Bestattung

Mit dem Blick nach Mekka unter der Erde

Ein Imam statt dem Pfarrer auf dem Friedhof: Beerdingungen nach muslimischem Ritus sind in den Gemeinden am Obersee die Ausnahme. Doch es dürfte eine Kehrtwende geben.

Muslime haben auf dem Friedhof Feldli der Stadt St. Gallen seit 2014 ein separates Areal. Die Gräber sind dort nach Mekka ausgerichtet.

Muslime haben auf dem Friedhof Feldli der Stadt St. Gallen seit 2014 ein separates Areal. Die Gräber sind dort nach Mekka ausgerichtet. Bild: zvg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein Teddybär, Kerzen, eine weisse Rose. Das Grab auf dem Uzner Friedhof sticht dem Besucher vor allem wegen den frischen Blumen und dem kleinen Plüschtier ins Auge. Erst auf den zweiten Blick fällt auf: Ein Kreuz, Symbol einer christlichen Bestattung, sucht man vergebens. Grund: Der Bub, der hier kürzlich beigesetzt wurde, stammte aus einer muslimischen Familie. Die Beerdigung fand, wie aus der Todesanzeige hervorgeht, nach islamischem Ritus statt. Eine muslimische Bestattung, bei der ein Imam die Gebete spricht und durch die Zeremonie führt, sind auf den Friedhöfen der Region eher die Ausnahme. Zwar komme es hin und wieder vor, so der Tenor unter den angefragten Gemeinden, doch ebenso häufig würden verstorbene Muslime in ihre Heimat rückgeführt und dort beigesetzt. Dies sei in vielen Fällen das übliche, bevorzugte Vorgehen.

Bevorzugt vielleicht auch aus einem ganz spezifischen Grund: Ein besonderes Merkmal der Bestattungen im Islam ist eines, das hierzulande immer wieder für Diskussionen sorgt – und das oft nicht erfüllt werden kann: Die Ausrichtung des Grabes nach Mekka. Grabfelder für Muslime sind nach Südosten gerichtet, der Geburtsstadt ihres Propheten Mohammed und dem zentralen Wallfahrtsort des Islams.

200 Gräber für Muslime

Separate Grabfelder für Muslime, die dieses Kriterium berücksichtigen, gibt es kantonsweit einzig in der Stadt St. Gallen. Das Thema gab im Kantonsrat mehrfach zu reden, erst im zweiten Anlauf schaffte es das Anliegen der Muslime ins neue Friedhofsgesetz. Seit Juli 2014 können die St. Galler Gemeinden, wenn sie wollen, eigene Grabfelder für Muslime einrichten.

Die Stadt St. Gallen hat dies auf dem Friedhof Feldli umgesetzt. Dort gibt es ein nach Mekka ausgerichtetes Areal mit Platz für 174 Erdbestattungen für Erwachsene und 38 Kindergräber. Statt Grabsteinen erinnern Stehlen mit Inschriften aus dem Koran an die Verstorbenen. Platz habe es genug, sagt Friedhofsleiter Gerold Jung: Bei Bedarf könne man bis auf 466 Gräber aufstocken.

Aktuell wird dieser Platz aber bei Weitem nicht ausgeschöpft. Neun Muslime wurden in den vergangenen zwei Jahren beigesetzt – fünf Kinder und vier Erwachsene. Doch der Friedhofsleiter ist überzeugt: Die Nachfrage werde zunehmen. Von Muslimen der zweiten und dritten Generation höre er oft, dass sie ihre verstorbenen Eltern an ihrem Wohnort beerdigen möchten. Sie hätten oft nur noch wenig Bezug zu ihrem Heimatland und möchten das Grab häufig besuchen können.

«Unser Friedhof ist zwar nach Osten ausgerichtet, aber das ist Zufall»Félix Brunschwiler, 
Gemeindepräsident Schmerikon

Dies bestätigt Bekim Alimi, Präsident des Dachverbandes islamischer Gemeinschaften in der Ostschweiz (DIGO). «Viele Muslime, die in den 1970er Jahren in die Schweiz kamen, wünschten, in ihrer Heimat beerdigt zu werden», sagt er. «Bis vor zwei Jahren hatten sie aber auch kaum eine andere Wahl», fügt er mit Bezug zum St. Galler Friedhof Feldli an. Eine Rückführung der Leiche ins Ausland ist jedoch aufwändig und kostet mehrere Tausend Franken. Auch das ist mit ein Grund, warum Muslime jüngerer Generationen eine Erdbestattung in ihrer Gemeinde vorziehen – auch wenn sie dabei Kompromisse eingehen müssen.

