Armut

«Es gibt Menschen, die brauchen das Geld noch heute»

Sie arbeiten und leben trotzdem an der Armutsgrenze: Die «Working Poor». Ihnen möchte der Rüeterswiler Gennaro Teta rasch und unbürokratisch unter die Arme greifen. Mit seinem jungen Verein Ancielo kämpft er gegen das Tabu rund ums Thema «Armut».

Engagiert: Gennaro Teta (links) und Bernhard Krapf bieten rasche Hilfe für Menschen am Existenzminimum.

Engagiert: Gennaro Teta (links) und Bernhard Krapf bieten rasche Hilfe für Menschen am Existenzminimum. Bild: Michael Trost

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2000 Franken: Wer nicht in der Lage ist, diesen Betrag für einen Notfall auf die Seite zu legen, gilt in der Schweiz als armutsgefährdet. Im Linthgebiet drohen derzeit 8500 Menschen, in die Armut abzurutschen. Manchmal reicht ein entzündeter Weisheitszahn oder ein Autounfall, um das fragile Gleichgewicht von Menschen an der Armutsgrenze ins Wanken zu bringen. Genau dieser Gruppe von Menschen möchte der in Rüeterswil wohnhafte Ingenieur Gennaro Teta helfen.

Mit seinem im Februar gegründeten Verein Ancielo will Teta rasch und unbürokratisch eingreifen, wo finanzielle Hilfe nötig ist: «Das kann eine Zahnarztrechnung sein oder die Krankenkassenprämie, welche die finanziellen Mittel eines Menschen übersteigt.» Kämpft jemand immer wieder mit finanziellen Nöten, müsse er sich jedoch an die Sozialhilfe wenden. «Für längerfristige Hilfe verfügen wir über zu wenige Mittel», erklärt der 45-Jährige. Gerade mit den steigenden Mieten und immer höheren Krankenkassenprämien haben Menschen mit geringem Lohn zu kämpfen. Der Grund: Die Fixkosten sind in den letzten 20 Jahren gegenüber dem Lohn ungleich stark gestiegen.

Beratung bei der Caritas

Während jeweils zwei Vorstandsmitglieder des Vereins über die gestellten Gesuche entscheiden, führt Bernhard Krapf die Beratungsgespräche durch. Der Sozial- und Schuldenberater leitet die Regionalstelle der Caritas in Uznach. Als Gennaro Teta beschloss, einen Verein für Armutsbetroffene zu gründen, liess er sich seinerseits von Bernhard Krapf beraten. «Unsere Zusammenarbeit ist sehr bereichernd für mich», sagt der Ingenieur.

«Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass auch bei uns arme Menschen leben.»
Gennaro Teta, Gründer und Präsident des Vereins Ancielo

Teta konzentriert sich aufs Fundraising, derweil Krapf die praktischen Beratungsgespräche mit Hilfesuchenden übernehmen wird. Wenn alles gut geht, könne der Verein, dessen Name sich aus den italienischen Begriffen «Angelo» (Engel) und «Cielo» (Himmel) zusammensetzt, ab Oktober seine Tätigkeit aufnehmen. Derzeit ist der idealistische Mann mit italienischen Wurzeln noch dabei, Geld zu sammeln. Das Ziel: Mit rund 10 000 Franken loszulegen. Pro Gesuch um finanzielle Unterstützung möchte Teta zwischen 200 und 1000 Franken einsetzen können.

Lohn, Miete, Krankenkasse

In seinen Beratungsgesprächen mit armutsgefährdeten Personen bemüht sich Bernhard Krapf, die Lebenssituation eines Menschen zu erfassen. In einem ersten Schritt erstellt er gemeinsam mit dem Hilfesuchenden ein Budget. «Um mir einen Überblick zu verschaffen, benötige ich von der betreffenden Person Angaben zu Lohn, Miete und Krankenkassenprämien.» Manchmal öffnet Bernhard Krapf gemeinsam mit seinen Kunden Briefe, die zweite Mahnungen enthalten. «Oftmals wissen die Ratsuchenden, dass sie eine Rechnung schlicht nicht bezahlen können und lassen dann die Briefe einfach ungeöffnet liegen.» Hin und wieder hilft Krapf auch, einem Gläubiger einen Brief zu schreiben, in dem er um Aufschub für die Rückzahlung der Schulden bittet.

Am häufigsten berät Krapf sogenannte «Working Poor». «Diese Gruppe von Menschen fallen zwischen Stuhl und Bank», erklärt er. «Kommt hinzu, dass sie in der Öffentlichkeit kein Gesicht haben», ergänzt Teta. Das ist verständlich, denn wer nicht arbeitslos ist, wird gemeinhin nicht als armutsgefährdet wahrgenommen.

