Linthgebiet

Fernsehgenossenschaften kämpfen gegen Übermacht

Die Situation der beiden letzten Fernsehgenossenschaften im Linthgebiet ist schwierig. Sie haben Mühe, mit Grossanbietern wie UPC mitzuhalten. In Kaltbrunn und St. Gallenkappel reagiert man unterschiedlich auf die Herausforderungen.

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Einst standen sie für den Fortschritt: die Fernsehgenossenschaften. Sie brachten Radio- und TV-Signale in die Dörfer, indem sie Kabel verlegten, um Sender wie SRF oder ZDF zu empfangen, die damals beinahe das gesamte Angebot ausmachten. Heute können Hunderte von Sendern empfangen werden, und die Fernsehgenossenschaften verlieren an Boden, weil sie von den grossen Anbietern wie Swisscom oder UPC übertrumpft werden.

Allein im Linthgebiet gaben in den letzten fünf Jahren die Genossenschaften in Uznach, Rieden und Schmerikon auf. Sie verkauften allesamt ihre Netze an UPC. Nun existieren im Linthgebiet noch zwei Fernsehgenossenschaften: Kaltbrunn (FGK) und St. Gallenkappel (FG SGK).

Zusammenarbeit mit UPC

Für Telekommunikationsexperte Ralf Beyeler vom Vergleichsdienst Moneyland.ch ist das keine Überraschung. Die Lage sei für kleine Anbieter wie Fernsehgenossenschaften schwierig geworden. Früher reichte es, ein einfaches Netz für ein paar Sender zu bauen und zu betreiben. Dieses Netz müsse aber im Zuge der ­Digitalisierung ersetzt werden, am besten durch ein Glasfasernetz. «Das ist zu kompliziert für die kleinen Genossenschaften», zeigt sich Beyeler überzeugt.

Ausserdem könnten sie nicht wie die Grossanbieter auf den Skaleneffekt bauen, sodass die Kosten für Neuinvestitionen höher lägen, erklärt Beyeler. Denn je höher die Stückzahl, desto tiefer die Kosten.

«Ich frage mich, ob die Genossenschaft heute noch das richtige Modell ist.»Marcel Rüegg, Fernsehgenossenschaft Kaltbrunn

«Zudem haben die Genossenschaften einen Teil des Kerngeschäfts bereits an Grossanbieter ausgelagert.» Damit meint er, dass Fernsehgenossenschaften wie Kaltbrunn und St. Gallenkappel bereits mit UPC zusammenarbeiten. Die Mitglieder der Genossenschaft erhalten die Signale für Internet, Radio und Telefonie vom internationalen Grosskonzern. Die Genossenschaften bauen und warten das Netz von den Verteilstationen bis in die Ge­bäude.

Sowohl der Präsident der Genossenschaft Kaltbrunn Marcel Rüegg wie auch derjenige der ­Genossenschaft St. Gallenkappel Sigi Steiner betonen, dass die ­Zusammenarbeit mit der UPC gut funktioniere. Doch sonst schätzen die beiden die Lage sehr unterschiedlich ein. Während Rüegg die pessimistische Pro­gnose von Ralf Beyeler teilt, sieht Steiner eine Zukunft für seine Genossenschaft.

Schwarze Zahlen

In der Form der Genossenschaft sehen die beiden Präsidenten das Problem respektive die Chance. «Ich frage mich, ob die Genossenschaft heute noch das richtige Modell ist», meint Marcel Rüegg. «Es ist wohl ein wenig veraltet.» Es sei eine Frage der Philosophie, wie eng man mit dem Wohnort noch verbunden sei. Die FGK hat denn auch stetig Kunden verloren. Zurzeit sind es noch gegen 1000. «Finanziell ist die Genossenschaft aber gesund», betont Rüegg. Sie schreibe schwarze Zahlen.

«Wir sind ein kleines gallisches Dorf, welches sich erfolgreich gegen eine Übermacht wehrt.»Sigi Steiner, Diginet.8735.ch

«Die Form der Genossenschaft hat kein Verfallsdatum», ist hingegen Sigi Steiner überzeugt. Punkten könnten Genossenschaften vor allem damit, dass sie die erwirtschafteten Überschüsse ­direkt den Genossenschaftern gutschreiben könnten. «Zudem sind wir als kleiner Anbieter überblickbar und persönlich.»

Um den Aufbruch in die Zukunft zu signalisieren, hat sich die Genossenschaft St. Gallenkappel eine neue Marke gegeben: Diginet.8735.ch. Zudem wurde der Internetauftritt überarbeitet. Die Massnahmen scheinen zu wirken. Die Mitglieder- und die Signalempfängerzahlen seien mit 500 respektive 1600 stabil, sagt Steiner. Es sei aber auch eine Frage der Bautätigkeit in der Gemeinde. In Eschenbach hat die Bevölkerung im letzten Jahrum knapp 3 Prozent zugelegt. In Kaltbrunn hingegen stagnierten 2017 die Bevölkerungszahlen.

Langjähriges Engagement

Genossenschaften sind auf freiwilliges Engagement angewiesen. Auch Steiner weiss, dass es heutzutage für Vereine und dergleichen schwierig ist, Personen zu finden, die Verantwortung übernehmen wollen. Doch inder Fernsehgenossenschaft sei man im Moment gut aufgestellt. «Wir sind ein junges, motiviertes Team», meint der 48-Jährige,der seit zehn Jahren im Vorstand ist.

Auch die FGK habe keine Probleme, den Vorstand zu stellen, sagt Marcel Rüegg. «Die Mitglieder sind allesamt altgedient.» Der Pensionär ist seit der Gründung vor 39 Jahren Mitglied der Genossenschaft und seit 28 Jahren Präsident. Doch nach Ende seiner Amtszeit 2020 will er endgültig nicht mehr antreten.

Preisvorteil sticht nicht

Auch aufgrund dieser Freiwil­ligenarbeit im Administrationsbereich können die Genossenschaften ihr Angebot zu sehr ­tiefen monatlichen Grundgebühren offerieren – in St. Gallenkappel für 13 Franken, in Kaltbrunn für 22 Franken. Zum Vergleich: Bei UPC kostet der Kabel­anschluss knapp 40 Franken pro Monat. Damit erhalten die Kunden ein Basisangebot.

Eigentlich wären die Fernsehgenossenschaften also gut aufgestellt. Doch gemäss Telekommunikationsexperte Ralf Beyeler kommt dieser Vorteil der Genossenschaften nicht richtig zum Zug. «Die Leute wissen häufiggar nicht, dass sie diese Kosten zahlen.» Dies gilt vor allem für Mieter. Meistens wird die Gebühr nämlich direkt über die Nebenkosten abgerechnet und erscheint nicht als Einzelposten.

Über Verkauf diskutieren

Angesichts dieser Ausgangslage macht sich die FGK Gedanken darüber, wie es weitergehen soll. «Auch über einen Verkauf wird diskutiert», gibt Marcel Rüegg ­offen zu. Genaueres möchte er ­allerdings erst an der nächsten Generalversammlung im März bekannt geben.

In St. Gallenkappel hingegen wird nicht ans Aufhören gedacht: «Wir sind ein kleines gallisches Dorf, welches sich erfolgreich gegen eine Übermacht wehrt», meint Präsident Sigi Steiner. Die Gallier haben bekanntermassen bis anhin tatsächlich jede Ausein­andersetzung gewonnen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 18.02.2018, 19:25 Uhr

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