Wochengespräch

«Ich empfinde die Forderung nach öffentlichen Uferwegen als eine Zwängerei»

Emmanuel Séquin stammt aus einer berühmten Familie, die im 19. Jahrhundert Industriegeschichte am Zürichsee geschrieben hat. Die ZSZ sprach mit dem 61-jährigen Finanzdirektor.

Emmanuel Séquin ist im Waadtland aufgewachsen und lebt heute am Zürichsee.

Emmanuel Séquin ist im Waadtland aufgewachsen und lebt heute am Zürichsee. Bild: Manuela Matt

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Sind Sie ein religiöser Mensch?
Emmanuel Séquin: Ja, das bin ich. Allerdings nicht im praktizierenden Sinne. Als Waadtländer bin ich naturgemäss Protestant. Obwohl ich der Kirche distanziert gegenüberstehe, glaube ich durchaus an etwas Grösseres, das den menschlichen Geist übersteigt. Wieso fragen Sie das?

Sie leben immerhin neben einem Kultraum, in dem bereits vor über 2000 Jahren dem Gott Mithras gehuldigt wurde, und der bestrafte die Ungläubigen...
Nun, ich schlafe gut in meinem Haus (lacht). Es gibt allerdings Leute, die spüren eine Kraft, eine Energie, wenn sie hier sind, die vom Mithras-Tempel auszustrahlen scheint. Ich selber spüre nichts. Nichtsdestotrotz war mein Erstaunen gross, als ein Bagger während den Aushubarbeiten für ein Bauprojekt in meinem Garten unverhofft auf den Kultraum und drei Kalkbrennöfen gestossen ist.

War das eine Hiobsbotschaft?
Für mein Projekt schon, denn der Baubeginn verzögerte sich erheblich. Bis die Archäologen alles dokumentiert hatten, verging viel Zeit. An sich war es aber eine überaus interessante Zeit, denn die Ausgrabungen waren eine Sensation. Man fand Münzen, Knochen, Scherben, Kristallstücke, beschriftete Altäre aus dem 4. Jahrhundert nach Christus und den einmaligen Mithras-Tempel. Die Geschichte der Römer fand mitten in meinem Garten statt. So habe ich denn auch meinen Wein «Cuvée Mithras» getauft.

Wie sind Sie überhaupt in diesem Haus in der Kempratner Bucht gelandet?
Vor dreissig Jahren zog ich der Liebe wegen von der Westschweiz an den Zürichsee und in das Haus, das seit dem Jahr 1857 in Besitz der Familie Braendlin ist, welche die Spinnerei in Jona aufbaute. Meine Mutter war eine Braendlin. Meine Grossmutter leitete eine Haushaltschule im Haus, in die Schülerinnen aus allen Herren Ländern kamen. Das Haus wurde 1802 gebaut und hat eine bewegte Geschichte. Ich hoffe, dass auch die kommenden Generationen in diesem Haus leben und dieses prägen werden.

Sie leben nicht nur aus religiöser, sondern auch aus politischer Sicht in einer höchst brisanten Zone. Der öffentliche Seezugang im Gubel hat mächtig Wellen geworfen.
Ich glaube, dass ein guter Kompromiss gelungen ist mit dem Seezugang. Auch wenn es mir als Naturmensch weh tat, zuschauen zu müssen, dass Bäume gefällt werden mussten, dass ein Stück Natur verloren ging. Ich bedauere, dass in Rapperswil-Jona einerseits eine Liegewiese geopfert werden soll für die Natur und gleichzeitig im Gubel eine Landschaft voller Natur zerstört wird, damit Leute an den See gehen können. Vielleicht hätte man besser alles so gelassen, wie es war, und damit auch noch zwei Millionen Franken gespart.

Wie stellen Sie sich den Forderungen nach einem öffentlich zugänglichen Uferweg dem See entlang?
Ich empfinde das Ganze als eine Zwängerei. Man sollte nicht vergessen, dass für die Anrainer auch Pflegearbeiten und Unterhaltskosten anfallen, dass sie für das Reinigen des Seeanstosses aufkommen, dass sie den Abtransport von Schwemmholz und Abfall bezahlen müssen. Abgesehen davon gibt es ja für die Bevölkerung in unserer Region viele Möglichkeiten, an den See zu gehen, wo das Ufer öffentlich ist.

«Die Menschheit wird von der Zeit überrollt. Wir bezahlen einen hohen Preis, wenn wir die Kontrolle verlieren.»Emmanuel Séquin

Kommt in der Forderung nach einem öffentlichen Uferweg aus Ihrer Sicht Neid der Mittellosen gegenüber den Reichen zum Ausdruck?
Wir leben vollends in einer Neid-Gesellschaft! Man soll allerdings darüber nicht vergessen, dass es viel mit Glück zu tun, an einer solchen Lage am See leben zu dürfen. Und dass es ein Privileg ist, in der Schweiz auf die Welt gekommen zu sein, wo der Staat für einen sorgt, und nicht etwa in irgendeinem armen Land in der dritten Welt. Obwohl einem also das Glück gewissermassen zufliegt, steht man dann gleichzeitig in der Verantwortung, etwas zu tun für das Glück und dieses zu teilen und weiterzugeben. Gänzlich sind wir nicht einem blinden Schicksal ausgeliefert, wir können manches selber beeinflussen.

