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Kampf gegen Doppelspur als letztes Mittel

Perrongleiches Umsteigen in Rapperswil, Anschluss an den Voralpen-Express und ein zeitgemässes Bahnhofdach – das ist nur ein Teil des Forderungskatalogs, welchen der Gemeinderat Schmerikon an den Kanton richtet. Letzterer relativiert die Nachteile für das Seedorf.

In zwei Jahren ist Schluss: Der Voralpenexpress hält ab Dezember 2019 nicht mehr im Seedorf. Dies ist einer von vielen Nachteilen, die auf Schmerkner Bahnreisende zukommen.
In zwei Jahren ist Schluss: Der Voralpenexpress hält ab Dezember 2019 nicht mehr im Seedorf. Dies ist einer von vielen Nachteilen, die auf Schmerkner Bahnreisende zukommen.
Moritz Hager

Es sind happige Vorwürfe, die der Schmerkner Gemeindepräsident Félix Brunschwiler (parteilos) erhebt: Seine Gemeinde werde mit dem Fahrplanwechsel 2019 «vollends vom nationalen öffentlichen Verkehrsnetz abgehängt». Der Doppelspurausbau bringe weitere Nachteile mit sich.

Brunschwiler spricht von einem einschneidenden Leistungsabbau für das Seedorf. Der Kanton und die SBB würden «rund um die Gemeinde herum planen», aber Schmerikon selber bleibe dabei auf der Strecke. «Wir sind das Opfer und stehen am Schluss als ‹Loser› da», kritisiert Brunschwiler. «Wir verlieren auf allen Ebenen.»

Ab 2020 müssen Zugfahrende Richtung St. Gallen bei jeder Verbindung in Uznach umsteigen – und die Unterführung benutzen, um auf den Perron des Voralpen-Expresses zu gelangen. Bisher war jede zweite Verbindung umsteigefrei. Die Umsteigezeit sei mit drei Minuten deutlich zu knapp, sagt Brunschwiler, vor allem für ältere Menschen und Personen mit einer Behinderung. «Wir gingen immer davon aus, dass der Anschluss in Uznach auch mit dem neuen Fahrplan perrongleich erfolgen würde.»

Nach Zürich orientiert

Auch Reisende Richtung Innerschweiz seien mit Nachteilen konfrontiert, schreibt Brunsch­wiler in seinem offenen Brief. Konkret müssen Reisende nach Arth-Goldau und Luzern einen halbstündigen Aufenthalt in Rapperswil in Kauf nehmen, da der Voralpen-Express den Regionalzug aus Schmerikon nicht abwarten kann. Anders als heute hält der Voralpen-Express ab Ende 2019 nicht mehr in Schmerikon.

«Wir sind das Opfer und stehen am Schluss als ‹Loser› da.»

Felix Brunschwiler (parteilos), Gemeindepräsident von Schmerikon

Auch der Anschluss nach Zürich wird für die Pendler knapp, die mit der S6 aus Schmerikon einfahren. Sie müssen in Rapperswil auf die S5 umsteigen und haben dafür nur drei Minuten Zeit. Zudem müssen sie den Perron wechseln. Verpassen sie den Anschlusszug, müssen sie 14 Minuten warten. Der Anschluss müsse aber auch zu Stosszeiten gewährleistet sein, sagt Brunsch­wiler – und zwingend auf dem gleichen Perron möglich sein. Dass sich das Problem bereits jetzt am Bahnhof Rapperswil zeigt, gab den eigentlichen Ausschlag für den offenen Brief des Gemeinderats, sagt der Gemeindepräsident. «Wir befürchten eine ähnlich unglückliche Konstellation für den Zug aus Schmerikon.» Die Forderung des perrongleichen Umsteigens in Rapperswil sei denn auch das wichtigste Anliegen des Gemeinderats an den Kanton und die SBB. Viele Schmerkner orientierten sich nach Zürich. Gerade für Berufs­tätige sei die Verbindung nach Zürich wichtiger als jene nachSt. Gallen.

Kanton macht Druck

«Dass die Anschlüsse in Richtung Zürich verbessert werden, ist klar auch unser Anliegen», sagt Patrick Ruggli, Leiter Amt für öffentlichen Verkehr des Kantons St. Gallen. «Vor allem, dass die Anschlüsse in Rapperswil bereits heute nicht immer gewährleistet sind, ist sehr ärgerlich und für den Kanton ein No-Go.» Dass seit Dezember 2016 nicht mehr perrongleich umgestiegen werden könne, hänge einerseits mit dem Umbau des Bahnhofs Rapperswil zusammen – andererseits können Bund, Kanton Glarus und Kanton St. Gallen jährlich mehrere Hunderttausend Franken sparen. Die SBB haben garantiert, dass der Anschluss in Rapperswil klappt. «Nach dem Fahrplanwechsel wurden wichtige Anschlüsse am Morgen nicht gewährt», sagt Ruggli. Das könne der Kanton nicht akzeptieren: «Wir haben deshalb vor Weihnachten Druck auf die SBB ausgeübt.»

