Rapperswil-Jona

Die Rosenstadt im Rhythmus-Rausch

Die 20. Ausgabe des Blues’n Jazz hat Rapperswil-Jona ein Wochenende lang in den Bann gezogen. Das Publikum und die Musiker profitierten vom trockenen Wetter.

Das Blues n Jazz Festival in Rapperswil lockte viele Besucher an - auch dank des schönen Wetters.
Video: Flavio Camenzind

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«Ça va?», ruft Nina Attal mit viel Charme ins Publikum. Mit vorsichtigem Jubel antwortet die Menge der französischen Singer-Songwriterin. Noch müssen sich Musiker und Zuhörer an die Festivalstimmung gewöhnen. Doch je länger der Konzertabend dauert, desto mehr verwandelt sich die Seepromenade mit den Bühnen des Blues ’n’ Jazz in eine Festmeile.

Spätestens als Philipp Fankhauser auf die Bühne am Fischmarktplatz kommt, ist der Platz rap­pel­voll. Mit seiner rauen, authen­tischen Stimme spielt er einen Blues, der in die Hüften geht. Auf dem Balkon eines anliegenden Hauses tanzt ein Paar Boogie. «Ich liebe dich Philipp», ruft einer laut Richtung Bühne. Fankhauser grinst und singt mit viel Freude weiter. Seine Band hat sichtlich Spass an dem Gig: Der Gitarrist legt zum Solo an; der Keyboarder zündet sich auf der Bühne eine Zigarette an, wippt mit dem Kopf und legt noch mal richtig los.

Bühne zum Träumen

Derweil spielt auf der Bühne am Kapuzinerzipfel eine ganz andere Musik. Während die untergehende Sonne den See im Hintergrund zum Glitzern bringt, singt der Rapperswiler Levin «What is Love?». Mit seinen fast träumerischen Klängen wirkt es so, wie wenn er das Glitzern des Sees weitertragen würde. Das Publikum ist voll bei ihm, alle Plätze sind besetzt, die Menschen stehen auch dahinter noch dicht ­gedrängt – und beweisen, dass das Konzept, mehr lokale Künstler einzubeziehen, funktioniert. «Die Musik passt zum Ort», sagt ein Zuhörer – und er hat recht. Mit einer solchen Kulisse im Hintergrund braucht es keine spektakuläre Bühnenshow mehr. Die Bühne vor dem kleinen Holzhäuschen lässt Südstaaten-Feeling aufkommen. Am Schiffssteg steht ein Dampfer, die Musik von Künstlern wie Wes Mackey oder Lisa Doby tönt über den See – fast fühlt man sich direkt an den Mississippi versetzt. Sogar die Mücken, die an so einem lauen Sommerabend am See unvermeidbar sind, passen zum Flair.

Das Blues ’n’ Jazz feiert an diesem Wochenende seine 20. Ausgabe. Wird das Wetter halten? Das ist wohl die Frage, die den Festivalveranstaltern im Vorfeld häufig durch den Kopf ging. Denn in den letzten Jahren fiel das Festival mehr als einmal wortwörtlich ins Wasser. Doch in diesem Jahr hält das Wetter. Über 20 Grad, Sonne und kaum ein Wölkchen am Himmel – unter diesen Umständen kann sich die Rosenstadt zum Festivaljubi­läum von ihrer schönsten Seite zeigen.

Kulinarisches Festival

Während die einen Blues- und Jazz­rhythmen geniessen, verpflegen sich andere an den zahlreichen Foodständen, welche Gerichte­ aus aller Welt anbieten. Von der asiatischen bis zur argentinischen, von der italienischen bis zur klassischen Schweizer ­Küche ist alles dabei. Die Menschen sitzen gemütlich am Seeufer oder auf den neu geschaffenen Sitzgelegenheiten aus Holzpaletten zusammen. Neu ist auch die Lounge rund um die Hafenbar, die, obwohl sie hinter den Essenstän­den versteckt liegt, von den Besuchern rege benutzt wird. «Das schöne an so einem Festival ist, dass man viele Menschen von auswärts sieht und kennenlernt», sagt eine Jonerin, die an der Loungebar einen Drink geniesst.

Bei einem Auftritt bleibt allerdings an diesem Abend niemand mehr sitzen: Al McKay’s Earth, Wind & Fire Experience. Die ­R-’n’-B- und Soullegende sorgt gemeinsam mit der Band auf dem Fischmarktplatz für gehörig Stimmung. Mit viel Funk und Blues, gewürzt mit einer Prise Soul und jeder Menge bekannter Songs geben die Musiker alles. Bis Mitternacht spielt sich die weltbekannte Band die Seele aus dem Leib. Das Publikum ist begeistert. Heimgehen will jetzt eigentlich niemand – nur die Gefahr, den letzten Zug nicht mehr zu er­wischen, zwingt den einen oder anderen dann doch zum Antreten der Heimreise.

