Rapperswil

«Ich möchte an die Grenzen meines Körpers gehen»

Christian Bermes forscht an der HSR zu Exoskeletten und Rollstühlen, die Treppen hochsteigen und Türen öffnen. Der Professor träumt davon, dereinst als Raumfahrer ins Weltall zu fliegen.

Christian Bermes konstruiert im Labor an der Hochschule für Technik Rapperswil Rollstühle, die Treppen  hochsteigen und Türen öffnen. Per Joystick kann der Pilot vom Sitz aus die Räder um 360 Grad drehen.

Christian Bermes konstruiert im Labor an der Hochschule für Technik Rapperswil Rollstühle, die Treppen hochsteigen und Türen öffnen. Per Joystick kann der Pilot vom Sitz aus die Räder um 360 Grad drehen. Bild: Michael Trost

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Herr Bermes, sind Sie ein Cyborg?
Christian Bermes: Nein (lacht), ich bin aus Fleisch und Blut. Aber man soll nie nie sagen, auch wenn ich es mir derzeit nicht vorstellen kann, mit einer Maschine zu verschmelzen. Es lässt sich nicht von der Hand weisen, dass der Einbau eines Chips unter die Haut einen Nutzen mit sich bringen kann. Dank eines Chips lassen sich Türen öffnen, das Auto starten und Geld abheben. Allerdings habe ich ganz andere Träume: Ich möchte gerne Astronaut der Europäischen Weltraumorganisation werden. Oder Bergführer werden und damit an die Grenzen meines Körpers gehen.

Sie forschen unter anderem zu Exoskeletten. Was ist der Sinn und Zweck dieser Maschinen?
Exoskelette sind am Körper tragbare Roboter oder Maschinen, welche die Bewegungen des Trägers unterstützen oder komplett übernehmen. Es kann hier um eine rein medizinische Anwendung gehen: Exoskelette sollen zur Rehabilitation von Menschen mit Lähmungen beitragen. Das Exoskelett ermöglicht zum Beispiel Paraplegikern, wieder zu gehen.

Werden wir eines Tages alle zu Maschinenmenschen?
Die Frage ist, wie wir das definieren. Ich glaube, Cyborgs im Alltag werden wir alle nicht mehr erleben. Im Fokus steht bei Exoskeletten in der Tat die Medizin und die Hilfe für Menschen mit Behinderung. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sich Menschen der heutigen Zeit extra einen Arm amputieren und durch eine Prothese ersetzen lassen. Die Nachteile überwiegen mögliche Vorteile bei weitem.

Wie schätzen Sie die technologische Entwicklung der heutigen Zeit ein?
Unsere Technik, die wir an der HSR entwickeln, soll den Menschen dienen und im Alltag robust funktionieren. Was eher aufgrund der rasanten Entwicklung der Technologie für zu einer Umwälzung in der Geschichte der Menschheit führt, ist die Entwicklung von Smartphones und der Umstand, dass Menschen vermehrt den Eindruck erwecken, sie seien fremdgesteuert.

Überrascht Sie diese Entwicklung?
Wer hätte sich vor zwei Jahrzehnten ausmalen können, wie das Smartphone das Leben der Menschen im Jahr 2018 prägen wird? Interessant ist, dass wir die technische Entwicklung für die kommenden zwei Jahre zumeist überschätzen, diejenige bis in zehn Jahren andererseits unterschätzen.

Was haben wir unterschätzt?
Fakt bleibt, dass die Sicherheit der Daten in den Fokus rückt. Mich erstaunt, wie wir – und ich meine damit auch mich selbst – einen überaus legeren Umgang mit unseren Daten pflegen. Möglicherweise ist dies einfach dem Umstand geschuldet, dass Digital Natives wie selbstverständlich in dieser Datenwelt aufgewachsen sind und ich als Digital Immigrant in eine Welt geboren wurde, als es noch keine Computer und kein Internet gab.

