Rapperswil-Jona

Künstliche Intelligenz – ein Helfer und kein Monster

Die Schweizer Stiftung Mindfire will eine künstliche Intelligenz erschaffen. Eine Drohne der HSR ist der erste Schritt. Professorin Katharina Luban über Chancen, Gefahren und Snacklieferungen.

Diese Drohne ist der erste Schritt auf dem Weg zur künstlichen Intelligenz, ist Katharina Luban überzeugt.

Diese Drohne ist der erste Schritt auf dem Weg zur künstlichen Intelligenz, ist Katharina Luban überzeugt. Bild: Michael Trost

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wenn man an künstliche Intelligenz (KI) denkt, erscheinen eher Bilder von humanoiden Robotern oder gigantischen Computern in den Köpfen. Weshalb setzt die HSR in der Zusammenarbeit mit Mindfire bei der Konzeption eines Gefässes für die KI gerade auf Drohnen?
Katharina Luban: Das Ziel von Mindfire ist es, KI neu zu denken. Wir wollen nicht mit immer grösserer Computerpower rangehen, sondern mit erfrischenden neuen Ansätzen. Die Ausgangsfrage ist, wie ein intelligenter Organismus aussehen könnte. Drohnen können da helfen, zu abstrahieren. Diese Form kann man eher objektiv betrachten und fragen: Wenn das eine intelligente Lebensform wäre, was müsste sie denn alles tun? Eine Idee war, dass man irgendwo eine Drohnenkolonie hat, die sich selbst am Leben erhält, indem sie beispielsweise für ihre eigene Energieversorgung sorgt oder Menschen anstellt, die sie warten.

Von einer Drohnenkolonie kann aber noch keine Rede sein. Noch besteht Ihr Projekt aus einer einzigen Drohne.
Diese eine Drohne ist aber voller hochkomplexer Sensorik. Die Frage war, wie wir ihre Fähigkeiten demonstrieren können. Wir haben uns folgendes Szenario überlegt: Ein Benutzer kann der Drohne via App einen Auftrag erteilen, und sie bringt den gewünschten Gegenstand zielgenau zum Kunden. Momentan ist es ein Snack aus einem Automaten. Eine andere Anwendung wäre, wenn jemand verletzt ist und ein Erste-Hilfe-Paket bestellen kann.

Es gibt bereits andere Transportdrohnen, was macht diejenige der HSR speziell?
Es gibt zum Beispiel Drohnen, die Laborproben zwischen zwei Krankenhäusern hin- und herbringen. Aber da wird die Drohne von Hand beladen. Zudem ist der Luftraum gesperrt und die Drohne fliegt eine vorgegebene Strecke, was relativ einfach ist. Unsere Drohne belädt sich selbst und ist in der Lage, sich im Raum zu orientieren. Sie findet denjenigen, der die Bestellung aufgegeben hat. Das benötigt viel mehr Sensoren und Intelligenz in der Drohne.

Ihr Fachgebiet ist die Logistik, weshalb hat es Sie gereizt, bei diesem Projekt mitzumachen?
Ich glaube, KI ist etwas, was wir unbedingt weiter erforschen müssen, und idealerweise auch in der Schweiz, um die Innovation nicht anderen Ländern zu überlassen. Wenn man einen Beitrag leisten kann, dann sollte man mitmachen. Es ist natürlich von der Seite der HSR, und vor allem des Digital Lab, auch ein schönes Vorzeigeprojekt, um zu zeigen, dass wir die Kompetenzen auf dem Campus haben. Es war ein unglaublich sportlicher Zeitplan: Wir haben von Juni bis Oktober letzten Jahres die Drohne gebaut. Da muss man schon zeigen, was man kann.

Sind Sie also der Meinung, die KI kommt zwangsläufig?
Ja, ich glaube, das kommt. Nehmen Sie folgendes Beispiel: Wenn man die Auswirkung der Gravitationsgesetze auf Planeten mit dem Computer berechnen wollte, dann bräuchte man sehr viel Computerpower. Aber dann sass Isaac Newton einmal unter einem Baum, ihm ist ein Apfel auf den Kopf gefallen, und auf einmal war alles relativ einfach auf eine Formel zu bringen. Die Mindfire-Mission glaubt daran, dass die Funktionsweise des Gehirns nicht so kompliziert sein kann, dass man immer mehr Computerpower braucht, um sie zu erklären. Es muss einfachere Lösungen geben. Es lohnt sich, darüber nachzudenken.

Sind Algorithmen, die brillant Schach spielen, intelligent?
Nein. Für mich ist Intelligenz schon ein Schritt weiter. Diese Beispiele sind einfach klug angewendete Rechenpower, würde ich sagen. Sie können einem solchen Algorithmus nichts beibringen, wenn sie keine Beispieldaten haben. Der kann nur das lernen, was man ihm vorsetzt, aber nicht den nächsten Schritt denken. Er kann vieles sicher sehr viel schneller als Menschen, und es gibt Anwendungen, die dafür sehr geeignet sind, aber wirkliche Intelligenz bedeutet, Neues zu kreieren. Und das gibt es noch nicht.

