Kinderbetreuung

Im Traumberuf ausgebeutet

Wer eine Lehre in einer Kindertagesstätte beginnen möchte, muss zuerst meist ein langes Praktikum absolvieren. Politiker und Verbände fordern nun, die Praktikanten besser zu schützen. Der Tagesansatz würde ohne Praktikanten ansteigen, lautet der Tenor bei Kitas am Obersee.

Ausbeutung von Jugendlichen? Praktikas in Kindertagesstätten werden zunehmend für ihr tiefes Lohnniveau kritisiert.

Ausbeutung von Jugendlichen? Praktikas in Kindertagesstätten werden zunehmend für ihr tiefes Lohnniveau kritisiert. Bild: Symbolbild/Keystone

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Es gibt kaum eine Kindertagesstätte, in der es nicht zumindest eine Praktikumsstelle gibt. Üblich sind oftmals sogar zwei oder drei meistens weibliche Jugendliche, die jeweils während eines Jahres ein Praktikum absolvieren.

Sie betreuen die Kinder, helfen in der Küche mit oder putzen – kurz: sie werden als volle Arbeitskraft eingesetzt. Und das für einen Monatslohn von 800 bis 850 Franken, wie die Übersicht über die Praktikumslöhne des Kantons St. Gallen zeigt. Doch ohne Praktikum haben die Jugendlichen kaum eine Chance, eine der begehrten Lehrstellen als Fachfrau Betreuung (Fabe) zu erhalten.

Billige Arbeitskräfte

Selbst ein Praktikum ist keine Garantie auf eine Lehrstelle: Gibt es in einer Kita mehr Praktikums- als Ausbildungsplätze, wird zumindest eine der Jugendlichen keine Lehrstelle erhalten. Ihr bleibt dann nichts anderes übrig, als ein neues Praktikum anzutreten oder ihren Berufswunsch aufzugeben. Verbände weisen darauf hin, dass die Praktikanten in Betreuungsberufen als billige Arbeitskräfte ausgenutzt werden.

Die SP kritisierte in einer Interpellation das System «Praktikum vor der Lehre», das nicht in das duale Bildungssystem der Schweiz gehöre. «Fabe wird für Mädchen zunehmend zu einer der häufigsten Berufslehren», sagt der Sarganser SP-Kantonsrat Joe Walser. Das Praktikum vor der Lehre bezeichnet er als Unsitte. Noch deutlicher wird die Gewerkschaft Unia. Sie fordert ein Verbot von Vorlehrpraktika, da sich der Spardruck nicht auf die Schwächsten auswirken dürfe.

Laut Kibesuisse, dem Verband Kinderbetreuung Schweiz, beträgt der Tagesansatz einer Kindertagesstätte derzeit im Durchschnitt 110 Franken. Ohne Praktikanten würde dieser auf 145 Franken ansteigen.

Ein Verbot mit Folgen

Ein Blick in die Kitas der Region zeigt ein unterschiedliches Bild im Umgang mit Praktikanten. Die Kita Calimero in Kaltbrunn will Praktikumsstellen abschaffen: «Früher war ein Praktikum Pflicht, um die Tätigkeit ausführen zu können», sagt die Leiterin Janine Kühne: Unterdessen sei daraus ein «normaler» Beruf mit Lehre geworden. «Wir würden unsere Praktikumsstelle einfach in eine Lehrstelle umwandeln, falls Vorlehrpraktika verboten würden», sagt Mirjam Seliner, Leiterin vom Chinderhus Rosengarten in Uznach. Ein Verbot von Praktika würde den Betrieb verteuern, gibt Evelyn Tremp von der Kita Benken GmbH zu bedenken: «Es ist zudem so, dass ein Praktikum keine Bedingung dafür ist, eine Lehre zu absolvieren.»

Im Child Care Corner in Rapperswil-Jona wird die mögliche Abschaffung von Praktika kritisch aufgenommen: «Der Tagesansatz wird sich erhöhen, wenn Praktikanten durch Fachpersonal ersetzt werden müssten», sagt Sven Bucher vom Verein Child Care Concept: Zudem sei ein Praktikum oftmals eine Bedingung für eine Weiterbildung und biete Interessierten die Möglichkeit, einen Einblick in den Beruf zu gewinnen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 20.06.2018, 17:04 Uhr

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