Italienischer Blues

Am Samstagabend finden noch mehr Leute den Weg an die Rappers­wiler Seepromenade. Die Sonne steht noch hoch am Himmel; die Menschen sammeln sich an den wenigen Schattenplätzen. Durch das Getümmel bahnt ein Hochzeitspaar sich den Weg an den Curtiplatz. Bevor die erste Band die Bühne in Beschlag nimmt, lassen die Verliebten sich von Verwandten und Bekannten ebenso wie Stars ablichten. Den Auftakt für Tag zwei gibt auf den Bühnen dann Band Goes Wild. Wolfgang «Wolfi» Debrunner, wie immer in seinen weiten, bunten Hosen, steht für einmal nicht als Blues-’n’-Jazz-Speaker, sondern als Musiker auf der Bühne­. Mit den flotten Klängen, die zwar mehr Rock ’n’ Roll als Blues sind, sorgen sie für gute Laune zum Beginn. Kurz darauf geht es auf der Hauptbühne dann so richtig los – mit gewaltiger Stimme und feuerrotem Kleid präsentiert sich Linda Valori als Blues Queen­. Wenn Italien schon nicht an der Fussball-Weltmeisterschaft vertreten ist, so ist es das zumindest am Blues ’n’ Jazz, witzelt der Ansager. Und lässt die italienische Queen mit ihrer Maurizio Pugno Band den Rest machen.

Ganz und gar schweizerisch geht es auf der Bühne am Kapuzinerzipfel zu. «De Hans het Boogie und de Heiri het Blues», singt Blues Max alias Max Werner Widmer. In gemütlicher Stimmung besingt er den Cervelat – dem Publikum gefällts.

Gitarrenkönig spielt auf

Nicht jeder kann gleich zweimal hintereinander ans Blues ’n’ Jazz kommen – er schon. Mit Hut und Sonnenbrille und seiner herrlich tiefen Stimme gibt Big Daddy Wil­son ein Konzert, das unter die Haut geht. Melancholisch, funky und rhythmisch begeistert er die Menge, die vor der Curtiplatz-Bühne dicht gedrängt bis zu den Foodständen steht. Seine Musik bringt Blues und Soul mit einem Hauch von Poesie an den Zürichsee. Tosender Applaus belohnt ihn für seinen Auftritt.

Auch der Gitarrenkönig Walter Trout hat einen Auftritt am Blues ’n’ Jazz. Sein Blues ist «nasty­, down and dirty», mit einer Spur von Rock. Er spielt seine E-Gitarre mal energisch und hart, mal ganz sanft und leise, fast poetisch. Trout erkrankte einiger Zeit schwer und musste die Bühne mehrere Monate gegen sein Krankenbett tauschen. Doch er kam zurück und schrieb sein Album «Battle Scars». Und so spielt er auch: Wie ein Kämpfer, dessen Gitarre ihn nie im Stich gelassen hat. Trout hebt seine Hand und ballt sie zur Faust, spielt einhändig weiter – wie einer, der nach langem Kampf triumphiert.

Final mit dem Saxofon

Zum grossen Final auf dem Fischmarktplatz kommt es mit Candy Dulfer. Die Saxofonistin ist schon das dritte Mal mit dabei – und immer noch sehr begehrt. Die Menschen stehen so dicht, dass das Tanzen schwierig wird. Dabei kann man bei ihrem fun­kigen Jazz kaum stillstehen. Die Frau aus Holland ist ein Multi­talent: Sie singt abwechselnd mit ihrer Stimme und ihrem Saxofon. Mal scheint es zu schreien, mal ist es ganz sanft; sie entlockt dem Instrument Töne, von denen man nicht gewusst hat, dass sie überhaupt möglich sind. Mit einer gehö­rigen Portion Funk versehen, scheint das Saxofon jedoch nicht nur ihr Instrument zu sein, sondern auch ihr Tanzpartner. Die Menge liebt sie dafür. Gegen Mitternacht sorgt sie mit einem Synthesizer und ihrer Band für Partystimmung. Die Zugabe darf nicht fehlen. Noch spät in der Nacht ist sie bis in die Altstadtgassen zu hören.

Auf dem Weg an den Bahnhof unterhält sich ein Paar, noch ganz im Rausch der Musik: «Das war ein genialer Abend.» Dem dürften auch die Organisatoren zustimmen: Mit 19 000 Besuchern war es für sie ein gelungenes Jubi­läum.

Erstellt: 17.06.2018, 17:03 Uhr

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