Wochengespräch

«Die Schweizer lachen gerne über sich»

Kaya Yanar ist einer der bekanntesten deutschen Komiker. Er gewann den renommierten Deutschen Comedypreis bereits dreimal. Kaya Yanar wohnt in der Schweiz – mit Unterbrüchen immer wieder am Zürichsee.

Lacher sind für den Komiker Kaya Yanar das schönste Geräusch der Welt.

Lacher sind für den Komiker Kaya Yanar das schönste Geräusch der Welt. Bild: Siggi Bucher

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Ihr neues Programm heisst «Der Reiz der Schweiz», was ist denn für Sie der Reiz der Schweiz?
Der für mich grösste Reiz ist natürlich meine Schweizer Freundin, mit der ich seit drei Jahren zusammen bin – das ist meine Nummer eins. Durch sie habe ich auch die Schweizer Mentalität sehr gut kennen gelernt, was mich dazu bewogen hat, ein Programm über die Schweiz zu schreiben. Die Nummer zwei ist ganz klar das, was jeder Tourist an der Schweiz schätzt: die Landschaft.

Fühlen Sie sich am Zürichsee zu Hause?
Bereits vor meiner Beziehung zog es mich in die Schweiz wegen der Verwandten und auch, um mich ungestört in der Öffentlichkeit bewegen zu können. Ich fühlte mich hier immer wohl. Ich bin aber per se ein unsteter Typ und ziehe gerne von Ort zu Ort. Es reizt mich, immer wieder Neues zu sehen und zu erleben. Ich konnte nie sesshaft werden, bis ich meine Freundin kennen gelernt habe. Während ich sehr beweglich bin, ist sie im Grossraum Zürich verankert. Am Zürichsee habe ich die Berge und den See gleich vor der Nase, und der Flughafen ist auch in der Nähe. Das passt.

Was ist denn der komödian­tische Reiz der Schweiz?
Oh, eine ganze Menge! Zum Beispiel die A- und B-Post. Da bin ich kürzlich in die Falle getappt; nach zehn Tagen hiess es: «Wo bleibt denn der Vertrag?» Meine Freundin sagte daraufhin: «Vielleicht hast du ihn mit der B-Post geschickt?» – Und ich: «Nein, ich bin in eine Filiale gegangen, da stand ‹Post› und nicht ‹B-Post›.» Aber ich fand das ganz lustig, denn wer hat Interesse daran, die Post langsam zu verschicken? Auch die Tempolimite musste oft als Scherz hinhalten: 120 km/h auf der Autobahn ist in Deutschland der Rückwärtsgang! Die Schweiz, die nirgendwo mitmachen will wie das gallische Dorf im Römischen Reich … kurz gesagt: Die Schweiz hat komödiantisch sehr viel zu bieten. Das liegt auch daran, dass die Schweiz eine ganz eigene Identität hat, auf die alle Schweizer sehr stolz sind und die sie auch kultivieren.

Lachen die Schweizer gerne über sich?
Sehr! Das ist mitunter ein Grund, weshalb ich ein Programm ausschliesslich über die Schweiz geschrieben habe. Ich toure hier seit zwölf Jahren und habe früher schon einen kleinen Schweizer Anteil einfliessen lassen. Solange es um die Schweiz ging, war die Stimmung immer bombig, sobald ich dann zum restlichen Programm überging, merkte ich, dass die Leute es schade fanden, dass dieser Teil nun schon vorbei ist.

Sie haben viel zur Verbesserung des Verhältnisses zwischen Türken und Deutschen beigetragen. Könnte Bendrit Bajra einen ähnlichen Effekt in der Schweiz haben?
Ich habe schon von ihm gehört und lache privat auch sehr gern über «Ethno-Comedy» in Deutsch­land oder in der Schweiz – das gilt kultur- und länderübergreifend.

Wie erfahren Sie das Verhältnis der Schweizer zu den Deutschen? Man spricht dabei ­bekanntlich «von der Neurose des kleinen Unterschieds» ...
Die Deutschen lieben die Schweiz. Es scheint vielen Schweizern unheimlich vorzukommen, dass die Nachbarn aus dem «grossen Kanton» die Schweiz derart loben. Da kommt manchmal ein Misstrauen auf – ob man dies generell so sagen kann, weiss ich aber nicht.

