Rapperswil

Handel und Wandel in der Altstadt

Wie sich das Leben in den vergangenen 40 Jahren in der Rosenstadt verändert hat, lässt sich just beim Detailhandel am besten ablesen. Aus Sicht des Kulturwissenschaftlers Peter Röllin gibt es um das Jahr 1970 herum eine «magische Schwelle», eine Zäsur, von der an alles anders wurde.

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Am Anfang war die Marktgasse das «Einkaufszentrum von Rapperswil»: Darum herum gruppierten sich in der um 1230 entstandenen Stadt Schmied- und Webergasse – ein Hinweis darauf, dass sich Handwerker lokal-geografisch geordnet niederliessen. Zeitzeuge geblieben ist Elsener Messerschmied: Seit über 250 Jahren gibt es die Werkstatt an der Kluggasse – der Betrieb gilt damit als ältestes noch heute existierendes Familiengeschäft.

Über die wirtschaftlichen Veränderungen der Stadt Rapperswil hat Peter Röllin geforscht. Der 71-jährige Kunstwissenschaftler lebt seit 1972 in der Rapperswiler Altstadt und hat sich auf Veränderungsgeschichten von Schweizer Städten spezialisiert.

Altstadt verliert Magnete

So beschreibt Röllin, wie erst um 1830 der Hauptplatz Mittelpunkt der Altstadt wurde. Er blieb bis zum Bau des Einkaufscenters Sonnenhof im Jahr 1978 kommerziell noch eigentlicher Magnet. Bereits um die Jahrhundertwende wirkte sich der Bau der Neuen Jonastrasse dahingehend aus, dass die Stadtentwicklung ausserhalb der Altstadt über die Bühne ging und die Gassen ihre ursprüngliche Bedeutung verloren. Wahrzeichen für die Moderne wurde das 1956 an der Oberen Bahnhofstrasse gebaute markante Cityhaus.

Die in den 70er-Jahren einsetzende Entwicklung mit dem Bau von Einkaufszentren ist überörtlich zu verstehen und geschah beileibe nicht nur in Rapperswil. Auslöser war die Zunahme der Mobilität. Gegen den Sonnenhof formierte sich unter Studenten in der Altstadt Widerstand: An einer Demonstration argumentierten sie, die Altstadt werde durch eine Krake ausgesogen.

An der Bürgerversammlung wurde die Erschliessung des Sonnenhofs nur hauchdünn angenommen. Für das Gewerbe in der Altstadt war der Bau des Sonnenhofs sehr hart: Die «grossen Kassen» verschoben sich endgültig aus der Altstadt – sie verlor kommerzielle Magnete.

Im Zusammenhang mit dem Einkaufszentrum steht die Eröffnung des Parkhauses Schanz. Der motorisierte Verkehr prägte damals das Stadtbild massgeblich. Tausende Autos fuhren dem Seequai entlang durch die Altstadt. Erst die im Jahr 1985 gestartete Petition Altstadt-West bewegte die Stadt dazu, Wochenend- und Nachtfahrverbote einzuführen und schliesslich die Autos in neue Parkhäuser zu leiten. Seitdem schnaufen die Bewohner auf, und der Seequai wurde zur «Rapperswiler Riviera» und sommers zur goldenen Erwerbsquelle.

«Rapperswil ist voller Leben»

Bezeichnend ist, dass im westlichen Teil der Altstadt zahlreiche Bewohner leben und sich dort Kleingeschäfte und Nischengewerbe niedergelassen haben. Andererseits ist gerade am Hauptplatz der Schwund an herkömmlichen Läden unübersehbar. Noch Ende der 70er-Jahre gab es drei Eisenwarengeschäfte in der Rosenstadt. Heute gibt es in Rapperswil weder Schrauben noch Nägel zu kaufen, dafür muss man nach Jona gehen. Daran lässt sich anschaulich erkennen, wie sich, ausgehend von der «magischen Schwelle» um 1970, Verschiebungen ergeben haben.

Röllin vermag der Entwicklung in der Altstadt grundsätzlich sehr positive Aspekte abzugewinnen: «Klar ist vieles verloren gegangen.» Andererseits habe sich hier in den vergangenen Jahren eine vielschichtige und auch multikulturell bereichernde Nischenkultur entwickelt, die weniger dem Druck von aussen unterliege. «Rapperswil ist auch was die Wohndichte angeht, voller Leben und alles andere als eine Schlafstadt», stellt Röllin fest. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 03.11.2017, 15:42 Uhr

Nachgefragt

«Der Schwanen-Eigentümer lässt die Stadt im Ungewissen»

Wie entwickelt sich die Altstadt?
Peter Röllin: Der Niedergang des Detailhandels ist weniger eine Folge der örtlichen Entwicklung. Die Mobilität und der Ausbau der Autobahnen haben seit den 60er-Jahren neue Strukturen geschaffen. Heute kommt der Online-Handel hinzu. Umgekehrt zeigt sich am Freitagsmarkt auf dem Rapperswiler Hauptplatz, wie Einkaufen in lebendigster Form erfahrbar wird. Aber auch Bäckereien, Metzgereien, Restaurants, Cafés, Bodegas und andere Anbieter sind auf den Tourismus ausgerichtet.