Solche Kompromisse sind auch in den Gemeinden am Obersee nötig. «Unser Friedhof ist zwar nach Osten ausgerichtet, aber das ist Zufall», sagt Félix Brunschwiler, Gemeindepräsident von Schmerikon. Eine einzige muslime Bestattung auf dem Gemeindefriedhof ist ihm in Erinnerung – dies vor einigen Jahren, als eine Asylsuchende beigesetzt wurde. Freunde der Verstorbenen hätten die rituelle Abdankung übernommen und den Leichnam zum Grab getragen.

Himmelsrichtung prüfen

Warum es in Schmerikon nur wenige muslimische Beerdigungen auf dem Friedhof gibt, hat auch noch einen anderen Grund: Viele Muslime sind in den 90er Jahren aus dem Balkan zugezogen, erklärt Brunschwiler. Sie sind schlicht noch nicht im hohen Alter.

Ähnlich tönt es in Rapperswil-Jona: Man respektiere andere Religionen und versuche, Muslimen so weit als möglich entgegenzukommen, sagt der Informationsbeauftragte Hansjörg Goldener. Spezifisch ausgerichtete Gräber gibt es aber nicht. Stimmt auf dem gemeindeeigenen Friedhof die Himmelsrichtung nicht, müsse man vielleicht «regional denken», erwägt Gommiswalds Gemeindepräsident Peter Hüppi – also prüfen, ob in einer anderen Gemeinde ein passendes Grabfeld frei sei. Einen konkreten Fall gab es jedoch in Gommiswald noch nie.

Ein bitterer Nachgeschmack

Für die Angehörigen bedeutet die Situation oft ein Dilemma. Manchmal bestehe zwar ein gewisser Handlungsspielraum, und der Leichnam könne leicht schräg im Grabfeld platziert werden, sagt Issa Gerber. Er leitet die Friedhofskommission der Vereinigung der islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ). Ist dies nicht möglich, führe es in der betroffenen Famile oft zu Unstimmigkeiten. Zwar sei es im Islam nicht verboten, Verstorbene auf einem nicht-muslimischen Friedhof beizusetzen. «Aber es hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack».

Um den Muslimen entgegenzukommen, bedürfe es wenig Aufwand auf den Friedhöfen, sagt er. Man müsse lediglich die Himmelsrichtung der Grabreihen berücksichtigen. Dort, wo es bereits separate Grabfelder gibt (nebst St. Gallen sind dies Städte wie Zürich, Bern, Luzern, Winterthur, Genf oder Lugano), seien am Ende alle zufrieden gewesen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 22.09.2016, 17:38 Uhr

Bestattung nach Muslimischem Ritus

In Tüchern und in «Schlafposition» beerdigt

Im Islam ist die Erdbestattung die einzig erlaubte Art der Beisetzung. Als Erstes erfolgt die rituelle Waschung des Verstorbenen. Danach wird der Leichnam in Tücher eingewickelt. In ihrer Heimat werden Muslime nur vom Leintuch umwickelt ins Grab gelegt. In der Schweiz schreibt das Gesetz jedoch einen Sarg vor. Diesen Kompromiss habe man akzeptiert, sagt Issa Gerber von der Friedhofskommission der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ). «In der Regel wählen Mulime hierzulande einen Sarg aus leichtem Holz, der sich schnell zersetzt», erklärt er.

Zum Grab tragen den Leichnam entweder die Hinterbliebenen oder der Totengräber des Friedhofs. Am Grab selber kommt es zum rituellen Gebet durch den Imam.

Im Idealfall werde der Leichnam in rechter Seitenlage – ähnlich einer Schlafposition – und mit dem Gesicht in Richtung Mekka beigesetzt, erklärt Gerber. Möglich sei aber auch die Rückenlage. Dabei wird der Kopf des Verstorbenen mit einer Stütze leicht angehoben. Dies, damit die Augen des Toten geradeaus über seine Füsse in Richtung Mekka zeigen.
Auf muslimischen Gräbern finden sich anstatt eines Steins oftmals Stehlen oder ein sogenanntes Totenbrett lokalisiert das Grab. Darauf sind nebst dem Namen, dem Geburts- und Sterbedatum oft Auszüge aus dem Koran angebracht. Verbreitet sind Ischriften, die den Besucher bitten, die «Al-Fatiha» (Eröffnung des Korans) für die Seele des Verstorbenen zu rezitieren. Pflanzen und Blumen seien eher unüblich – häufiger wähle man einen einfachen Grünzweig, sagt Gerber.

Die verbreitete Annahme, Muslime wollten nur in «reiner Erde» bestattet werden (an Orten, an denen keine Menschen anderen Glaubens ruhten), weist er entschieden zurück. Mit solchen Scheinargumenten versuchten Kritiker, die Anliegen der Muslime zu verkomplizieren. Ebenso sei es für Muslime in Ordnung, dass die Gräber nach 20 Jahren aufgehoben würden – das Argument der «ewigen Grabesruhe» falle in die gleiche Kategorie und sei Wasser auf die Mühlen der Gegner von muslimischen Grabfeldern auf Schweizer Friedhöfen. (rkr)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben