Wochengespräch

«Ich habe einmal Cannabis geraucht, doch davon wurde mir speiübel»

Claudia Streuli leitet ein Unternehmen mit 230 Mitarbeitern. Die Apothekerin glaubt an eine Seele, aber nicht an die Existenz eines Gottes.

Claudia Streuli?führt das Familienunternehmen in fünfter Generation und hofft, dass ihr Sohn dereinst den Betrieb weiterführen wird.

Claudia Streuli?führt das Familienunternehmen in fünfter Generation und hofft, dass ihr Sohn dereinst den Betrieb weiterführen wird. Bild: Reto Schneider

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Sie produzieren Generika von Aspirin, Ponstan, Ketalgin, Stilnox und Seropram, neben Schmerz- und Schlafmitteln auch Antidepressiva. Glauben Sie an die Existenz einer Seele?
Claudia Streuli: Nicht im Sinne des Christentums, aus der Kirche bin ich längst ausgetreten. Die Seele kann man nicht trennen vom Körper. Ich weiss, dass mir Yoga, Meditation und Gartenarbeit Gelassenheit verschaffen und in diesem Sinne gut sind für meine Seele. Auch wenn ich nicht an eine Existenz im Jenseits nach dem Tod glaube oder an den einen Gott, so halte ich es doch für möglich, dass es so etwas wie eine ­höhere Macht gibt.

Haben Sie selber auch Erfahrung mit psychedelischen Substanzen gemacht?
Ich habe einmal in meinem Leben einen Joint geraucht, doch davon wurde mir speiübel. Seither lasse ich das Cannabis und halte mich lieber an guten Wein (lacht). Allerdings ist Cannabis ein wertvolles Mittel gegen Schmerzen.

Sie leiten ein grosses Unternehmen. Wie gehen Sie mit dem Druck und der Verantwortung um?
Ich übernehme gerne Verantwortung, das liegt mir wohl im Blut. In jedem Fall bin ich Unternehmerin und kein Manager, der kommt und geht. Ich muss oft auch unpopuläre Entscheidungen treffen, was mich ethisch und moralisch herausfordert.

Nach wie vor sind Frauen selten in Führungsfunktionen der Schweizer Wirtschaft. Wie haben Sie Ihre Rolle gefunden ?
Ich war in der Anfangszeit als Frau in dieser Führungsfunktion eine totale Exotin. Auch heute noch gibt es viel zu wenige Frauen als CEO. Kürzlich hat Bundesrat Ammann Wirtschaftsführer versammelt – als ich mich in der Runde umschaute, sah ich vornehmlich Männer. Mein Vater hat nicht differenziert zwischen den Geschlechtern – vielleicht, weil er drei Töchter hatte und keinen Sohn? Jedenfalls hat er uns alle drei gefördert, und ich konnte den Betrieb von ihm übernehmen. Wohl aus diesem Grund ist bei uns die Hälfte des Managements mit Frauen besetzt.

Weshalb haben es Frauen noch immer schwer, CEO zu werden?
Bei Frauen tickt die biologische Uhr – oftmals müssen sie sich zwischen Karriere und Familie entscheiden. Nach der Babypause kommen sie meist gar nicht mehr in den Beruf zurück. Es fehlt in unserem Land an alternativen Modellen, Job-Sharing gibt es zum Beispiel kaum. Während es im urbanen Raum zumindest Kinderkrippen gibt, sind Uznach und Umgebung, was Strukturen für arbeitende Mütter betrifft, eine Einöde.

Glauben Sie, dass Frauen anders führen, anders entscheiden als Männer?
Sie agieren anders. Sie sind selbstkritischer und stellen sich und ihre Arbeit mehr in Frage. Während Männer öfter bereit sind, auch mal die Ellbogen auszufahren, lassen Frauen eher Vorsicht walten und reflektieren ihr Handeln.

In der Schweiz zu produzieren, ist wegen des Frankenkurses schwierig geworden. Kommt ein Wegzug Ihres Betriebes ins Ausland in Frage?
Das wohl weniger. Auch wenn uns die Aufhebung des Euromindestkurses kalt erwischt hat, bin ich eine Verfechterin des Frankens. Wir haben einen sehr hohen Lebensstandard mit hohen Löhnen und hohen Mieten. Dies kostet eben seinen Preis. Als sehr gefährlich betrachte ich den Prozess der Deindustrialisierung mit dem einhergehenden Verlust von Arbeitsstellen und Fachwissen. Es können schliesslich nicht alle als Bauern oder Akademiker arbeiten. Die Entwicklung stimmt wenig zuversichtlich, wenn alle an die Fachhochschulen und Universitäten strömen und es kaum mehr Leute gibt, die sich mit klassischem Handwerk beschäftigen. Dadurch entsteht ein bedenkliches Vakuum.