Waren Sie schon mit ­Vorurteilen konfrontiert?
Nein, wahrscheinlich weil ich irgendwie ein «Universal-Ausländergesicht» habe. Man konnte mich nie richtig einordnen, da ich mich sehr gut einfüge und nie wie ein Fremdkörper erscheine.

Vielleicht hilft Ihnen da auch Ihre humorvolle Weltsicht?
Absolut. Humor hilft in fast jeder Lebenslage. Gerade in angespannten Si­tua­tio­nen ist es wichtig, mal zu lächeln oder einen Scherz einzubringen. Auch wenn man die Sprache nicht spricht, kann man ein bisschen Slapstick-Comedy einbringen: den Kopf anschlagen oder so was – das bringt eigentlich überall auf der Welt Lacher und entspannt die Si­tua­tion.

Sind Sie neben und auf der Bühne derselbe, oder können Sie den Bühnen-Yanar ein- und ausschalten?
Ich brauche das Publikum. Erst auf der Bühne entwickle ich dieses Charisma. Hunderte oder Tausende von Zuschauern geben mir so eine Kraft, so eine Ener­gie­, erst in der Atmosphäre werde ich zur Rampensau. Das Talent guter Comedians ist es, diese Ener­gie­ in eine gelungene Bühnenperformance umzuwandeln.

Wo hört Comedy auf, wo ­beginnt der Rassismus?
Ein rassistischer Witz bleibt immer rassistisch, egal wie und wo er erzählt wird. Viele sagten, als Ausländer hätte ich mehr Freiheiten, Witze zu machen, aber es gibt auch viele Ausländer, die Rassisten sind, gerade ge­gen­über ihrem eigenen Land. Ich nenne das Inländerfeindlichkeit. Zum Beispiel lästern Türken über Türken, die ihrer Meinung nach weniger gut integriert sind. Rassismus ist wohl eine kulturübergreifende Krankheit. Um das Gleichgewicht zu wahren, achte ich darauf, mich über alle Kulturen inklusive meiner eigenen lustig zu machen. Ich frotzle und necke gerne, aber das geschieht immer aus einem Wohlwollen heraus.

War das Unterhalten der ­Zuschauer Ihre Motivation, ­Comedian zu werden?
Es gab mehrere Faktoren. Ich habe es schon immer geliebt, zu performen. Ich bin mit dieser Rampensau in mir geboren. Wenn ich Lacher gehört habe, dann war das für mich das schönste Geräusch der Welt. Der zweite Grund: Ich wollte Frauen kennen lernen. Ich war nie so der Held darin, Frauen anzusprechen, aber die Auftritte machten mich interessanter, sodass die Frauen mich ansprachen, wenn ich von der Bühne kam.

Wie macht man denn ein Tabu ­gesellschaftsfähig?
Ich halte mich persönlich lieber innerhalb der Grenzen auf. Aber allgemein gesprochen funktioniert das so, dass man die Grenzen auslotet und immer wieder überschreitet. Durch die Wiederholung wird die Grenzüberschreitung akzeptiert. Ich hingegen möchte die Leute nicht erziehen, sondern unterhalten.

War das Auftreten von Anfang an lukrativ?
Es dauerte schon etwa acht Jahre, bis ich meinen Durchbruch hatte. Es hat von Anfang an wahnsinnig Spass gemacht, aber ich habe ­Comedy zuerst eher so als Nebenberuf gesehen. Ich hätte damals nie gedacht, dass aus dem Hobby ein Beruf werden könnte. (zsz.ch)

Erstellt: 19.07.2015, 21:15 Uhr

Zur Person

Kaya Yanar ist Komiker und Fernsehmoderator. Seine Eltern stammen aus der Südtürkei. Er ist 1973 in Frankfurt a. M. geboren. Seinen Durchbruch als Komiker schaffte er mit der Sat-1-Comedysendung «Was guckst du?». Die Ethno-Comedysendung lief von 2001 bis 2005 in 120 Folgen. In ihr parodierte ­Yanar vornehmlich Stereotypen verschiedener Nationalitäten, vor allem Türken. Dar­über hinaus tourte er mit verschiedenen Soloprogrammen durch den deutschen Sprachraum. Er gewann zahlreiche Preise, unter anderen den Deutschen Fernseh- und Comedypreis. ans

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