Prager Frühling

Im Traum sieht er die Landschaften seiner böhmischen Heimat

Am 21. August sind es 50 Jahre, seit russische Panzer in die damalige Tschechoslowakei einfielen. Richard Tichy hat die Geschehnisse in Prag als 25-Jähriger hautnah erlebt. Kurz nach dem Einmarsch floh er mit seiner Frau über Österreich in die Schweiz. Heute lebt er in Rapperswil-Jona.

«Hinter uns hatte sich der eiserne Vorhang geschlossen»: Richard Tichy erinnert sich an seine Flucht aus Prag vor 50 Jahren.

«Hinter uns hatte sich der eiserne Vorhang geschlossen»: Richard Tichy erinnert sich an seine Flucht aus Prag vor 50 Jahren. Bild: Michael Trost

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Gross, schlank, Bürstenschnitt. So beschreibt sich Richard Tichy selber am Telefon. Zum Gesprächstermin kommt er mit dem Velo. Während er für die Fotografin eine Runde dreht, springt die Kette raus. Tichy zuckt nur kurz mit den Schultern und hat den Schaden im Handumdrehen behoben.

Die kleine Begebenheit ist symptomatisch: Anpacken, selber machen – man könnte es als Lebensmotto des heute 75-jährigen pensionierten Musiklehrers bezeichnen. Ein Beispiel: Tichy spricht so gut Schweizerdeutsch, dass man ganz genau hinhören muss, um den Akzent noch zu bemerken. Nach seiner Ankunft in der Schweiz im Herbst 1968 habe er ein halbes Jahr lang jedes ihm unbekannte Wort aufgeschrieben und sich die Liste allabendlich eingeprägt, erzählt er. So habe er schnell Deutsch gelernt.

Euphorie und Aufbruch

«1968 war eines der schönsten Jahre in meinem Leben», beginnt Tichy seine Schilderung des Prager Frühlings. Der Begriff bezeichnete in der Tschechoslowakei eigentlich ein Musikfestival, wurde aber später im Westen auf die politische Aufbruchstimmung übertragen. Eine euphorische Stimmung habe geherrscht, die Kritik an den Parteioberen sei lauter und lauter geworden. Gleichzeitig wurden Auslandreisen möglich; Tichy reiste mit seiner Frau, die er 1966 geheiratet hatte, ins damalige Jugoslawien.

Zu Hause war der 25-Jährige als Rockmusiker in einer Künstlergruppe aktiv. Man veranstaltete Happenings auf den Strassen Prags, sang Protestlieder. «Ich war voller Naivität, dass der Aufbruch gelingt», erzählt Tichy. Dabei habe es durchaus Anzeichen gegeben, dass die sowjetische Führung unter Leonid Breschnew das Geschehen in der Tschechoslowakei nicht goutiere. Der Einmarsch am 21. August sei ein Schock gewesen, ein Schlag, der allen in die Knochen fuhr. In Prag stellten sich die Menschen ohne Waffen den russischen Panzern entgegen, versuchten, mit den Soldaten zu reden. Das Radio sendete Hilferufe, die Strassen waren voll mit Plakaten.

«In Prag fühle ich mich heute wie ein Tourist unter Tausenden anderer Touristen.»
Richard Tichy

Als einig und solidarisch habe er seine Mitmenschen erlebt, erzählt Richard Tichy weiter. «Es war tragisch und gleichzeitig schön. So etwas hatte ich vorher noch nie erlebt.» Die Tichys lebten in einer Einzimmerwohnung in Prag, er arbeitete in einem kleinen Konstruktionsbüro, sie war Krankenschwester. «Es ging uns gut, wir lebten zufrieden», sagt Richard Tichy über jene Zeit. Die Wohlstandsunterschiede seien gering gewesen, und für einen Sonntagsbraten habe es immer gereicht. Der junge Mann hatte auf Wunsch seines Vaters eine technische Ausbildung absolviert, daneben aber malte und musizierte er leidenschaftlich.

