Rapperswil-Jona

«Ich hätte mich gern von den Lesern verabschiedet»

36 Jahre lang war Bruno Hug bei den «Obersee-Nachrichten» – dann wurde er freigestellt. Jetzt erzählt Hug erstmals ­etwas mehr darüber, was in den vergangenen Wochen alles passierte.

«Als Verleger interessiert mich das Internet»: Nach seiner Freistellung bei den «Obersee-Nachrichten» hegt Hug neue Pläne. Für ihn wäre gar ein Rückkauf der Gratiszeitung denkbar.

«Als Verleger interessiert mich das Internet»: Nach seiner Freistellung bei den «Obersee-Nachrichten» hegt Hug neue Pläne. Für ihn wäre gar ein Rückkauf der Gratiszeitung denkbar. Bild: Moritz Hager

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Sie wurden vom Somedia-Verlag, dem Sie 1999 die «Obersee-Nachrichten» verkauft haben, gleich nach der Publikation des Kesb-Gerichtsurteils als Verleger und Chefredaktor freigestellt. Welche Frage wurden Ihnen ­dazu seither am häufigsten ­gestellt?
Bruno Hug: Waren die Artikel in den ON zur Kesb nun wahr oder nicht?

Was haben Sie geantwortet?
Die Artikel waren wahr und zeigten die Sicht der Betroffenen. Der Anwalt von Stadt und Kesb wendete für die Klage gemäss seinen Angaben 1150 Stunden auf. Trotzdem konnte er mir und meinem Mitredaktor in all seinen Klageschriften keinen einzigen unwahren Artikel belegen. Aussagen, wie sie kürzlich Ex-Stadtpräsident Erich Zoller in Ihrer Zeitung machte, das Urteil zeige, dass unsere Artikel nicht der Wahrheit entsprochen hätten, sind falsch.

Somedia schien während des Prozesses mit Ihnen nicht mehr einigzugehen. War es rück­blickend ein Fehler, die Zeitung an Somedia zu verkaufen?
Die Zusammenarbeit zwischen dem Somedia-Verlag und mir klappte bis Mitte 2017 bestens. Dann hat sich Somedia von mir abgewendet.

Es ist in der Branche ein offenes Geheimnis, dass Somedia die «Obersee-Nachrichten» anderen Verlegern zum Kauf oder als Abtauschgeschäft angeboten hat. Sie hätten das Geld: Haben Sie vor, ebenfalls ein Angebot zu machen, um die Zeitung ­zurückzukaufen?
Auch mir wurden die von Ihnen genannten Verkaufsabsichten zugetragen. Und ich zeigte Somedia auch mein Kaufinteresse an. Der Bündner Verlag aber scheint an den ON festzuhalten.

«Die Artikel waren wahr und zeigten die Sicht der Betroffenen.»Bruno Hug

Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie nicht mehr schreiben möchten. Gründen Sie ein neues Projekt?
Was ich künftig tue, lasse ich offen. Grundsätzlich war ich immer auf verschiedenen Ebenen tätig, so bis heute als Mitgründer und Aktionär der Dieci-Gruppe oder in meiner damaligen Firma Denon, mit der wir für Grossfirmen Medien herstellten, sowie bei den Lakers und anderen Projekten. Ich werde also Unternehmer bleiben. Und als Verleger interessiert mich das Internet. Wir werden sehen.

Die Berichte zur Kesb wurden weniger, nachdem die Stadt ­geklagt hatte. Weshalb?
Ich bin freigestellt und darf mich aus arbeitsrechtlicher Sicht zu ON-Fragen nicht mehr äussern. Aber alle ON-Leser haben ja gesehen, dass die Zeitung kaum mehr zur Kesb und nichts zum Kesb-Urteil schrieb. Letzteres führte für mich zur wenig erfreulichen Situation, dass ich zu Vorwürfen und Deutungen keine Stellung nehmen konnte, während andere Medien berichteten.

Freiwillig haben Sie wohl auch den Verwaltungsrat der ON nicht verlassen. Wie wurde ­Ihnen das kommuniziert?
Ich wurde aus dem Verwaltungsrat abgewählt.

Fühlen Sie sich vom Mutterhaus der ON, von Somedia, im Stich gelassen?
Die «Obersee-Nachrichten» gehören Somedia. Der Verlag kann mit seinem Eigentum machen, was ihm richtig erscheint. Wichtig ist für mich in solchen Situationen, dass man anständig bleibt und Rücksicht nimmt.

Und tut Somedia das?
Dazu möchte ich keine Ausführungen machen.

Sie haben sich nach 36 Jahren als ON-Verleger von Ihren ­Lesern nicht verabschiedet. ­Warum?
Ich wurde kurz nach Vorliegen des Kesb-Urteils per sofort freigestellt und konnte deshalb in den ON nicht mehr schreiben. Ich hätte mich natürlich nach dieser langen Zeit von den Leserinnen und Lesern und allen Partnern gern verabschiedet und mich bei ihnen bedankt.

«Alle ON-Leser haben ja gesehen, dass die Zeitung kaum mehr zur Kesb und nichts zum Kesb-Urteil schrieb.»Bruno Hug

Wie hat Somedia damals Ihre Kandidatur als Stadtpräsident aufgenommen – gegen aussen gab man sich ja gelassen?
Somedia hat sich damals öffentlich dazu geäussert und fand das okay. Als ich zum zweiten Wahlgang nicht mehr antrat, war man mit meinem Entscheid zufrieden.

Werden Sie nun definitiv gegen das gefällte Kesb-Urteil ankämpfen?
Mein Mitredaktor und ich haben die Urteilsbegründung verlangt. Damit ist das Melser Kesb-Urteil nicht rechtskräftig. Nach Vorliegen der Begründung wird entschieden, wie weiter. Fest steht: Das Urteil enthält viele äusserst fragwürdige Entscheide.

Welchen meinen Sie?
Ein höheres Gericht könnte der Stadt etwa die Klagelegitimation absprechen. Denn die Kesb Linth ist fachlich eine von der Stadt ­unabhängige Behörde. Auch der Kampagnenvorwurf an uns Redaktoren ist problematisch, mit ihm wird die Medienfreiheit stark eingeschränkt. Höchst fragwürdig ist auch der Entscheid zu Facebook. Das Gericht macht mich als Redaktor für Drittkommentare auf Facebook verantwortlich. Wäre das haltbar, könnte Facebook kaum weiterexistieren, weil jedermann für Drittaussagen bestraft werden könnte. Die 50 Millionen Unternehmen, die weltweit auf Facebook präsent sind, müssten sich wohl bei Facebook abmelden.

Das Gericht schreibt aber im Urteilsdispositiv auch, Sie hätten die Diskussionen auf Facebook angeheizt.
Es ist komplett unverständlich, wie das Gericht zu diesem Urteil kommt. Wenn kritischer Journalismus ein solches Anheizen bedeuten soll, ist die Medienfreiheit tot. Im Übrigen habe ich auf Facebook nachweislich zu Anstand gegenüber dem Leiter der Kesb Linth aufgerufen. Anzufügen ist auch, dass der Bundesrat im Mai 2017 festhielt, dass in sozialen Medien die Provider für den Seiteninhalt verantwortlich sind, also eben Facebook. Primär haftet jedoch die eintragende Person. Ausserdem legte das Bundesgericht fest, dass niemand für fremdes Verhalten verantwortlich gemacht werden kann. Das Melser Urteil könnte in einem nächsten Urteil völlig umgestossen werden – und damit auch die Frage, wer wen zu entschädigen hat.

Das Interview wurde schriftlich geführt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 28.12.2017, 10:27 Uhr

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