Wo orten Sie denn die Gefahren einer ausufernden technologischen Entwicklung?
Obwohl ich düstere Endzeitfilme wie etwa «Die Klapperschlange», der notabene in der «Zukunft» des Jahres 1997 spielt, liebe, habe ich keine Angst vor der Zukunft. Man soll den Teufel nicht an die Wand malen. Oftmals kommt es ganz anders heraus als man denkt. Als Google Glass entwickelt wurde, glaubte man, dieser Computer werde die Welt revolutionieren. Heute spricht kein Mensch mehr von dieser Datenbrille. Vielleicht geht es zuletzt um ganz pragmatische Fragen: Habe ich einen Mehrwert davon, wenn ich meine Daten preisgebe und dafür als Gegenwert Zugriff auf den Google-Maps-Online-Kartendienst habe?

Glauben Sie, dass die Roboter eines Tages die Welt beherrschen?
Nein, ich denke nicht, dafür fehlt ihnen wohl auch künftig das Bewusstsien. Dieses basiert ja auch auf Emotionen, auf Gefühlen, auf der Gabe, einschätzen zu können, was gut oder schlecht ist, was Angst macht und was Leid verursacht. Das können Roboter nicht. Hingegen werden sie zu einer grossen Umwälzung auf dem Arbeitsmarkt führen.

Kann es sein, dass uns Roboter die Arbeit wegnehmen?
Roboter werden Menschen in der Produktion zum Teil ersetzen, auch wenn sie nicht alles machen werden können. Auf der anderen Seite werden dank Robotern neue Jobs geschaffen, von denen wir jetzt noch nicht mal wissen, wie sie aussehen werden. Auch wenn Roboter kaum als die grossen Jobkiller in die Geschichte eingehen werden, könnten künftig nicht mehr alle Menschen eine Arbeit haben. Über die Möglichkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens wird ja derzeit viel gesprochen, und ich finde es gut, dass man das diskutiert.

Sie haben 2016 mit Ihrem Team HSR Enhanced am Cybathlon Gold im Rollstuhlrennen gewonnen. Wie sind Sie auf die Rollstühle gekommen?
Das war ein grosser Zufall. Ein Jahr vor dem Wettkampf bin ich via einen Link im Internet auf die Ausschreibung gestossen. Dann haben wir als erstes einen Piloten gesucht und dann gemeinsam mit ihm sein Sportgerät entwickelt. Dabei war es gar nicht unser Ziel, Gold zu holen. Mich persönlich hat die Arbeit mit den Behinderten verändert. Ich bin sehr berührt davon zu sehen, wie dank des Rollstuhls ein neues Leben für Paraplegiker möglich wird, ein «neues Normal».

Können Sie dies genauer beschreiben?
Mich hat sehr gerührt, wie Werner Witschi, querschnittsgelähmter Pilot des Teams Varileg, seine Freude darüber mitteilte, dass er sich dank des Exoskeletts wieder auf Augenhöhe mit seiner Frau bewegen könne.

Wie lauten Ihre nächsten Ziele?
Wir werden im Jahr 2020 am nächsten Cybathlon teilnehmen, dannzumal mit einem Rollstuhl mit einem Roboterarm, der Türen öffnen kann. Grundsätzlich liegt mir nicht nur die eigentliche Forschung mit meinem Team am Herzen, sondern auch die Ausbildung der Studierenden und die enge Verzahnung zwischen beidem. Wichtig ist mir auch, dass unsere Arbeit einen konkreten Nutzen abwirft. Und dass sie Brücken bauen kann zwischen den Schweizer Hochschulen. (zsz.ch)

Erstellt: 22.07.2018, 13:45 Uhr

Zur Person

Christian Bermes, 1980 in Norddeutschland geboren, ist seit 2014 Professor an der Hoschule für Technik Rapperswil (HSR) am ILT Institut für Laborautomation und Mechatronik. Er erforscht unter anderem cyber-physische Systeme und das Internet der Dinge. Zuvor hat er in seiner vierjährigen Industrietätigkeit bei Alstom Power und Bosch Erfahrungen in der industriellen Forschung und in der Produktentwicklung von Gebrauchsgütern gesammelt. Christian Bermes studierte Ingenieurwissenschaften in Hamburg, Stuttgart und Atlanta (USA) und promovierte an der ETH Zürich zur Entwicklung einer Helikopterdrohne. Er zählt Bergsteigen und Klettern zu seinen Hobbies und lebt in Rapperswil-Jona.ml

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