Viele Menschen schämen sich

Es koste viele Menschen Überwindung, die eigenen Bankdaten offenzulegen, erklärt Bernhard Krapf. «Die finanzielle Situation eines Menschen zeigt sehr viel.» Auch im Linthgebiet gäbe es einige Personen, die im Prinzip Anspruch auf Sozialhilfe hätten, denn das Bundesamt für Statistik geht schweizweit von rund 13 Prozent Armutsgefährdeten aus. «Die meisten Menschen schämen sich jedoch, eine Beratung in Anspruch zu nehmen, geschweige denn, sich bei der Gemeinde für die Sozialhilfe anzumelden.» In der reichen Schweiz sei es schwierig, zuzugeben, dass man sich weder Auto noch Ferien oder Sportverein leisten könne, glaubt Krapf. «Ich erlebe häufig, dass jemand anruft, und dann doch nicht vorbeikommt.» Zu gross seien die Hemmungen, ist der Sozialarbeiter überzeugt.

Armut enttabuisieren

Genau hier setzt Gennaro Teta mit seinem noch jungen Verein an: «Wir möchten den Menschen etwas «Schnuuf» geben.» Aber nicht nur das: Teta möchte auch das Thema «Armut» enttabuisieren. «Wir wollen ein Bewusstsein dafür schaffen, dass auch bei uns arme Menschen leben», fasst Teta zusammen. Ancielo soll Betroffenen helfen, Ängste abzubauen und über finanzielle Schwierigkeiten zu reden. Teta, der sich selber als durch und durch positiv denkenden Menschen bezeichnet, findet es wichtig und richtig, «die Probleme auf den Tisch zu legen», wie er sagt. Ausserdem würden etwa bei gemeinnützigen Stiftungen Gesuche mehrere Monate liegenbleiben, weiss Bernhard Krapf. «Es gibt Leute, die brauchen das Geld noch heute», sagt Gennaro Teta. Sein Verein wolle rasch und unbürokratisch handeln und wenn möglich innert 24 Stunden einen finanziellen Beitrag bereitstellen.

Zupackender Philosoph

Was bei anderen Menschen wie eine hohle Floskel klingen mag, wirkt beim Mann mit den südländischen Wurzeln glaubwürdig: «Ich möchte einen Teil von dem, was ich habe, weitergeben.» Er sei früh in seinem Leben gefördert worden, sagt Gennaro Teta. In alle Herren Länder habe er reisen und Unternehmen aufbauen können. Für diese vielfältigen Erfahrungen ist er sehr dankbar.

Doch es gebe da auch noch eine andere Seite in ihm, sagt der gebürtige Berner. «Was ist das Ziel des Lebens?» Diese Frage habe er sich schon in jungen Jahren gestellt. «Als Person möchte ich wachsen und mich weiterentwickeln.» Teta hat auch selber schon schwierige Lebenssituationen erlebt, im Alter von 37 Jahren erkrankte er an Krebs. «Die Frage, wohin wir gehen, hat mich schon immer beschäftigt.» Man glaubt es ihm: Mit seinem offenen Blick und der geduldigen Art wirkt der Wahl-Rüeterswiler wie ein guter Zuhörer. Während sein Grossvater einst aus der Region Kampanien in die Schweiz auswanderte, kam Gennaro Teta vor 12 Jahren der Liebe wegen an den Obersee. In Zürich und dem späteren Firmensitz Rüeterswil gründete er gemeinsam mit seiner Frau im Jahr 2011 seine eigene Firma. Die Omnino AG unterstützt Vorsorgeeinrichtungen bei ihrer Geschäftsführung, aussergewöhnlichen Projekten sowie administrativen Aufgaben.

Auch privat sei er am Obersee sehr glücklich, wie Gennaro Teta sagt: «Die Region liegt wunderschön zwischen Hügeln, Bergen, und dem See.» Überschwänglich fügt er an: «Das Linthgebiet hat einfach Charakter!»

Weitere Informationen unter www.ancielo.ch (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 31.08.2018, 16:30 Uhr

Zahlen und Fakten

Leben am Existenzminimum

Die Kantonale Konferenz für Sozialhilfe definiert das Existenzminimum für eine Einzelperson wie folgt:


  • 977 Franken Lebensunterhalt

  • 700 bis 900 Franken Wohnen (variiert je nach Gemeinde)

  • 350 Franken Krankenkassenprämie

  • Total: 1927 Franken, plus allfällige Zusätze wie Arbeitsweg



Für eine vierköpfige Familie gilt als Existenzminimum:


  • 2090 Franken Lebensunterhalt

  • 1300 bis 1500 Franken Wohnen

  • 860 Franken Krankenkassenprämie

  • Total: 4150 Franken, plus allfällige Zusätze wie Arbeitsweg



Gemäss dem Bundesamt für Statistik leben in der Schweiz 7 Prozent in Armut. Weitere 13 Prozent sind armutsgefährdet. Letzteres trifft auf Menschen zu, die am Existenzminimum leben. Im Kanton St. Gallen sind dies 100 000 Personen, im Linthgebiet 8500 Personen oder 13 Prozent der Wohnbevölkerung.

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