Rapperswil-Jona

«Geld ist eine Energiequelle»

Bruno Hug mischt seit Jahren die Politik von Rapperswil-Jona auf. Ob bei der Fusion, beim Schloss oder als Kandidat für das Stadtpräsidium. Ein Gespräch über Geld, guten Journalismus und seinen Kampf gegen die Kesb Linth.

Bruno Hug, Journalist und Unternehmer, vor einem Bild des Künstlers Willi Oertig in seinem Büro.

Bruno Hug, Journalist und Unternehmer, vor einem Bild des Künstlers Willi Oertig in seinem Büro. Bild: Moritz Hager

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Bruno Hug, weshalb spricht man lieber über Sie als mit Ihnen?
Bruno Hug: Da wissen Sie mehr als ich. Ich kenne auch viele Menschen, die gerne mit mir reden.

Wer ist das?
Ich habe mit vielen Menschen Kontakt und bin meist recht gut informiert. Es muss also einige geben, die sich gerne mit mir unterhalten.

Sind Sie jemand, der möchte, dass man gerne mit ihm spricht und dass man ihn mag?
Das ist nicht mein Thema. Aber ich bin als Chefredaktor der «Obersee-Nachrichten» in einer öffentlichen Position. Ich mache meine Arbeit und bin ein gwundriger Mensch. Ich glaube zu spüren, was Menschen beschäftigt, und nehme mich dessen an.

Vor einem Jahr kandidierten Sie als Stadtpräsident, machten das beste Resultat und zogen sich danach zurück. Fragen Sie sich heute manchmal noch, warum Ihnen der Mut gefehlt hat, weiter um das Amt zu kämpfen und selbst an die Macht zu kommen?
Es fehlte mir nicht an Mut. Ich war ja faktisch gewählt. Das Resultat in der ersten Runde war aber auch für mich überraschend. Ich hätte nie gedacht, dass mir knapp 4000 Personen die Stimme geben. Dass ich nicht antrat, war eine sehr persönliche Entscheidung, die auch viel mit meiner Familie zu tun hatte.

Sie hatten Ihre Familie – Ihre Frau und den vierjährigen Sohn – aber schon vor dem ersten Wahlgang.
Die Auswirkungen des Amtes sind mir im Wahlkampf stark bewusst geworden. Überall gab es Plakate von mir, ich musste auf Podien antreten und Radio, TV und nationale Medien wollten etwas von mir. Mir, der bis dahin immer völlig frei war, wurde in dieser Phase sehr bewusst, was diese Aufgabe bedeutet. Und vor allem fand ich die aus der Wahl entstehende Lösung mit Martin Stöckling besser. Das habe ich auch Martin Stöckling persönlich gesagt.

«Ich wollte dem Konflikt aus dem Weg gehen, dass man mir vorwirft, ein notorischer Kesb-Gegner zu sein.» Bild: Moritz Hager

Sind Sie also nur angetreten, um eine weitere Amtszeit von Erich Zoller zu verhindern?
Ich wusste aus vielen Gesprächen mit wichtigen Amtsträgern aus dem Stadthaus und auch aus dem Stadtrat, dass die Stadt nicht gut geführt war. Da wurde mir bewusst, es muss eine echte Wahl geben. Deshalb bin ich angetreten. Als sich dann, wie gesagt, die Lösung mit Martin Stöckling abzeichnete, fand ich das für die Stadt besser. Es gibt der Stadt Kontinuität, währenddem ich wohl nur vier Jahre im Amt gewesen wäre.

Sprechen wir über die heutige Politik der Stadt. Sie schreiben im Kommentar von letzter Woche davon, dass der neue Stadtrat jetzt aufräumt. Aber Sie titelten im August auch: «Neue Führung, alter Stil». Wie beurteilen Sie die Arbeit des Stadtrates?
Ich glaube, der Rat ist sich am Finden. Mit «Neue Führung, alter Stil» wollte ich aufzeigen, dass diese «Wischiwaschi»-Politik, wie sie Erich Zoller pflegte, ein Ende haben muss. Bei der Entsorgungsstelle Brings oder beim Lido haben der Stadtpräsident und der Stadtrat reflexartig die Kritik abgelehnt, statt zuerst tief greifende Recherchen zu machen und dann die Bürger fundiert zu informieren. Mir schien, das sei der alte Stil. Deshalb schrieb ich darüber. Solches festzustellen, ist die Aufgabe der Presse, wobei mir bewusst ist, dass man das auch immer anders sehen kann.

