Klosterserie, Tag 3

Bewusste Routine

Das Kloster Rapperswil ist seit 25 Jahren ein Kloster zum Mitleben. ZSZ-Redaktorin Olivia Tjon-A-Meeuw verbringt eine Woche dort und berichtet hier täglich von ihren Erlebnissen.

Mit gemeinsamer Arbeit die Gemeinschaft stärken: Die verzierten Kerzen werden an Besucher verkauft.

Mit gemeinsamer Arbeit die Gemeinschaft stärken: Die verzierten Kerzen werden an Besucher verkauft. Bild: Olivia Tjon-A-Meeuw

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War am Anfang noch alles neu und ein wenig verwirrend, habe ich langsam begriffen, wie der Tagesablauf im Kloster aussieht. Da hilft auch der Wochenplan, auf dem alle Aktivitäten genau eingetragen sind. Es gibt also eine Routine, ein bisschen wie im Arbeitsleben. Nur wird der Tag hier im Kloster Rapperswil bewusster gelebt, würde ich behaupten. Um sieben Uhr starten wir mit dem Morgenlob im Gebetsraum. Das beinhaltet Singen, Gebete und Meditation. Es herrscht Stille und alle sind hochkonzentriert. Ab und zu knurrt ein Magen und erinnert daran, dass das Frühstück auf uns wartet. Nach zwanzig Minuten Meditation auf den Knien fühlen sich diese, bei mir auf jeden Fall, ein wenig taub an.

Beim Frühstück wird der Kaffee aus Schalen getrunken, so wie es die Hipster tun. Nur ist es hier Tradition und nicht Mode. So langsam werden alle wach. Schaut man im Refektorium – das ist der Esssaal – aus dem Fenster, kriegt man den Eindruck, das Kloster sei von der Welt abgeschnitten, so dick ist der Nebel, der auf dem See liegt.

Nach dem gemeinsamen Abwasch folgt eine Zeit der Stille. Da soll man bei sich sein und sich für den Tag sammeln. Denn so viel auch gelacht und geredet wird im Kloster, die Stille ist auch wichtig. Als Neuling war mir nicht immer klar, wann genau Schweigen angesagt ist, und darum plapperte ich manchmal auch in die Stille hinein. Zum Glück nimmt mir das hier niemand übel.

Bei einer Tasse Kaffee oder Tee wird dann die Arbeit verteilt. Ferien macht man im Kloster nämlich keine. Für eineinhalb Stunden helfen alle aus, wo sie können. Da gehört das Kochen ebenso dazu wie das Bügeln. Andere zum Beispiel verzieren Kerzen, die an Besucher verkauft werden. Das erinnert ein wenig an den Werkunterricht in der Schule. Es wird auch genauso viel geschwatzt wie damals. Die Gäste erzählen von ihren Kindern und Enkeln. Die alten Hasen tauschen sich über ehemalige Gäste aus. Man merkt, dass hier im Kloster Rapperswil Bande fürs Leben geschmiedet werden.

Vor dem Mittagessen folgt ein weiteres, kürzeres Gebet. Insgesamt verbringt man im Kloster pro Tag schon etwa zwei Stunden im Gebet. Dazu kommen noch all die kurzen Gebete vor den Mahlzeiten.

Apropos Mahlzeiten: Im Kloster wird gut und vor allem ausreichend gespeist. Zum Beispiel Ghackets mit Hörnli oder Riz Casimir. Kein Wunder, sitzt man nach dem Mittagessen noch zum Kaffee zusammen – unter Kof­feinentzug leidet hier niemand – und verdaut ein bisschen. Die Schwestern necken die Brüder, die Brüder beschweren sich scherzhaft über die angebliche Nörgelei. Es erinnert mich ein wenig an meine Geschwister. Ich werde übrigens wegen meiner Artikel aufgezogen, aber natürlich auf eine nette Art und Weise.

Am Nachmittag haben die Gäste Zeit für sich. Einige ziehen sich auf ihr Zimmer zurück, andere machen einen Spaziergang durch Rapperswil. Wiederum andere müssen einen Artikel schreiben. Um mal Pause zu machen, durfte ich gestern Schwester Rosmarie und Schwester Ursula beim Grittibänzbacken helfen. Wir freuten uns sehr über unsere verkorksten, aber einzigartigen Bänzen. Wir fachsimpelten über die beste Art, anständige Arme zu formen, und fragten uns, wie lange das Gebäck wohl in den Ofen muss. Ein Gespräch, wie es auch in jeder anderen Küche stattfinden könnte.

Am Abend kommt die Gemeinschaft zum Abendlob zusammen, ein Gebet, das ähnlich wie das Morgenlob aufgebaut ist. Nach dieser geistigen Sammlung geht es beim Abendessen bei einem Glas Wein oder zwei wieder um Weltliches.

Nach einigen Stunden Freizeit folgt das Nachtgebet in der Klosterkirche. Um viertel vor zehn ist dann Nachtruhe. Am nächsten Tag geht es schliesslich früh wieder los. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 06.12.2017, 10:14 Uhr

Olivia Tjon-A-Meeuw, Redaktorin

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