewanderten Reformierten im 19. Jahrhundert Rapperswil und Jona prägten, war Thema einer Stadtführung am Wochenende.

Im Haus Spinnereistrasse 29 wohnte Christian Näf, dessen Initialen über dem Eingang noch heute vom ersten Joner Fabrikherrn zeugen.

Im Haus Spinnereistrasse 29 wohnte Christian Näf, dessen Initialen über dem Eingang noch heute vom ersten Joner Fabrikherrn zeugen. Bild: Manuela Matt

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Sie ist eine der grosszügigsten und grossartigsten Schulanlagen weit und breit und sie hat berühmte Väter: Die Primarschulanlage Hanfländer an der Attenhoferstrasse wurde 1949 von den Brüdern Alfred und Heinrich Oeschger gebaut. Die beiden Architekten zeichneten 1952 für den Bau des Flughafens Zürich-Kloten verantwortlich, und Heinrich Oeschger entwarf 1957 auch die Pläne für das Rapperswiler Cityhaus. Doch das Hanfländer-Schulhaus mit seinem kirchturmähnlichen Aufbau ist nicht nur architektonisch interessant. Der Bau ist eng mit der Geschichte der evangelischen Gemeinde in Rapperswil-Jona verknüpft.

Diese beginnt Anfang des 19. Jahrhunderts am Stadtbach in Jona. Hier errichtete der Baumwollhändler Christian Näf 1803 mit einigen aus England eingeführten Spinnmaschinen eine Fabrik, die sein Schwiegersohn Jakob Brändlin-Näf dann zum ersten grossen Spinnereibetrieb ausbaute. Stadtbach und Spinnereistrasse waren denn auch die ersten Stationen der Führung, mit der Alt-Stadtarchivar Markus Thurnherr aufzeigte, wie die evangelischen Zuwanderer Rapperswil und Jona veränderten. Die Spuren sind bisweilen unauffällig und werden selbst von Ortskundigen übersehen: Am Haus Spinnereistrasse 29 etwa weisen die Initialen C und N über dem Eingang auf den Erbauer Christian Näf hin.

Arbeiter aus dem Oberland

Auffälliger sind die Kosthäuser, von denen die letzten Zeugen an der Spinnereistrasse und an der Alten Jonastrasse stehen. Die zahlreichen Spinnereien, die Anfang des 19. Jahrhunderts entstanden, brauchten Arbeiter. Und diese holten die reformierten Fabrikherren im ebenfallsreformierten Zürcher Oberland. Untergebracht wurden die Arbeiterfamilien in den eigens errichteten Kosthäusern. Diese Reihenhäuser hatten einfache Grundrisse und eine bescheidene Einrichtung, aber immerhin einen Garten für die Selbstversorgung. Sie banden die Arbeiter allerdings komplett an den Fabrikherrn. Mit dem Verlust der Arbeit ging jeweils auch der Verlust der Wohnung einher.

Kinderarbeit war in den Spinnereien eine Selbstverständlichkeit. So waren von 300 Arbeitern in der Spinnerei Brändlin die Hälfte Kinder. Gleichwohl entstand bei einzelnen Eltern der Wunsch, ihre Kinder möchten Lesen, Rechnen und Schreiben lernen. Bei der Stadt Rapperswil, die eine Schule führte, wurden sie allerdings abgewiesen. Der Stadtrat befürchtete Probleme mit dem Religionsunterricht.

Da half Fabrikbesitzer Jakob Brändlin weiter, indem er einen Raum zur Verfügung stellte und einen Lehrer anstellte. Die «Fabrikschule», wie sie die Rapperswiler naserümpfend nannten, war geboren. 1835 wurde eine reformierte Schulgemeinde gegründet, wenig später das erste eigene Schulhaus an der Haldenstrasse gebaut. Das Besondere: Schon um 1840 wurde dort auch Sport unterrichtet, die heute noch bestehende Turnhalle war die erste in der ganzen Umgebung. Gut hundert Jahre lang gingen die evangelisch-reformierten Kinder ins Brunn­acherschulhaus zwischen Stadthof und See, bis 1950 das Hanfländerschulhaus in Betrieb genommen werden konnte.

Glockengeläut gegen Entgelt

Ausdauer brauchten die Reformierten auch, bis sie 1842 ihre eigene Kirche und einen Friedhof hatten. Zuvor hatten sie ihren Gottesdienst in einem Raum der Spinnerei Brändlin und im Stadthof abhalten müssen. Ihre Toten waren zwar auf dem katholischen Friedhof begraben worden, der Stadtrat von Rapperswil verweigerte aber das Glockengeläut. Erst als eine Kirchenvorsteherschaft gegründet wurde und ein reicher Unternehmer Land an der Zürcherstrasse zur Verfügung stellte, verbesserte sich die Situation. Weil die neue Kirche anfänglich noch keine Glocken hatte, ging wieder die Bitte an die Stadtkirche, doch bei Begräbnissen zu läuten. Diesmal stimmten die Katholiken zu – aber nur gegen Entgelt. Reformierte, die unter Glockengeläut zu Grabe getragen werden wollten, mussten dafür zahlen.

Als eines Tages die Reihe an einer armen, frommen Witwe war, brachte es der katholische Pfarrer dann doch nicht übers Herz, die Glocken schweigen zu lassen, wie Markus Thurnherr in einer seiner Anekdoten berichtete. Ab da läuteten die katholischen Glocken für jeden reformierten Toten, zumindest so lange, bis die reformierte Kirche eigene Glockenhatte. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 04.06.2018, 09:30 Uhr

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