Aber das Spiel ist doch immer das gleiche: Bruno Hug steht mit der Pfeife am Spielfeldrand, Sie pfeifen und dann bricht in der Stadtverwaltung die grosse Nervosität aus.
Das ist übertrieben. Ich äussere mich nur, wenn ich glaube, dass sich etwas in die falsche Richtung entwickelt. Und ausserdem schreibe ich auch über andere Themen als die Stadtverwaltung von Rapperswil-Jona.

In welchem Moment entscheiden Sie sich, vom Beobachterposten aufs Spielfeld zu rennen und dafür zu kämpfen, dass sich etwas bessert?
Wenn ich persönlich davon überzeugt bin, dass etwas falsch läuft. Aber ich weiss auch, dass wir selber falsch liegen können. Niemand hat die Wahrheit gepachtet. Eines ist klar: Ich gehe nicht einfach hin und sage: Hier stimmt etwas nicht. Wenn ich glaube, dass etwas falsch laufen könnte, spreche ich mit vielen Leuten, bilde mir eine Meinung, wäge ab, und erst dann berichte ich.

Haben Sie deshalb auch beim ­Lido-Projekt von einem «Murks» gesprochen?
Im Falle Lido habe ich mehr als einem Stadtrat die Problematik des Projekts ausgeführt und vor Ort gezeigt. Als mir klar wurde, dass der Stadtrat nur zögerlich eingreift, ja sogar vom Projekt noch über eine gewisse Zeit überzeugt war, habe ich die aus meiner Sicht falsche Entwicklung beschrieben und wollte damit öffentlich aufzeigen, dass das Projekt in einem Debakel enden wird.

Kann das gelingen, die Rolle des Journalisten – kritische Fragen zu stellen – und die des Kämpfers für eine andere, bessere ­Lösung auseinanderzuhalten?
Das ist oftmals schwierig. Manchmal entscheide ich mich, über eine Sache nicht zu schreiben, dafür auf einem anderen Weg aktiv zu werden.

Ist es nötig, dass ein Medium so intensiv in die Politik eingreift, wie es die «Obersee-Nachrichten» tun?
Es ist eher selten der Fall, dass ein Medium so eingreift, wie es die ON tun. Aber das ist nun einmal unser Stil. Und der belebt die Politik und die Gesellschaft. Am Obersee haben wir eine beneidenswert vielfältige Medienlandschaft, welche sich aber leider mittelfristig auch verändern könnte.

«Ich finde Medien langweilig, die nie Position beziehen, und alles offen lassen.» Bild: Moritz Hager.

Wie definieren Sie guten ­Journalismus?
Ich finde Medien langweilig, die nie Position beziehen und alles offenlassen. Ich möchte den Menschen eine Orientierung geben. Lese ich einen Bericht, möchte ich wissen, was der Schreiber dachte. Dem kann ich dann zustimmen, es ablehnen oder mich aufregen. Ich finde den kräftigen, frechen Journalismus gut.

Christoph Blocher hat einen Verbund mit Gratiszeitungen gekauft, die in einem ähnlichen Rhythmus erscheinen wie die ON. Hat er Sie mal gefragt, ob sich das lohnt?
Nein, darüber habe ich mit ihm nie gesprochen.

Wie beurteilen Sie den Deal?
Ich finde ihn mutig. Ich weiss nicht, ob ich zum Kauf geraten hätte.

Warum?
Die gedruckte Presse ist massiv unter Druck und wird noch mehr unter Druck geraten. Der Detailhandel und damit der Inseratemarkt verändern sich radikal. Und heutige Jugendliche wird man kaum mehr dazu bringen, für ein Zeitungsabonnement 350 Franken zu bezahlen. Medien und Information sind mit dem Internet annähernd zu einem Gratisprodukt geworden.