Keine Freiheit

In jenem Herbst, der ein Frühling hätte werden sollen, spürte Tichy, dass er seine Ideen von Freiheit, seine künstlerischen Projekte in der Tschechoslowakei nicht mehr würde realisieren können. «Ich ahnte das böse Ende.» Treibende Kraft hinter der Flucht war dann aber Tichys Frau. Einen Monat nach der russischen Invasion kauften Tichys Fahrkarten nach Wien – die Grenze nach Österreich war noch offen. Nur die Eltern und zwei Freunde wussten von dem Plan. Mit einer einzigen Tasche kamen sie im Flüchtlingslager an, Geld hatten sie praktisch keines. Seine Frau liebäugelte mit der Weiterreise nach Australien, doch Richard Tichy wollte im deutschsprachigen Europa bleiben. Von seinem Vater her war ihm die deutsche Sprache schon ein wenig vertraut.

Unterwegs per Autostopp

«Jemand im Flüchtlingslager sagte uns, die Schweizer Botschaft sei gar nicht weit weg und so gingen wir dahin», erzählt Tichy. Doch die Botschaft war nur vormittags für zwei Stunden geöffnet, Tichys kamen zu spät. Am nächsten Morgen machten sie sich bereits um fünf Uhr auf den Weg und erhielten problemlos zwei Visa. Mit einer tschechoslowakischen Fahne stellten sie sich an den Strassenrand und fuhren per Autostopp, streckenweise im offenen Lastwagen, in ihre neue Heimat. Als sie im Flüchtlingslager in Buchs ankamen, war Richard Tichy erkältet. Er besass etwa zehn Franken und kaufte sich für das ganze Geld ein paar Taschentücher – aus Stoff. «Ich wusste nicht, dass es auch billige Papiertaschentücher gab.» Ansonsten verlief die Aufnahme in der Schweiz wunderbar, wie Tichy sagt. Noch heute sehe er seine Frau in ihrem neuen schwarzen Wintermantel und der grünen Mütze, die sie von der Sozialarbeiterin bekommen hatte.

Brot statt Knödel

Schon nach wenigen Wochen fanden Tichys Arbeit in Rüti: Er in der Maschinenfabrik, später bei einer Lüftungsfirma, seine Frau im Spital. Sie bezogen eine kleine Wohnung. Dass es für sie kein Zurück mehr geben würde, war den beiden von Anfang an klar. «Hinter uns hatte sich der eiserne Vorhang geschlossen», sagt Richard Tichy. Seine Briefe an die Eltern wurden zensiert, Pakete geöffnet. Später durften die Eltern in die Schweiz zu Besuch kommen – aber nur getrennt.

Unter Heimweh litt er nie

Tichys lebten anfänglich sehr bescheiden. Zum Znacht gab es oft nur Brot und Sardinen. Vom ersten Lohn kaufte sich Richard Tichy einen Transistorradio. 1969 wurde ein Sohn geboren, 1973 begann Richard Tichy eine Ausbildung als Musiklehrer, 1982 wurde die Familie eingebürgert. Heimweh habe er nie gehabt, sagt Tichy zum Schluss des Gesprächs. «Ich habe mich nie verzehrt nach böhmischen Knödeln.» Vielleicht habe er vieles auch einfach verdrängt; das Leben in der Schweiz sei so intensiv gewesen, dass es seine ganze Kraft gefordert habe. «Nur manchmal träume ich von den Landschaften und Freunden meiner Jugend.» Dass er seit der Wende seine alte Heimat wieder ungehindert besuchen kann, freut ihn zwar, aber: «In Prag fühle ich mich heute wie ein Tourist unter Tausenden anderer Touristen.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 17.08.2018, 15:09 Uhr

Der Prager Frühling

Mit dem Ausdruck «Prager Frühling» bezeichnete man im Westen die Reformbewegung in der damaligen Tschechoslowakei, die einen «Sozialismus mit menschlichem Antlitz» zum Ziel hatte und von breiten Teilen der Bevölkerung unterstützt wurde. Alexander Dub?ek, der 1968 Erster Parteisekretär der Kommunistischen Partei geworden war, fuhr einen vorsichtigen Reformkurs. Dieser wurde in den übrigen Staaten des Warschauer Pakts mit zunehmendem Argwohn beobachtet, der schliesslich in der Nacht vom 20. auf den 21. August 1968 im bewaffneten Einmarsch gipfelte.

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