Könnte eine Regulierung des Marktes Abhilfe schaffen?
Nein. Ich bin komplett gegen ­Protektionismus und eine Sonderbehandlung von bestimmten Bereichen unserer Wirtschaft. Ein Wettbewerb innerhalb des Markts garantiert die besten Voraussetzungen für eine florierende Wirtschaft. Und es gibt auch keinen Grund für mich persönlich zu jammern: Unser Betrieb kommt gut über die Runden.

Würde Ihnen der Entscheid, von Uznach wegzuziehen, schwerfallen?
Ja, mit Bestimmtheit, denn diesbezüglich wohnen zwei Seelen in meiner Brust. Fakt ist: Unser Betrieb liegt mittlerweile quer in der Landschaft. An unserem Standort steht aufgrund des Richtplans eine gemischte Nutzung mit Wohnen im Vordergrund. Deswegen ist unsere Firma hier quasi ein Fremdkörper. Hinzu kommt, dass wir aufgrund der Umstellung von manueller zu automatischer Produktion weniger Platz brauchen. Ein Umzug in eine andere Gemeinde am Obersee wäre aus diesen Gründen durchaus angebracht.

Nach 150 Jahren wird die Streuli- Apotheke im Uzner Städtchen geschlossen. Was bedeutet dies für Sie?
Es geht eine Ära zu Ende. Die Schliessung ist emotional für mich schwer zu verkraften. Ich hatte die Wahl zwischen Pest und Cholera. Hätten wir auf den Verkauf der Apotheke verzichtet, wäre die künftige Existenz unsicher gewesen. Jetzt hat die Apotheke einen neuen Eigentümer und einen neuen Standort: Alle Mitarbeiter können weiter beschäftigt werden, und das Gasterland behält seine einzige Apotheke. Fakt bleibt: Eine unabhängige Aotheke, die nicht einer Kette angehört, hat es sehr schwer in der heutigen Zeit, in der die Medikamentenpreise und auch die Marge immer weiter sinken.

Ist die Schliessung ein Zeichen vom Niedergang des Uzner Städtli?
Gut möglich. Früher gab es einen grossen Mix an Läden. Es gab zwei Metzgereien, tolle Boutiquen und ganze drei Bäckereien! Heutzutage wird das Städtli vom Verkehr erdrückt. Gleichzeitig fehlen Parkplätze und ein Angebot, das eine Laufkundschaft anziehen würde. Ich zweifle daran, dass allein der Bau der ­Gasterstrasse das Problem lösen wird.

Können Sie sich vorstellen, privat Uznach den Rücken zu kehren?
Leider ja. Die geplante Grossüberbauung im Bifang auf dieser grünen Oase stösst uns Nachbarn vollends vor den Kopf. Die geplante Blocksiedlung mit fünfgeschossigen Mehrfamilienhäusern ist ein ungeheuerliches Projekt, das uns wohl die so geschätzte Aussicht wegnehmen wird. Die delikate Frage am Ganzen: Wieso hat die Gemeinde mit den Bürgern nicht geredet und das Projekt transparent kommuniziert? Stattdessen hat sie uns vor vollendete Tatsachen gestellt. Das verstehe ich nicht. Womöglich handelt die Gemeinde taktisch und bringt am Schluss einen Kompromiss auf den Tisch?

Was glauben Sie, wohin bewegt sich unsere Welt?
Wenn wir nicht Sorge zu unserer Umwelt tragen und die Ressourcen schützen, wird die Lage unseres Planeten noch bedrohlicher. Gesellschaftlich betrachtet gebärden sich die Menschen immer egoistischer. Die Sprache, auch in Form von Büchern und Briefen, scheint uns als verbindendes Element abhandenzukommen. Politisch sehe ich viel Radikales heranwachsen. Wir leben in einer unsicheren Zeit. Es ist zu befürchten, dass nun eine lange Zeit des Friedens zu Ende geht.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 26.06.2016, 17:41 Uhr

Zur Person

Claudia Streuli ist am 1. November 1962 geboren und in Uznach aufgewachsen. Nach einem Studium der Pharmazie übernimmt sie im Jahr 1994 die Leitung der Produktion im Familienunternehmen und ist seit 2003 CEO von Streuli Pharma AG. Neben Literatur und Geschichte findet Claudia Streuli auch noch Zeit für Gartenarbeit und Yoga. Sie ist verheiratet, hat einen Sohn und lebt in Uznach. (ml)

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