Also haben Sie Ihre Medientitel Anfang der 2000er-Jahre in einem geschickten Moment ­verkauft.
Ich habe früh gesehen, dass sich die Medienwelt stark verändern wird. Die Abwärtstendenz im Anzeigen- und im Abonnentenmarkt ist kaum aufzuhalten. Ich glaube, dass man das Konzept der gedruckten Medien neu denken muss.

Sie sind 63-jährig, kommen bald ins Pensionsalter. Hören Sie dann auf oder bleiben Sie bis zum bitteren Ende Journalist, der Missstände aufdeckt?
Ob ich diese Aufgabe weiterhin ausführe, entscheidet, wie sich die Medienlandschaft entwickelt. Ich mache in solchen Fragen jeweils zuerst eine Analyse und lasse mich dann von meinem Gefühl leiten. Meine Erfahrung zeigt, dass man gut daran tut, viel Vertrauen in seine Intuition zu haben. Und noch zur Pension: Ich kann mir nicht vorstellen, je mit Arbeiten aufzuhören. Ich liebe die Menschen, das Leben und das ganze Drumherum. Und da bin ich gerne mit dabei.

Sie waren Verleger, besitzen ­Immobilien und sind an der ­Dieci-Gruppe beteiligt. Kennen Sie eigentlich Ihren Kontostand?
Es kommt aufs Konto an. Nein, im Ernst: Man kann alles immer so oder anders bewerten. Aber um es zusammenzufassen, ich empfinde mich nicht als besonders reich, aber es geht mir gut.

Wie hoch ist der Kontostand?
Das ist eine gute Frage, aber ich denke, der gehört nicht in die Zeitung, und er ist letztlich auch nicht so wichtig.

Anders gefragt: Was bedeutet Ihnen Geld?
Eigentlich würde man gerne sagen: «Geld bedeutet mir nichts.» Damit könnte man sich edel über dieses heikle Thema stellen. Aber ich glaube, diese Antwort wäre falsch. Ich bezweifle sie meist auch, wenn ich sie von andern lese. Ich sehe es so: Geld ist eine Energiequelle. Und mit Energie kann man Gutes, aber auch Schlechtes tun. Ich hoffe, es gelingt mir, viel Gutes zu tun.

Geld investieren Sie etwa in Kesb-Opfer. Sie haben den ­Verein Kesb-Schutz gegründet, sind aber jetzt nicht mehr dabei. Weshalb?
Ich wollte dem Konflikt aus dem Weg gehen, dass man mir vorwirft, ein notorischer Kesb-Gegner zu sein. Der Prozess gegen die ON behindert mich und den Verlag. Ich finde ihn dramatisch falsch. Wir werden beschuldigt für Dinge, die wir nie geschrieben haben. Ich habe mich für Kesb-Betroffene eingesetzt und habe deren Geschichte beschrieben. Es ist die Aufgabe einer Zeitung, auch diese Seite zu beleuchten. Ich könnte mir vorstellen, dass der angeleierte Gerichtsprozess für die Stadt in einem unschönen Erlebnis enden könnte.

Sie lassen Kesb-Opfern, über die Sie später berichteten, aber auch mal eine Wohnung auf Ihre Kosten räumen oder bezahlen diesen einen Anwalt.
Ich unterstütze verschiedene Menschen, denen es nicht gut geht, ob hier am Obersee, in der Schweiz, in Afrika oder in Nepal. Aber ich möchte über solches lieber nicht reden. Ich kann dazu nur noch Folgendes sagen: Wer das Glück hat, gutgestellt zu sein, sollte auch an jene denken, denen es weniger gut geht.

Die Berichterstattung zur Kesb ist lange nicht mehr so intensiv wie früher. Macht die Kesb Linth nun vieles besser oder hat Sie die Klage eingeschüchtert?
Ich habe auch jetzt wieder unschöne Kesb-Fälle auf dem Tisch. Aber es gilt nun, den Prozess abzuwarten. Nach der Einreichung der Klage durch die Stadt im August 2016 haben wir, auch auf Anraten der Anwälte, über die Kesb kaum mehr berichtet und trotzdem hat der Kesb-Präsident uns wieder eingeklagt, und das sogar ohne Beteiligung der Stadt.

