Tierwelt

Herr und Frau Biber wohnen jetzt auch an der Linth

Für Wildhüter Benedikt Jöhl war es ein ganz besonderer Moment: Zum ersten Mal hat er im Linthgebiet ein Biberpärchen beobachtet. Damit die fleissigen Nager nicht zum Problem für den Hochwasserschutz werden, müssen die Linthaufseher ihre Augen offenhalten.

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Liebe und Triebe veranlassen auch Biber zu ungewöhnlichem Verhalten. Um sich zu paaren, verlassen die normalerweise nachtaktiven Tiere bisweilen tagsüber ihren Bau. Das könnte eine Erklärung sein, weshalb Wildhüter Benedikt Jöhl vor kurzem am helllichten Tag ein Biberpaar in der Linth zu Gesicht bekam. Es sei ein ganz spezieller Augenblick gewesen, aber auch ein riesengrosser, glücklicher Zufall, sagt Jöhl. Den genauen Zeitpunkt und Ort der Beobachtung will er aus Rücksicht auf die scheuen Tiere nicht verraten. Dem Biberpaar sollen Störungen durch neugierige Menschen möglichst erspart bleiben.

Männlein oder Weiblein?

Ob es wirklich ein Pärchen war, das sich da mitten in der Linth beschnupperte, ist laut Wildhüter Jöhl nicht einmal ganz sicher. «Ich vermute es stark, aber das Geschlecht lässt sich bei Bibern nur schwer feststellen.» Wenn Jöhls Vermutung richtig ist, dann könnte es im Frühling bei Herrn und Frau Biber Nachwuchs geben. Die Paarungszeit hat eben erst begonnen und dauert bis im März. Nach einer Tragzeit von gut hundert Tagen kommen die maximal vier Biberjungen zur Welt. Bis sie den Bau verlassen, wird es Mai oder Juni werden. Biberpärchen sind treu und bleiben zusammen, wenn sie sich einmal gefunden haben. Die Tiere, die sich ausschliesslich von Pflanzen und Rinden ernähren, werden in der Regel zehn bis zwölf Jahre alt.

Bereits Ende 2013 konnte an der Linth zum ersten Mal ein einzelner Biber nachgewiesen werden. Jöhl hält es für möglich, dass es sich dabei um das Männchen des heutigen Pärchens handelt. Wie bei anderen Tierarten wandern auch bei den Bibern die jungen Männchen als Erste in ein neues Gebiet ein.

Die Biber wurden im 19. Jahrhundert in der Schweiz ausgerottet. Gejagt wurden sie wegen ihres dichten Fells und wegen der angeblich heilenden Wirkung des Bibergeils, einem nach Moschus riechenden Drüsensekret zur Reviermarkierung. Ihr Fleisch diente ausserdem als Fastenspeise, da die katholische Kirche den Biber wegen seines schuppigen Schwanzes zum Fisch erklärte. Seit den späten 1950er Jahren versucht man die Biber wieder anzusiedeln. Im Kanton St. Gallen kommen sie erst seit dem Jahr 2000 wieder vor. Seither ist die Population jedes Jahr gewachsen. Anlässlich der letzten Erhebung im Winter 2010/2011 zählte das Amt für Natur, Jagd und Fischerei zusammen mit dem WWF 81 Biber in 26 Revieren. Der grösste Teil lebte im Toggenburg. Mit seinem Auftauchen an der Linth besiedelt der Biber nun auch das letzte grosse Gewässersystem des Kantons.

Warum es so lange dauerte, bis die Tiere ins Linthgebiet einwanderten, kann der Wildhüter nicht genau sagen. Sicher ist: Biber brauchen naturnahe Lebensräume, damit es ihnen wohl ist. Mit der Renaturierung der Linth habe sich die Situation ein Stück weit verbessert, sagt Jöhl. «Und jede Verbesserung bringt etwas.» Der Lebensraum entlang der Linth ist aber vielfach durchschnitten von Verkehrsadern und Siedlungsflächen, der Zugang zum Wasser für die scheuen Tiere vielerorts schwierig.

Stauen und graben

Biber legen ihren Bau in Uferböschungen an, wobei die Eingänge unter der Wasseroberfläche liegen. Mit ihren Stau- und Grabungsarbeiten schaffen sie sich unter den Menschen nicht nur Freunde. Können sie auch entlang des Linthkanals zum Problem werden? Die Verantwortlichen des Linthwerks hätten sich zusammen mit Fachleuten auf den Biber vorbereitet, sagt Jöhl. Die Linthaufseher würden die Augen offenhalten. «Der Hochwasserschutz hat Priorität.» Sollte der Linthdamm an einer Stelle durch Biberaktivitäten in seiner Stabilität gefährdet sein, kann man laut Jöhl schnell reagieren und den Tieren beispielsweise durch Gitter den Zugang versperren. Jagen darf man die Biber nicht mehr, sie sind geschützt.

Das Risiko, dass der Linthdamm stellenweise unterhöhlt wird, hält Jöhl allerdings für gering. «Die Dämme vertragen einiges, und an den aufgeweiteten Stellen wird es ohnehin kaum zu Problemen kommen.» Das Gleiche gelte für die Nebengewässer. Für das Zusammenleben mit einer neuen Art hat Jöhl einen Tipp: Es gestalte sich umso problemloser, je mehr Respekt der Mensch gegenüber dem Tier zeige. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 24.01.2017, 16:11 Uhr

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