Rapperswil-Jona

«Jede Todesanzeige geht mir nahe»

Ursula Beugger steht freiwillig für das Palliativnetzwerk Linth im Einsatz. Dabei kommt sie mit den unterschiedlichsten Menschen in Kontakt.

Wenn Ursula Beugger nicht im Spital ist, dann geniesst sie die Zeit am liebsten in ihrem Wintergarten zusammen mit ihren Hunden.

Wenn Ursula Beugger nicht im Spital ist, dann geniesst sie die Zeit am liebsten in ihrem Wintergarten zusammen mit ihren Hunden. Bild: Sabine Rock

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Es sei der Reiz neue Menschen kennen zu lernen, sagt Ursula Beugger, der sie immer wieder dazu bringt sich die Nächte für und mit völlig fremden Menschen um die Ohren zu schlagen. Seit bald drei Jahren arbeitet die pensionierte Primarlehrerin unendgeltlich für das Palliativnetzwerk Linth. Dabei leistet Beugger ein bis zwei mal im Monat einen Einsatz als Sitzwache im Spital Linth. Das heisst, sie begleitet einen oder mehrere Patienten für eine Nacht lang, führt Gespräche, spatziert mit ihnen durch den Krankenhausflur oder erledigt kleinere Handreichungen.

Zum Freiwilligendienst ist die Jonerin durch ihren damals pflegebedürftigen Vater gekommen. Anfangs hätten sie und ihre Schwester nachts zwar noch selber zu ihrem Vater geschaut. «Irgendwann mussten wir uns aber eingestehen, dass es zusammen mit dem Arbeitsalltag einfach zu viel war», erzählt sie. Das Angebot des Palliativnetzwerk Linth habe ihr und ihrer Schwester eine enorme Entlastung geboten und auch dem Vater habe es viel gebracht.

Etwas zurückgeben

Jahre später ist die heute 70-Jährige durch einen Zeitungsartikel erneut mit dem Thema Sitzwache in Kontakt gekommen. Mittlerweile pensioniert war für sie klar: «Jetzt will ich etwas zurückgeben.» In den vergangenen knapp drei Jahren hat Beugger ihre Entscheidung nie bereut. «Natürlich ist es manchmal auch anstrengend und traurig, trotzdem macht es mir Freude für die Menschen dazusein.»

Das Palliativnetzwerk bietet Sitzwachen sowohl im Spital Linth als auch bei pflegebedürftigen Menschen zuhause an. Ursula Beugger selber leistet ihre Dienste ausschliesslich im Spital. Um komplett alleine für einen Patienten verantwortlich zu sein, fühle sie sich zu unsicher, sagt sie. «Im Spital kann ich in schwierigen Situationen jemanden aus dem Pflegepersonal hinzurufen.»

Ein offenes Ohr

Das wichtigste sei sich auf das Gegenüber einzulassen, sagt Beugger. «Man muss versuchen zu spüren, was der Patient will.» Sonst funktioniere es nicht. Der ehemaligen Lehrerin ist wichtig, dass die Patienten zufrieden und beruhigt sein können. Dabei lässt sie sich auch auf ungewöhnliche Handlungen ein. «Wenn jemand seine Schuhe in den Kühlschrank stellen will, dann soll es eben so sein.» Gerade für dementen Patienten sei es wichtig, diese nicht unnötig aufzuwühlen, sagt Beugger. Bei ihren Diensten ist Beugger grossmehrheitlich mit schwerkranken und sterbenden Menschen konfrontiert.

Oftmals beobachte sie dabei, dass diese hin- und hergerissen seien zwischen Leben und Tod. «Auf der einen Seite sind sie des Lebens müde und unglücklich in ihrer Situation, anderseits ist da die grosse Angst vor dem endgültigen Ende.» In dieser Situation bietet Ursula Beugger ein offenes Ohr. Die Schicksale und Geschichten der Menschen lassen sie nicht kalt. «Wenn ich mich jeweils um halb acht Uhr morgens auf den Heimweg begehe, lasse ich noch einmal die ganze Nacht Revue passieren.» Auch an Schlaf ist nach solchen Nächten nicht zu denken, erzählt die 70-Jährige. Zu aufgewühlt sei sie nach solchen Begegnungen. Da sei es gut, dass sie ohnehin nicht viel Schlaf benötige, erzählt sie lachend.

Als Sitzwache begegnet Beugger jedem Patienten nur einmal. Vergessen aber kann sie keinen. «Jede Todesanzeige die ich sehe geht mir nahe.»

Gemeinsamer Austausch

Gerade deshalb schätzt sie die regelmässigen Treffen mit den anderen Freiwilligen des Palliativnetzwerk. Viermal im Jahr kommen die 32 Frauen und Männer zusammen, um sich auszutauschen und Neues zu lernen. «Es sind alles zuverlässige und grosszügige Leute. Dass ich sie kennengelernt habe, ist ebenfalls mit ein Grund dafür, dass sich die unentgeltliche Arbeit lohnt.»

Erstellt: 26.12.2016, 16:14 Uhr

Palliative Care Linth

Niemand soll allein sein

Das Palliativnetzwerk Linth wurde 2006 als Angebot der Krebsliga Ostschweiz für die Region Linth ins Leben gerufen. Aktuell engagieren sich 29 Frauen sowie drei Männer unendgeltlich unter der Leitung der vier Pflegefachfrauen Andrea Raymann, Brigitte Santo, Katharina Möhl und Petra Wälli. Für die Entlastung von Pflegepersonen und Angehörigen leisten sie ein- bis zweimal pro Monat einen Einsatz als Sitzwache. Sie wurden in einem Einführungskurs auf diese Aufgabe vorbereitet und werden während ihren Einsätzen vom Leitungsteam begleitet.
Der Freiwilligendienst hat es sich zum Ziel gemacht, dass niemand ohne seinen ausdrücklichen Wunsch in einer schwierigen Krankheits- oder Krisensituation allein gelassen wird. Das Netzwerk versteht sich dabei als Ergänzung zum bestehenden medizinischen, pflegerischen Team und arbeitet mit diesen Diensten eng zusammen. fse


Wer sich für den Freiwilligendienst interessiert, kann sich via Telefon 077 423 66 58 oder Email palliativnetzwerk-linth@gmx.ch informieren. Freiwillige Spenden an:
Krebsliga St. Gallen – Appenzell
St. Gallische Kantonalbank Uznach
Konto-Nr. 26 55 007.758-0
Hinweis Freiwilligendienst.

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