Wie sieht Ihr Rückblick auf die letzten vierzig Jahre aus?
Magische Schwelle sind die Jahre nach 1970. 1974 wird das Seedammcenter an der Ausfahrt A3 eröffnet, samt den Vorteilen von breitem Angebot, Parkplätzen und Abendverkauf. In Rapperswil läuteten damals die Alarmglocken und brachte das Gewerbe in Bewegung. Investoren für ein Einkaufszentrum am Rande der Rapperswiler Altstadt waren auch bald vor Ort. Der Sonnenhof der Gallintra AG wurde 1978 unter dem Slogan «Zweites Herz von Rapperswil» eröffnet. Der Sonnenhof, heute nicht mehr wegzudenken, verstärkte nicht nur die marktwirtschaftliche Verschiebung vom Hauptplatz der Altstadt in Richtung Stadthofplatz, sondern beschleunigte auch das Verschwinden kleiner Familienunternehmungen in den Gassen.

Hat die Fusion der Altstadt geschadet?
Nein, ich denke nicht, umso mehr Jona ja nur verwaltungspolitisch eine «Stadt» ist, die Kurve zum Urbanen noch immer nicht gefunden hat. Die dortige Molkereistrasse spricht für sich. Umgekehrt hat der Rapperswiler Hauptplatz als Gegenpol zum Sonnenhof seine frühere gewerbliche Position verloren. Klar: Dass die Stadtregierung das frühere Stadthaus Rapperswil an ein für uns Bewohner unbekanntes und unsichtbares Unternehmen vermietet hat, ist wohl profitabel, aber nicht bürgernah. Die Verlegung einer von Bürgern stark besuchten Abteilung wie das Baudepartement an den alten Ort wäre bestimmt eine Möglichkeit, den Hauptplatz städtisch zu stärken.

Wo liegen die Probleme?
Die Probleme der heutigen Entwicklung sind überörtlich und längst auch Teil der Globalisierung. Dennoch bewegen uns negative Erscheinungen wie das geschlossene Lokal an der Kluggasse, die frühere Spanische Weinhalle oder das geschlossene Hotel Schwanen an bester Lage am Seequai. Beim Fall der Spanischen Weinhalle ist für mich klar: Der Mietzins ist zu hoch. Umgekehrt haben wir in der gleichen Gasse einen Kleinkiosk, der existieren kann, was so entscheidend wichtig für die Attraktivität und Durchmischung einer Gasse ist. In der Sache Schwanen ist zunehmend Kritik hörbar, weil der Eigentümer die Stadt, den Verein Rapperswil Zürichsee Tourismus und auch uns, die Stadtbevölkerung, nun über ein Jahr im Ungewissen lässt.

Was müsste die Stadt machen, um eine gute Entwicklung der Altstadt möglich zu machen?
Unsere Altstadt lebt in jeder Beziehung, und es geht ihr – im Vergleich zu anderen historischen Städten der Schweiz – grundsätzlich sehr gut. Schwachstellen aber betreffen vor allem Nutzungsfragen. Die Stadt verwaltet in erster Linie und führt Workshops durch, um die Anliegen zu hören. Dennoch: Die Stadtverwaltung könnte und müsste aktiver eingreifen, zum Beispiel beim nun mehr als ein Jahrzehnt «toten» Lokal Hauptplatz 17, wo sich früher die in der Region wichtigste Buchhandlung Volkart und später die Kreuzbuchhandlung befanden. Was der gesamten Kernzone Rapperswil heute angemessen und förderlich wäre: Freie Strassenquerungen und die Einführung von Tempo-30-Zonen auf den innerstädtischen Kantonsstrassen.

Finden zu viele Anlässe in der Altstadt statt?
Die Anlässe sind überblickbar. Die Massenveranstaltung Seenachtsfest ist weniger auf die Altstadtbewohner ausgerichtet, sondern profitiert vielmehr von der Stadtsilhouette. Das Blues’n’Jazz-Festival muss sich wohl neu erfinden. Warum nicht kleiner, feiner? Auch in diesem Bereich müssten kleinere Events vermehrt von den sehr zahlreichen Bewohnern der Altstadt ausgehen und getragen werden. Festkultur in einer Kleinstadt macht nur Sinn, wenn sie von den Einwohnern mitgetragen wird.

Interview: Magnus Leibundgut

Peter Röllin.

Altstadtprozess

Der Rückblick auf die vergangenen vierzig Jahre basiert auf einem Referat, das der Kulturwissenschaftler Peter Röllin am zweiten Altstadt-Workshop in Rapperswil-Jonagehalten hat. Röllin hat intensiv über Stadtveränderungen geforscht. Am Dienstag orientiert die Stadt über die Ergebnisse aus den drei Workshops «Kooperative Altstadtentwicklung». (ml)

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