Gehören zur Intelligenz auch andere menschliche Attribute wie Empathie oder Emotionen, oder kann Intelligenz ohne sie funktionieren?
Aber sicher. Es gibt sehr intelligente Menschen, zum Beispiel Asperger-Autisten, die emotional vielleicht nicht die Geschicktesten sind, es aber lernen können. Etwa, wenn jemand meint, ihm sei kalt. Unsereins versteht intuitiv die Signale, wenn jemand friert, und versucht zu überlegen, wie man es wärmer machen kann. Ein Asperger-Autist würde ein Programm abrufen: Ich habe gelernt, wenn jemand sagt, mir ist kalt, dann schau ich, ob irgendwo ein Fenster offen ist. Diese Menschen sind unzweifelhaft hochintelligent in ihren Bereichen.

In Hollywood-Blockbustern wird regelmässig mit Ängsten gespielt, dass eine KI die Welt übernehmen wird. Was halten Sie von solchen Ängsten?
Es gibt immer Gefahren, aber ähnliche Ängste gab es schon bei der Erfindung der Eisenbahn. Damals war man der Meinung, Fortbewegung mit mehr als 25 Kilometern pro Stunde würde grösste gesundheitliche Probleme hervorrufen. Ich glaube nicht, dass es der Schweiz als Nation helfen würde, aus Angst auf die Entwicklung von KI zu verzichten. Dann machen es andere Länder. Da bin ich lieber im Fahrersitz und schaue, dass die Entwicklung auch gesellschaftlich mitgetragen wird und dass entsprechende Gesetze und Regeln auch mit dem Wissensstand mitwachsen.

Wie würden Sie Skeptiker der KI von den Chancen überzeugen?
Man kann sich Arbeiten und Aufgaben abnehmen lassen. Und zwar Arbeit, die man nicht unbedingt selber machen möchte. Wenn wir für jeden Mitmenschen eine sinnvolle Betätigung finden, wird sich niemand darum reissen, stupide Arbeiten auszuführen. Es ist die Aufgabe der Gesellschaft, die Leute mitzunehmen. Aber wir steuern tendenziell auf einen Arbeitnehmermangel zu, und da sollten wir uns durchaus überlegen, wer bestimmte Arbeiten in Zukunft ausführen kann. Angst hätte ich eher davor, dass ich im Alter nicht versorgt bin, weil niemand diese Aufgabe übernehmen will.

Wie würden Sie denn die Beziehung zwischen Mensch und KI ausgestalten?
Interessanterweise hat der Gründer von Mindfire, Pascal Kaufmann, unsere Drohne nicht als Gegenstand versichert, sondern als Person. Das ist etwas, wo man eventuell umdenken muss. Wenn die KI selber agieren, denken und Entscheidungen treffen, müssen sie anders versichert werden als Maschinen, die nach einem vorgegebenen Algorithmus bestimmte Aufgaben ausführen.

Damit wäre eine Maschine ja praktisch gleichberechtigt wie ein Mensch.
Das ist noch relativ futuristisch. Ich würde eher den Vergleich mit der Tierwelt suchen, vielleicht mit einem Hund: Das Herrchen ist nach wie vor verantwortlich für den Hund, obwohl der in gewissen Situationen reagiert, wie ein Hund nun mal reagiert. Und auch bei Hunden sprechen wir von Intelligenz. Vielleicht wäre das der bessere Vergleich.

Bleibt der Mensch also der Maschine überlegen?
Ich denke schon. Es gibt ja immer noch einen Wettbewerb zwischen Organismen, und die Menschheit wird ja auch nicht dümmer. Dem Wettbewerb würde ich mich einfach mal ganz selbstbewusst stellen. Wenn wir Menschen so klug sind, eine KI zu entwickeln, werden wir auch so klug sein, damit vernünftig umzugehen. Wie gesagt, ich glaube nicht an Szenarien, dass KI ausser Kontrolle geraten. Das passt in einen Horrorfilm, aber nicht in meine vernünftige Welt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.05.2018, 15:08 Uhr

Zur Person

Katharina Luban ist Professorin für Logistik und Supply Chain Management an der Hochschule für Technik Rapperswil (HSR). Die promovierte Ingenieurin ist Partnerin am Institut für Produktentwicklung und Konstruktion (IPEK) und Partnerin im Digital Lab der HSR. Sie hat das Projekt zur Entwicklung einer selbststeuernden Drohne geleitet.

Artikel zum Thema

Der Rollstuhl, der beim Türöffnen hilft

Rapperswil-Jona Im Oktober findet erstmals ein Cybathlon statt. In diesem Wettkampf treten Menschen mit körperlichen Behinderungen dank neuesten technischen Hilfsmitteln gegeneinander an. Ein Team aus der HSR nimmt mit einem motorisierten Rollstuhl am Wettkampf teil. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!