Wurmt es Sie, dass Sie nicht mehr über die Kesb schreiben können?
Die Menschen, die unter fragwürdigen Kesb-Eingriffen leiden oder unter solchen, mit denen sie nicht einverstanden sind, haben das Recht darauf, dass darüber berichtet wird. Ansonsten wird ihnen das Grundrecht der Redefreiheit genommen. Schon allein aus dieser menschlichen Sicht finde ich die Klage falsch. Ich habe auch deshalb diesen Sommer mit allen Kesb-Betroffenen, über die wir berichtet haben, ein Interview geführt. Alle stehen noch heute vollumfänglich zu den Artikeln, die wir über sie schrieben, und bezeugen das sogar mit ihrer Unterschrift.

Was passiert, wenn Sie den Prozess verlieren?
Für die Reputation der Zeitung wäre das natürlich nicht gut. Aber ich bin zuversichtlich: Die Artikel, welche wir publiziert haben, stimmen. Nichts war ehrverletzend. Und wenn jemand in Facebook zur Kesb schrieb, liegt das in seiner Verantwortung und in der Verantwortung von Facebook.

Das sehen einige Juristen anders und nehmen auch die Gruppenbetreiber in die Pflicht. Haben Sie aber nicht wenigstens eine moralische Verpflichtung, auch den Lesern selbst gegenüber? Eine Frau wurde kürzlich verurteilt, weil sie auf der Facebook-Seite der ON die Kesb-Mitarbeiter als «verdammti Sauhünd» bezeichnete, denen sie schlimmste Leiden wünsche, «bis sterbet».
Ich goutiere solches auch nicht und bin gegen Hass und böswillige Verurteilung von Dritten, ganz egal, wo das passiert. Wir haben in unserer Zeitung so was auch nie gemacht. Und wenn das auf Facebook geschah, war es eben nicht in den ON. Facebook betreibt Facebook und beschäftigt darum weltweit 7500 Zensoren. Wie Sie an dem von Ihnen zitierten Beispiel sehen, wurde offenbar diese Frau verurteilt, und nicht sonst jemand. Das ist bis anhin die Rechtspraxis.

Sie sprechen bei der Kesb-Klage immer über die Pressefreiheit, die Sie bedroht sehen. Selber gehen Sie aber rasch auf andere Medien los, wenn Sie sich falsch dargestellt fühlen. Geht das ­zusammen?
Ich lasse viel über mich ergehen. Etwa auch, als die ZSZ schrieb, «Bruno Hug ist angeklagt». Ich habe eine dicke Haut, auch weil ich in gewisser Weise eine öffentliche Person bin. Wenn aber etwas falsch berichtet wird, soll es korrigiert werden. Das halte ich auch in unserer Zeitung so.

Behördenschreck vom Obersee, der Aufmischer, Mini-Berlusconi – welche dieser Charakterisierungen aus anderen Zeitungen passt Ihnen am besten?
Der Aufmischer.

Warum?
Weil wir oftmals etwas aufdecken und aufmischen. Das passt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 22.09.2017, 17:50 Uhr

Kesb-Schutz

Der Verein Kesb-Schutz will die Tätigkeiten der Kesb (Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde) beobachten sowie Betroffene beraten und ihnen rechtliche sowie psychosoziale Unterstützung vermitteln. Bruno Hug ist Mitgründer, nun aber nicht mehr im Vorstand. Der Vorstand setzt sich zusammen aus Julia Onken, den SVP-Nationalräten Pirmin Schwander und Barbara Keller-Inhelder sowie Anwalt Martin Dietrich.

Zur Person

Bruno Hug (63) ist Chefredaktor der «Obersee-Nachrichten» (ON). Er gründete die Zeitung 1981. Ende 1999 verkaufte Hug die ON an die Mediengruppe Somedia. Neben den ON verlegte Hug mehrere weitere Medientitel. Hug sass während 24 Jahren, bis 2010, im Verwaltungsrat der Rapperswil-Jona Lakers. Unter seiner Führung stieg die Mannschaft in die Nationalliga A auf. Der Unternehmer besitzt zudem Immobilien und ist an der Pizzakurier-Kette Dieci beteiligt. Hug lebt mit seiner Frau und seinem Sohn in Bollingen. (ckn)

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