Ufenau

Die verborgenen Wracks am Fusse der Ufenau

Sie sind weitgehend unerforscht und oftmals unter Schlamm begraben: Die gesunkenen Ledischiffe auf dem Seegrund nahe der Insel der Stille. Der Taucher Adelrich Uhr hat mehrfach nach ihnen gesucht. Gefunden hat er lediglich Spuren der Schiffe.

Mysteriöse Unterwasserwelt: Am Grund des oberen Zürichsees hat der Schlamm im Laufe der Zeit so manches Ledischiff verschluckt.

Mysteriöse Unterwasserwelt: Am Grund des oberen Zürichsees hat der Schlamm im Laufe der Zeit so manches Ledischiff verschluckt. Bild: zvg/Markus Inglin

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Still liegen sie auf dem Grund. Begraben unter dem Schlamm, den die Zuflüsse des Zürichsees Tag für Tag mit sich führen. Die meisten der Wracks, die hier liegen, werden wohl nie gefunden werden. Von anderen ist im Laufe der Zeit ein einsames Fragment aufgetaucht.Die Wasser um die Ufenau waren seit jeher eine heikle Zone für die Schifffahrt. Kein Wunder: Der See ist rund um das Eiland nur rund 20 Meter tief, doch etwas weiter in Richtung Zürich befindet sich eine vor über 10 000 Jahren entstandene Moräne. An dieser Stelle, die keine 100 Meter von der Ufenau entfernt liegt, reicht das Wasser bis 40 Meter in die Tiefe.

Nicht nur die Moräne, sondern auch der von Bäch her kommende, oft plötzlich auftretende Westwind stellt eine Herausforderung für die Schifffahrer dar. Im 19. Jahrhundert schrieb man diesem Wetterphänomen viele Unglücke zu. Die plötzlich einbrechende Brise verursachte Wellen, welche die überladenen Ledischiffe leicht zum Sinken bringen konnte. Noch heute stelle dieser Wind für die Schiffe eine Unsicherheit dar, sagt Adelrich Uhr. Der passionierte Taucher sucht seit Jahren nach Wracks im Zürichsee und kennt sich mit den Gegebenheiten am und im See bestens aus.

Überladene Ledischiffe

Die Lastsegelschiffe ohne Motor, welche bis um 1920 auf dem Zürichsee verkehrten, waren regelmässig überladen. Ab der Jahrhundertwende verkehrten auch motorisierte Ledischiffe auf dem See, und auch diese waren zu schwer bepackt. Fotografien aus jener Zeit zeigen Schiffe, deren Ladefläche beinahe auf Wasserspiegel liegt — so schwer wogen die Berge aus Felsbrocken, welche die Transportschiffe von A nach B führten.

«Der obere See ist speziell schwer erforschbar für ältere Wracks, da hier mehr Schlamm liegt.»
Adelrich Uhr, Taucher

Nicht wenige von ihnen sanken denn auch aufgrund ihrer zu grossen Last, wie Adelrich Uhr erzählt. Ein Inventar der verschollenen Wracks aus dem Seegrund sucht man indes vergebens: «Die gesunkenen Schiffe aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert sind ein brachliegendes Forschungsgebiet.» Der Kantonsarchäologie fehlten die Mittel, um die verborgenen Wracks zu suchen und zu erforschen.

Uhr, der als Betriebsleiter der Kläranlage Küsnacht arbeitet und den Tauchclub Zürichsee präsidiert, befasst sich seit vielen Jahren mit den gesunkenen Schiffen im Zürichsee. «Der obere See ist speziell schwer erforschbar für ältere Wracks, da hier mehr Schlamm liegt.» Erst ab Männedorf steige die Chance, auf Grund gesunkene Schiffe zu finden.

Im Sturm gesunken

Eines dieser bis heute unauffindbaren Ledischiffe sank im Jahre 1916 bei Sturm. «Dienstagabend 18. April 1916 versank in der Nähe der Insel Ufenau das Motorledischiff des Herrn Inderbitzin in Bächau», heisst es in der Zürichsee-Zeitung vom 20. April 1916. «Der Motor versagte, so dass die Mannschaft das Wasser nicht mehr aus dem Schiff zu pumpen vermochte.» Die Mannschaft habe sich schwimmend auf die Ufenau retten können. «Der Besitzer erleidet grossen Schaden, da das Schiff nicht versichert ist.», heisst es in der ZSZ damals weiter.

