Fussball-WM

«Während der Fussball-WM nicht gleich die Polizei rufen»

Am Donnerstag beginnt die Zeit, in der der kollektive Ausnahmezustand ausbricht. Aber alles hat seine Grenzen, die Nebenerscheinungen der Fussball-WM sollen nicht überborden. Das gilt fürs traute Heim ebenso wie für die Strasse.

Das Fussballfieber färbt jetzt wieder die Hausfassaden mit Fahnen bunt ein.

Das Fussballfieber färbt jetzt wieder die Hausfassaden mit Fahnen bunt ein. Bild: Patrick Gutenberg

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Nicht alle sind Fussballfans. Nicht alle sind Schweizer. Aber das zählt während Fussball-Weltmeisterschaft in Russland nicht viel. In einer multikulturellen Gesellschaft wie in unserem Land hat in den bevorstehenden 31 Tagen immer jemand etwas zu bejubeln oder zu betrauern.

Vor allem die Anhänger der Sieger werden unüberhörbar und unübersehbar sein. Denn öffentliche Gefühlsausbrüche gehören zum massenpsychologischen Phänomen des Fussballs, zumal wenn Patriotismus zum Träger der Emotionen wird. Dennoch hat auch der tolierierte einmonatige Ausnahmezustand seine Spielregeln.

Nicht gleich Polizei rufen

Der Hauseigentümerverband Schweiz (HEV) erinnert an solche Vorschriften. Dabei nimmt er beide Seiten in die Pflicht. «Aufgrund des Grossanlasses sollte eine gewisse Toleranz bezüglich der Ruhezeiten gelten, es ist unrealistisch, die Nachtruhezeit bereits ab 22 Uhr durchsetzen zu wollen», schreibt der HEV in einer Medienmitteillung. Diese Botschaft adressiert er an jene Bewohnerinnen und Bewohner, die sich vom Rummel um die Fussball-WM gestört fühlen könnten.

An die Fans in den Häusern richtet sich der HEV mit einer Mahnung: «Es besteht kein Recht darauf, unbegrenzt Lärm zu produzieren.» Insbesondere gehöre es sich nicht, Fernsehgeräte und Lautsprecher auf den Balkon oder in den Garten zu stellen und mit voller Lautstärke laufen zu lassen. «Auch im Wohnungsinneren sind derartige Geräte auf Zimmerlautstärke einzustellen.»

Grosszügigkeit und Toleranz dürften keine Einbahn sein, darum appelliert der HEV, miteinander zu reden. «Wichtig ist stets, dass ein gutnachbarliches Gespräch gesucht und nicht gleich zum Telefon gegriffen wird, um die Polizei herbei zu rufen.»

«In vier Wochen vorbei»

Während der Fussball-WM zeugen Fahnen an Hausfassaden, über Balkongeländer und aus Fenstern gehängt von patriotischen Gefühlen. Ist das gestattet? «Grundsätzlich verbieten wir es nicht», sagt Milan Jovanovic, designierter Geschäftsführer der Baugenossenschaft Zürichsee (BGZ), die am rechten Zürichseeufer über 600 Wohnungen bewirtschaftet. Das heisst, es würden Nationalflaggen toleriert. Dies, obschon die Fassade und das Äussere des Hauses nicht zur Mietsache gehören.

«Wichtig ist, dass es weder eine politische noche eine Eigenwerbung ist.» Auch weil es sich um einen vorübergehenden Fahnenschmuck handelt, werde nicht eingegriffen. «Es sind ja nur vier Wochen», sagt Jovanovic, in dem ein Fussballerherz schlägt.

Katharina Hauenstein von der Baugenossenschaft Zurlinden (1752 Wohnungen, darunter auch in Horgen, Küsnacht, Meilen, Langnau und in Thalwil) sagt: «Während der Fussball-WM sind wir tolerant und pragmatisch. Es ist ja irgendwann wieder vorbei.» Käme es zu Reklamationen, «würden wir uns das ansehen.»

Nichts beschädigen

Beat Baumgartner, Geschäftsführer der Mieter-Baugenossenschaft Wädenswil (360 Wohnungen) erklärt: «Vorübergehend akzeptieren wir Fahnen an der Hausfassade.» Auch er werde eine Schweizerfahne raushängen. Bei der Gemeinnützigen Baugenossenschaft Horgen (GBH), die am linken Seeufer mehrere hundert Mietwohnungen verwaltet, sind patriotische Fahnen zur Fussball-WM ebenfalls erlaubt. Wichtig ist der GBH, dass an der Hausfassade nichts beschädigt werde.

Der Sommer sei ohnehin eine spezielle Zeit. «Es wird draussen gesprochen, gegrillt, gegessen und eben auch Fussball geschaut», sagt Milan Jovanovic. Diese Immissionen könnten einige Mitbewohner oder Nachbarn stören. «Die BGZ predigt hierzu immer etwas Toleranz aber auch Rücksichtnahme – sodass gelebt werden darf.» Wer ein Problem mit einem Nachbarn habe, solle doch direkt mit diesem sprechen und das Problem zusammen lösen. Aber immer im Sinn von «leben und leben lassen», fügt Jovanovic an.

Für Beizer nichts Neues

Wenn in Gastbetrieben Spiele von der Fussball-WM gezeigt werden, gelten für die Wirtsleute keine besonderen Vorschriften. Das hat einen einfachen Grund, wie Fredy Bannwart, Präsident von Gastro Zürichsee erklärt: «Die Lärmschutzbestimmungen gelten für uns immer», sagt der Männedörfler. Ob Raucher im Freien vor der Beiz oder Verabschiedungen beim Heimgehen, ständig müssten die Wirte ihre Gäste zur Ruhe mahnen, um die Nachbarschaft nicht gegen sich aufzubringen.

Polizei mit Augenmass

Die Stadtpolizei Winterthur wird in den nächsten vier Wochen «mit Augenmass vorgehen», wie Michael Wirz, Medienchef der Stadtpolizei Winterthur sagt. «Gleichzeitig gelten aber weiterhin die gesetzlichen Grundlagen zu Lärm und zur Verkehrssicherheit.» Vernunft und Rücksichtnahme sollten helfen, weder den einen die Freude zu nehmen, noch den anderen Anlass für Ärger zu geben.

Auch ein vorübergehender Strassencorso mit Hupen werde nicht sofort von der Stadtpolizei unterbunden. Wirz nennt es «gesunden Menschenverstand auf allen Seiten». Null Toleranz gebe es aber bei Gewalt und gefährlichen Situationen. «Eine kleine, handelsübliche, an der Seite des Autos befestigte Fahne ist okay. Wenn aber grössere Gegenstände aus dem Fahrzeugen ragen, müssen wir eingreifen.»

Florian Schneider, Mediensprecher der Kantonspolizei St. Gallen, sieht die Ordnungshüter ebenfalls nicht als Spielverderber der Festlaune. «Bis eine Stunde nach Spielende oder maximal bis Mitternacht drücken wir bei Hupen und Gesang auf der Srasse ein Auge zu.» Nicht toleriert würden aber gefährliche Manöver, etwa wenn Menschen auf fahrenden Autos sässen, sich aus dem Fenster lehnten oder Gegenstände rausgehalten würden. Auch absichtliches Reifenquietschen und übertriebenes Auf- und Abfahren würde von der Kantonspolizei nicht toleriert. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.06.2018, 17:07 Uhr

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