Rapperswil-Jona

«Die Schüler werden heute um Welten besser behandelt»

Die Ferien sind zu Ende, am Montag beginnt das neue Schuljahr. Die Senioren Ingeborg Nussbaumer und Christian Arzethauser freuts, denn sie kommen als «Senioren im Klassenzimmer» zum Einsatz. Im Gespräch mit der ZSZ vergleichen sie den Schulalltag mit ihrer eigenen Schulzeit.

Rechtzeitig zum Schulanfang sind die beiden Senioren Ingeborg Nussbaumer und Christian Arzethauser bereit für ihren Einsatz.

Rechtzeitig zum Schulanfang sind die beiden Senioren Ingeborg Nussbaumer und Christian Arzethauser bereit für ihren Einsatz. Bild: Moritz Hager

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«Ihr Notizheft hat aber Esels­oh­ren», empfängt Christian Arzethauser die Journalistin keck. Dem 81-Jährigen merkt man die Erfahrung im Umgang mit Schülern an. Er beteiligt sich im Programm «Senioren im Klassenzimmer» der Stadt Rapperswil-Jona (siehe Infobox).

«Ich kann kaum erwarten, dass die Schule wieder anfängt. In den Sommerferien habe ich meine Arbeit vermisst», freut er sich. Der frühere Buchhalter verbringt zwei Lektionen pro Woche mit den Dritt- und Viertklässlern der Primarschule Herrenberg und unterstützt die Schüler bei Matheaufgaben.

«Ich bin gespannt auf die Neulinge.»Ingeborg Nussbaumer

«Schul­opa» nennt die Schulleiterin Andrea Bernet ihn liebenswürdig. Doch er ist nicht der Einzige. Ingeborg Nussbaumer ist die zweite Seniorin, die neben Arzethauser im Schulhaus tätig ist: «Ich bin gespannt auf die Neulinge, die ich kennen lernen werde.»

Hilfe bei sprachlichen Problemen

Um sich vorzubereiten, lässt sich Arzet­hauser jeweils Anfang Semester eine Klassenliste geben­, damit er die Namen schnellstmöglich auswendig lernt. Im Unterricht betreut Arzet­hauser die Schüler in Zwei­er- bis Dreiergruppen. «So kann ich individueller auf sie eingehen und den Schulstoff vertieft diskutieren. Der Lehrperson ist dies zeitlich nicht immer möglich», erklärt er.

Meistens kommen Schüler auf ihn zu, welchen eine Aufgabe schwerfällt. Er versucht mit ihnen zusammen, einen Lösungs­weg zu finden. «Ich helfe aber auch fremdsprachigen Kindern während einer Prüfung, die Aufgabenstellung zu verstehen», sagt er weiter. Wichtig dabei­ sei, keine Hinweise zur Lösung­ zu verraten.

«So blei­ben wir selbst jung»

Anders verfährt Ingeborg Nuss­baumer, die im Fachbereich Handarbeit aushilft: «Ich beschäftige Schüler, welche früher fertig sind, mit Zusatzaufgaben.» Sie eignet sich allemal, denn die 69-Jährige ist gelernte Schneiderin. Natürlich greife auch sie Lernenden unter die Arme, wenn nötig­.

Eine der schönsten Erinnerungen sei ein Schüler, der sich am Ende des Unterrichts gemeldet und der Klasse verkündet hatte­: «Ich habe es jetzt begriffen!» Die Idee des Programms ist, die jüngere und die ältere Generation einander näherzubringen. Dies erachten die beiden Senioren als wichtig. «Für mich ist diese­ Arbeit unschätzbar», sagt Nuss­bau­mer.

Bezahlt werden die Senio­ren nicht, doch das stört sie keineswegs: «Mit jungen Men­schen zusammenarbeiten zu können, ist Lohn genug. So blei­ben wir selbst jung.» Zudem sind sie flexibel, weil es ihnen offensteht, sich bei anderweitigen Verpflichtungen freizunehmen.