Inwiefern setzen Sie sich selber für die Gemeinschaft ein?
Ich engagiere mich im Kiwanis-Club Rapperswil-Jona, der Projekte aufbaut, um auf diese Weise benachteiligten Kindern und Jugendlichen in der Welt eine Chance zu geben. Kiwaner wollen in ihren Zielen durch uneigennützige Dienste eine bessere Gemeinschaft bilden helfen. Allerdings finde ich es unnötig, sein Engagement für die Gesellschaft an die grosse Glocke zu hängen.

In der Tat ist wenig über Sie bekannt in der Öffentlichkeit.
Ich bin ein diskreter Mensch und froh, wenn man nichts im Internet über mich findet, wenn man mich googelt. Ich bin lieber hinter den Kulissen. So war mir etwa immer ein Graus, Vorträge halten zu müssen. Nie im Leben hätte ich Politiker werden können!

Stattdessen wurden Sie Finanzfachmann. War das Ihr Bubentraum?
Mein Vater besass eine Futterfabrik und eine Hühnerfarm. Von daher wurde ich früh in meinem Leben mit dem Ökonomischen vertraut. Später wurde ich dann Finanzdirektor eines Unternehmens, das Weichweizenmehl liefert. Hintergrund meiner beruflichen Entwicklung ist ein ganz banaler: Ich habe einfach ein Flair für Zahlen.

Und eines für das Geld. Was bedeutet Ihnen Geld?
Natürlich ist es besser und angenehmer, man hat zu viel davon statt zu wenig. Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass man mit dem Geld lebt, das man selbst erarbeitet hat. Es existieren zwei Ebenen des Geldes: Es gibt das Geld, das man verdienen muss, bevor man es ausgibt. Und dann gibt es das Vermögen, das seit Generationen aufgebaut worden ist, von uns gepflegt wird und für die nächste Generation bestimmt ist. Da geht es dann um Verantwortung, Respekt und Grosszügigkeit. Es geht darum, dass man seinen Anteil weitergibt, ohne darüber sprechen zu müssen.

Wieso wird Geld immer wichtiger in unserer Gesellschaft?
Es gibt ja nicht nur den Neid der Armen, sondern auch die Gier der Reichen. Alle wollen immer mehr Geld. Das Geld ist ja an sich eine alte Erfindung des Menschen. Aber noch kaum je in der Geschichte wurde dem Geld eine solche Wichtigkeit zugemessen. Dabei sollte man die Leute nicht nur an ihrem Geld messen. Es gibt wichtigere Werte, die einen Menschen gut und achtbar machen.

Können Sie einschätzen, wie sich die Finanzen in der Welt entwickeln?
Die Finanzmärkte bewegen sich zyklisch, so wie sich das Klima, die Natur, die Sterne zyklisch bewegen. In diesem Sinne gibt es Hochs und Tiefs. Hinzu kommt, dass es zu einer Blase kommen kann und dass eine totale Schuldenkrise ausbrechen könnte.

Droht eine Apokalypse?
Ich glaube nicht, dass das Ende der Menschheit bevorsteht. Zu beobachten ist allerdings, dass die Zeit die Menschheit überrollt. Alles geht sehr schnell. Wir bezahlen einen hohen Preis, wenn wir die Kontrolle verlieren. Am Beispiel der Klimakatastrophe zeigt sich, wie es eigentlich schon zu spät ist, den Lauf der Dinge noch korrigieren zu können. Nichtsdestotrotz bleibe ich ein positiv denkender Mensch und glaube, dass es Lösungen gibt. Mit allen Mitteln müssen wir versuchen, der nächsten Generation kein Trümmerfeld auf dieser Welt zu überlassen.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 17.09.2017, 16:37 Uhr

Zur Person

Emmanuel Séquin, geboren am 5. Juli 1956 in Coppet und auf­gewachsen im Waadtland, mit Bürgerort Lichtensteig, hat in Genf und in den USA Wirtschaft studiert. Die ersten zehn Jahre seiner beruflichen Laufbahn verbringt er bei der Citibank in Zürich, bevor er die Funktion des Finanzdirektors bei Dow Jones Telerate übernimmt. Im Anschluss an eine Beförderung auf Ebene von CFO Europe verbringt Emmanuel Séquin zwei Jahre in London. Dann arbeitet er bei der Groupe Minoteries als Finanzdirektor ad interim, wo er heute als Verwaltungsrat tätig ist. Zurzeit übt Emmanuel Séquin die Funktion eines Direktors in einem Family Office in Zürich aus. Er spielt gerne Tennis, fährt Velo und Ski, schätzt Gartenarbeit und baut Wein an. Emmanuel Séquin lebt in Kempraten, ist verheiratet und hat drei Töchter.

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