Klosterserie, Tag 6

Durch die Wüste am Zürichsee

Das Kloster Rapperswil ist seit 25 Jahren ein Kloster zum Mitleben. ZSZ-Redaktorin Olivia Tjon-A-Meeuw verbringt eine Woche dort und berichtet hier täglich von ihren Erlebnissen.

Die Aussicht vom Holzsteg war auch schon schöner.

Die Aussicht vom Holzsteg war auch schon schöner. Bild: Olivia Tjon-A-Meeuw

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Wüste bedeutet Alleinsein mit sich selber und mit dem, was ist, in und um uns.» So steht es in der Anleitung zum sogenannten Wüstentag, den alle Gäste im Rahmen ihres Klosteraufenthalts absolvieren. Alleinsein heisst in diesem Kontext, dass wir gestern aus dem Kloster hinausgeschickt wurden, um zu wandern. Jeder für sich alleine. Hinzu kommt, dass wir den Tag ab der Einführung am Morgen bis zur Rückkehr am späten Nachmittag schweigend verbringen sollten. In der Stille und der einsamen Wanderung soll, was einen innerlich bewegt, Vorrang haben.

Ich bin eigentlich jemand, der gerne redet – auch mal mit mir selbst –, und so war ich gespannt, ob ich diese Redepause aushalten würde. Wie sich im Laufe des Tages allerdings herausstellte, war dies das kleinste Problem: Wanderungen entlang des Zürichsees sind ja meistens ganz schön, doch gestern kletterte das Thermometer nie über fünf Grad, und es regnete, wie es mir schien, konstant.

Ich hatte als Route zuerst einen kurzen Abstecher über den Holzsteg geplant, da ich ihn noch nie überquert hatte. Nachdem ich mich gut eingepackt hatte, stapfte ich also los. Dabei dachte ich die ganze Zeit: «Was denk ich gerade?» Ich ging mir selbst ein wenig auf die Nerven. Auf dem Holzsteg las ich alle Infotafeln, um mal von mir selbst wegzukommen. Irgendwann fing ich an, in meinem Kopf zu singen – «Darth Vader’s Theme» aus «Star Wars».

In Hurden angekommen, kehrte ich wieder um. Ich wollte noch bis nach Wurmsbach, schliesslich hatte ich noch Stunden vor mir, die irgendwie gefüllt werden mussten.

Es nieselte, und ich wünschte mir inbrünstig, dass es Sommer wäre. Wie wunderbar wäre dann ein Tag am See. Selten habe ich so intensiv über das Wetter nach­gedacht. Zum Glück hatte ich meinen Schirm dabei.

Irgendwann wurde die «Star Wars»-Musik von andern Liedern abgelöst. Dabei merkte ich, dass ich keinen einzigen Song ganz auswendig kann. Das sollte ich dringend ändern, denn es ist ziemlich nervig, wenn einem immer die gleichen zwei Zeilen durch den Kopf gehen.

In der Kirche in Busskirch legte ich einen Zwischenstopp ein. Ganz alleine sass ich im Dunkeln. Die Stille war fast ein physischer Druck. Draussen hört man ständig Geräusche – Züge, Hunde, Wind und Regen. Nun aber war es wirklich still. Es war beinahe ein wenig unangenehm. Ich verbrachte einige Zeit in Gedanken versunken. Als ich meiner wieder bewusst wurde, war das Unwohlsein verflogen.

Die Kirchenglocken warendas Signal, um weiterzuziehen. Inzwischen nieselte es nicht mehr, sondern regnete richtig. Egal, ich hatte ein Ziel vor Augen. Doch an der Mündung der Jona merkte ich, dass meine Winterschuhe wohl bald die Nässe durchlassen würden. So entschloss ich mich, umzukehren.

Ich suchte auf dem Rückweg wiederum in der Busskirche Zuflucht, denn ich war vollkommen durchnässt und durchfroren. Nach einer kurzen Verschnaufpause eilte ich zurück ins Kloster.

Den Rest des Nachmittags verbrachte ich schweigend – auch ohne Handy – in meinem Zimmer. Mit mir selbst alleine sein geht in Ordnung, aber dann soll mich gefälligst auch der Regen in Ruhe lassen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 08.12.2017, 16:39 Uhr

Olivia Tjon-A-Meeuw, Redaktorin

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