«Zehn Zentimeterüber dem Boden»

Die Fortschritte der Kinder zu beobachten, sei sehr bereichernd. «Wenn ich eine Auf­gabe erkläre und das Kind sich im Nachhinein bedankt, gehe ich zehn Zentimeter über dem Boden nach Hause», schmunzelt Arzethauser. Auf das Programm aufmerksam machte ihn sein Sohn. Er schickte seinen Lebenslauf der Stadt zu, die ihn nach einem Gespräch auswählte.

Auch die Kinder profitieren vom Kontakt mit den Senioren. Des Öfteren werde sie mit dem Grosi verglichen, bemerkt Nussbaumer. «Vor allem Kinder, deren Grosseltern weit weg wohnen, haben wenig Kontakt zu Älteren.» Sie sind keine­ klassischen Lehrer, denn zwischen Erklären und Aufgaben-Lösen bleibt Zeit für einen Schwatz. Zum Beispiel interessieren sich die Kinder für alte Zeiten. Diese können sich kaum vorstellen, wie anders sich der Schulalltag vor 60 Jahren gestaltete.

Erinnerung an vergangene Zeiten

Arzethauser besuchte die Pri­mar­schule nicht weit vom Herrenberg im Schulhaus Brunn­acker, heutiger Standort des ­Berufs- und Weiterbildungszentrums. Das Schulhaus Herrenberg war damals katholischen Schülern vorbehalten. Erst in den 1980er-Jahren vereinte Rapperswil die Katholischen und Protestantischen Schulgemeinden.

Es herrschte ein anderes Klima. Bis zu 50 Schülern besuchten die gleiche Klasse. Wenn ein Schüler nicht aufpasste, verteilte der Lehrer sogenannte Tatzen, Schläge mit dem Lineal auf die Finger. Ein Haar­rupf oder eine Kopfnuss waren­ beliebte Alternativen. Heute sind Handgreiflichkeiten tabu.

Wenn Christian Arzet­hauser während seiner eigenen Schulzeit einen Fehler beging, musste er dem Unterricht stehend folgen. Heute wird öffentliche Blossstellung stark vermieden. Zudem hat Selbstständigkeit einen viel höheren Stellenwert. «Die Schüler werden im Vergleich zu früher um Welten besser behandelt», fasst Nussbau­mer zusammen.

Erfahrung mit Jungspunden

Dass Schwierigkeiten auftreten, käme vor, sei jedoch selten. «Meine strengste Massnahme in sieben Jahren war einmal, ein Kind vor die Tür zu stellen», sagt Arzethauser.

Im Umgang mit Jung­spunden ist er erfahren, denn Arzethauser hat selber Enkelkin­der. Sie und die Arbeit im Schulzimmer bilden für ihn den perfekten Ausgleich. «Ohne die Arbeit würde mir etwas fehlen», sagt er. Beide empfinden sie als äusserst bereichernd und freuen sich jede Woche auf ihren Einsatz. Nussbaumer schwärmt: «Es ist der beste Job, den ich je hatte.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 12.08.2018, 19:39 Uhr

Infobox: «Senioren im Klassenzimmer»

Das Programm «Senioren im Klassenzimmer» wurde vor acht Jahren von der Schulverwaltung Rapperswil-Jona in Zusam­menarbeit mit Pro Senectute ins Leben gerufen. Die Senioren unterstützen die Schüler im Klassenzimmer. Alt und Jung soll zusammenfinden und sich austauschen können. Beworben wurde das Projekt anfangs von Pro Senectute mittels Schreiben an ihre Mitglieder. Heute funktioniert es über Mund­propaganda. Interes­sierte können sich jederzeit bei der Schulverwaltung melden. Zurzeit sind rund ein Dutzend Senioren in Schulhäusern der Stadt tätig. agi

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