Es sei nicht der Doppelspurausbau per se, den der Schmerkner Gemeinderat kritisiere, hält Brunschwiler fest: Der Ausbau der Infrastruktur sei absolut notwendig und richtig. «Einen Doppelspurausbau bräuchte es schweizweit noch auf viel mehr Linien.» Er habe auch vollstes Verständnis für die komplexe Aufgabe von SBB und Kanton, mit dem Ausbau des Schienennetzes möglichst vielen Bedürfnissen gerecht zu werden. Dass dabei nicht alle Anliegen berücksichtigt werden könnten, sei klar, sagt er, gerade was den Ausbau der Anschlüsse betreffe. Dass nun aber so viele Leistungen abgebaut würden, dagegen müsse sich der Gemeinderat wehren.

Priorität haben andere

Grundsätzlich liessen sich die Änderungen, welche Reisende aus Schmerikon mehrheitlich benachteiligen, mit dem Passagieraufkommen begründen, sagt Ruggli. Es gebe verschiedene Zugkategorien, und die «über­geordneten Bahnverbindungen» hätten zunehmend Priorität. «Es ist klar, dass das ein Problem darstellt für Schmerikon.» Aber der grösste Teil oder rund 30 Prozent der Ein- und Aussteigenden aus Schmerikon reisten nach Rapperswil, sagt Patrick Ruggli. Nochmals rund 20 Prozent stiegen dort auf die S5 Richtung Zürich um. Etwa 15 Prozent würden nur bis Uznach fahren. Lediglich vier Prozent reisten in Richtung Arth-Goldau, hält Ruggli fest.

Die Südostbahn (SOB) will zur Fahrplananpassung nicht Stellung nehmen. Mediensprecherin Ursel Kälin sagt: «Der ‹offene Brief› ist offensichtlich nicht an uns gerichtet, denn uns wurde das Schreiben nicht zugestellt. Deshalb nehmen wir dazu auch keine Stellung.» Die Planungsverantwortung liege beim Kanton, nicht bei der Südostbahn.

«Nach dem Fahrplanwechsel wurden wichtige Anschlüsse am Morgen nicht gewährt.»

Patrick Ruggli, Leiter Amt für öffentlichen Verkehr des Kantons St. Gallen

Beim Kanton sind die Forderungen des Schmerkner Gemeinderats seit längerem bekannt, wie Patrick Ruggli sagt. Der Verkehrsspezialist wehrt sich aber gegen die Aussage, Schmerikon werde «abgehängt»; das stimme so nicht. «Aber natürlich gibt es Verlierer in diesem System. Schmerikon ist eher ein Verlierer in dieser Geschichte.»

Stau wegen Bahnschranke

Neben der Kritik am Fahrplan nennt der Schmerkner Gemeinderat eine Reihe weiterer Aspekte, die zur unbefriedigenden Situation beitrugen. Da ist zum einen die Bahnschranke an der Allmeindstrasse. Diese würde künftig noch länger als bisher schliessen, nämlich jeweils sechs bis acht Minuten. Schon jetzt führe die Schliessungszeit der Schranke im Dorf zu massivem Rückstau. Bis zur Hauptstrasse staue sich der Verkehr am frühen Morgen. «Da muss eine bessere Lösung her», sagt Brunschwiler. Hinzu komme, dass sich die SBB gegen die Finanzierung einer zeitgemässen Überdachung des südlichen Bahnsteigs stellten. Damit es nicht nur ein einfaches Wartehäuschen gibt, muss nun die Gemeinde in die eigene Tasche greifen: 60 000 Franken müsse die Gemeinde dafür bezahlen. Ein Streitpunkt sei auch die Personenunterführung, gegen die sich die SBB 2004 gestellt hätten, heisst es im offenen Brief. Zu guter Letzt stösst dem Rat sauer auf, dass der bediente Fahrkartenverkauf im Migrolino-Shop der SBB bald Geschichte ist.

Widerstand angekündet

Mit dem offenen Brief wolle der Gemeinderat erwirken, dass der Kanton und die SBB nochmals über die Bücher gehen und dieSituation für Schmerikon von Grund auf prüfen und diskutieren, sagt Brunschwiler. «Ich bin sicher, dass noch nicht alle Möglichkeiten ausgeschöpft sind.» Sollte es vonseiten des Kantons und der SBB kein Entgegenkommen geben, erwägt der Gemeinderat als Ultima Ratio, sich gegen den Doppelspurausbau zu stellen. Mit den SBB habe die Gemeinde als Grundeigentümerin noch nicht alle Vereinbarungen gezeichnet, deutet Brunschwiler den möglichen Widerstand an. Gerne würde man aber auf solche Massnahmen verzichten.

Dass Brunschwiler den Doppelspurausbau mit seinen Forderungen verknüpft, findet Patrick Ruggli «nicht sehr charmant». Bereits der heutige Fahrplan könne wegen der langen einspurigen Strecke zwischen Uznach und Rapperswil in Spitzenzeiten nur knapp eingehalten werden. Die Doppelspur würde das heutige Fahrplansystem stabilisieren, ist Ruggli überzeugt. Ausserdem könne dereinst durch den Ausbau die S4 aus St. Gallen bis nach Rapperswil fahren.

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