Unter Schlamm begraben

Taucher haben vergebens nach dem Wrack des Motorledischiffs aus Bäch gesucht. Durch Schallwellen, welche Gegenstände im Raum und unter Wasser orten können, habe man vor Jahren die Umrisse des gesunkenen Schiffs erkennen können, erzählt Uhr: «Die Sonar-Daten, die ich 2015 einsehen konnte, zeigten auf einer Tiefe von 13 Metern einen Umriss des besagten Wracks. Als ich danach tauchte, fand ich aber nichts mehr vor.»

Uhr sagt, die vom Sonar-Messgerät gezeigte «eingedrückte» Stelle im Seegrund sei jedoch nach wie vor vorhanden. Der pensionierte Freienbacher Berufsfischer Heiri Hiestand glaubt zudem, das Schiff sei gehoben worden. Ob dem so ist, bleibt unklar. Das 1916 gesunkene Ledischiff steht stellvertretend für viele andere Boote, die einst verschwanden und nie mehr gesehen wurden. Einzig unter dem Schlamm liegengebliebe Ölfässer zeugen vom Unfall des Jahres 1916.

Unglück mit drei Todesopfern

Im Jahre 1928 ereignete sich unweit der Ufenau ein weiteres schweres Schiffsunglück, das dokumentiert ist. Dieses forderte drei Menschenleben. «Samstagnachmittag, kurz nach halb 2 Uhr, wurde von Fäffikon aus ein Ledischiff wahrgenommen, das in Sturm und Regen mit den Wellen kämpfte. Es handelte sich um das seit dem Mittag fällige Ledischiff Nr. 4 der «Steinfabrik Zürichsee» in Pfäffikon.» (NZZ vom 19. November 1928)

Vom linken Zürichseeufer aus startete wenig später ein Rettungsteam, das der in Seenot geratenen Mannschaft zu Hilfe eilen wollte. «Während die Rettungsaktion im Gange war, versank das Schiff. Es galt nun, der mit dem Tode ringenden Mannschaft rascheste Hilfe zu bringen», schrieb die NZZ weiter. Durch die hohen Wellen wurde jedoch auch das Motorboot der Retter in Not gebracht, so dass dieses seine Fahrt auf halbem Wege abbrechen musste. So konnten nur die ebenfalls zur Rettung aufgebrochenen zwei Ruderboote zur Unglücksstelle gelangen. Von der vierköpfigen Mannschaft überlebte an diesem Nachmittag nur eine Person, die anderen drei Männer kamen ums Leben.

Kritik an den grossen Lasten

Nach einem weiteren Schiffsunglück im darauffolgenden Jahr äusserte sich die Neue Zürcher Zeitung kritisch zu den chronisch überladenen Ledischiffen: «Wenn man immer und immer wieder sehen kann, wie unverantwortlich diese Seeschiffe gewöhnlich überladen werden, muss man sich überhaupt wundern, dass sich derartige Unglücksfälle nicht noch häufiger ereignen.» (NZZ vom 8. Mai 1929) Für gewöhnlich hätten diese Schiffsladungen nur noch ein bis zwei Handbreiten «Freibord» gehabt, wie die NZZ schreibt. «Da braucht es keinen ausserordentlichen Sturm, um sie innert weniger Minuten zum Sinken zu bringen.»

Heiri Hiestand fand in den 1950er Jahren einen Hinweis auf ein weiteres gesunkenes Schiff. In seinen Fischernetzen verhedderte sich ein gebogenes Ruderblatt. Uhr ist überzeugt, dass das Ruderblatt auf eine um 1860 gebaute Naue hinweist. Unerklärlicherweise konnte der routinierte Taucher trotz genauer Beschreibung von Hiestand die Naue nicht finden: «Hiestand fand den Gegenstand rund 100 Meter vor der Ufenau Richtung Zürich, viermal tauchte ich nach der Naue, konnte das Wrack aber nicht finden.» Vermutlich sei das gesunkene Schiff bereits zu tief im Schlick versunken.

Uhr selber entdeckte vor 35 Jahren ebenso zufällig die Spur einer anderen Naue. Diese stammte womöglich aus dem 19. Jahrhundert und war zwischen den Inseln Ufenau und Lützelau gesunken. Wie sich nach mehreren Tauchgängen herausstellte, ist auch dieses Wrack komplett von Schlamm begraben. Nur mittels Tiefensonar konnte eine Spur erahnt werden. Gefunden haben die Taucher auch dieses Schiff bis heute nicht. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 16.04.2018, 15:10 Uhr

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