Rapperswil-Jona

Die Freiheitssäule vor dem Schloss bedeutet nicht nur den Polen viel

Heuer wird in Rapperswil-Jona ein (kunst-)geschichtliches Jubiläum gefeiert – der runde Geburtstag der Freiheitssäule, die vor dem Schloss Rapperswil steht. Ein Initiant ihrer Errichtung war der Schriftsteller Gottfried Keller. 1868 kam die Säule zu stehen und war somit auch Startschuss für das Polenmuseum, das 1870 eröffnet wurde.

Die Freiheitssäule, die vor dem Rapperswiler Schloss steht, hätte vor 150 Jahren eigentlich in Zürich errichtet ­werden sollen.

Die Freiheitssäule, die vor dem Rapperswiler Schloss steht, hätte vor 150 Jahren eigentlich in Zürich errichtet ­werden sollen. Bild: Markus Timo Rüegg

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Die Errichtung der sogenannten Barer Säule, die auf der Schlossterrasse in Rapperswil steht, jährt sich heuer zum 150. Mal. Die Säule selbst gilt als das bedeutendste Säulenmonument der Schweiz aus dem 19. Jahrhundert. Entworfen hatte sie Julius Stadler, Professor an der ETH Zürich und Assistent des ETH-Gründers und Stararchitekten Gottfried Semper.

Es war ein gewaltiger Festakt, als die Säule errichtet wurde – mit viel geladener in- und ausländischer Prominenz. Die Rapperswiler nahmen am Umzug durch die reich geschmückten Strassen teil, und ihr Stadtammann hielt die erste donnernde Rede unter dem enthüllten Denkmal. Das Denkmal wurde so gleichzeitig der Startschuss für das Polenmuseum im Schloss Rapperswil, das 1870 seine Pforten öffnen konnte und dessen Existenz heute wieder auf der Kippe ist.

Gottfried Keller gegen den heimlichen König der Schweiz

Die Freiheitssäule erinnert an die polnischen Aufstände gegen die Fremdherrschaft – eine lange Reihe, beginnend 1768 bis zum damals aktuellsten, dem Januaraufstand von 1863. Während die europäischen Staaten tatenlos zusahen, organisierten begeisterte Demokraten und Liberale überall Solidaritätskomitees. So unterstützten auch viele Schweizer, allen voran der Schriftsteller Gottfried Keller, den Aufstand. Sie taten dies nicht nur mit Kleidern und Medikamenten, sie finanzierten auch Freiwillige, die militärisches Know-how mitbrachten. Aktiv in Polen mitgekämpft hat etwa Franz von Erlach, Oberst im Schweizer Generalstab.

Und dann, als die Niederlage traurige Tatsache war, halfen die Hilfskomitees den polnischen Emigranten, die in der Schweiz Zuflucht suchten. Einer von ihnen war Graf Plater. Seit dem Novemberaufstand im Jahr 1830 war er schon im Exil, und nach dem erneuten Debakel ging er nun daran, eine Art kulturelle Exilnation aufzubauen.

Rapperswiler konnten Züricheine lange Nase drehen

Für Gottfried Keller ging es bei der Denkmalgeschichte auch um Innenpolitik. Er hatte 1831 gesehen, wie polnische Emigranten den Schweizer Liberalen geholfen haben, die Machtverhältnisse in der Schweiz so zu ändern, dass letztlich 1848 der Bundesstaat entstehen konnte. Jetzt hoffte er, mit den Mitgliedern seiner Polen-Solidaritätskomitees in 22 Kantonen Leute für den Sturz des heimlichen Königs der Schweiz, Alfred Escher, gewinnen zu können.

Diese Rechnung sollte am Ende aufgehen: Escher konnte gestürzt, die demokratische Kontrolle gestärkt werden. Aber das Freiheitsdenkmal hatte Keller in Zürich nicht errichten lassen können wie geplant. Aus Angst vor den Besatzungsmächten Polens (Russland, Preussen, Österreich) drückte sich das «Limmat-Athen» mit technischen Begründungen um das Denkmal. «Der löbliche Zürcher Gemeinderath fürchtet sich vor seinen Kollegen in Petersburg und Moskau», höhnte damals die demokratische «Glarner Zeitung». So konnten die Rapperswiler Behörden «mit edler Bereitwilligkeit» einspringen und gleichzeitig Zürich eine lange Nase drehen. Der Adler der Säule blickte denn auch Richtung Zürich, von wo man Passagierschiffe mit Touristen erwartete. Ausserdem fand Rapperswil so in Graf Plater einen Mieter für das Schloss, das laut Baukommission «mehr oder weniger ruiniert» war und damit ein ungeliebtes Objekt mit befürchteter Kostenfolge.

Hochstapler und Rassist stand Burgenverein vor

Die erste Freiheitssäule mit marmornem Schaft wurde Opfer eines Unwetters. Ihre gusseiserne Dublette wurde dann in den windgeschützten Hof des Schlosses gestellt, war das Schloss doch jetzt eh das Polenmuseum, das sozusagen die Erläuterungen zur Freiheitssäule lieferte. Da blieb sie auch, bis zu jenem unsäg­lichen Zwischenspiel mit dem falschen Grafen von Ragusa.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte nämlich die neu erstandene Volksrepublik Polen Hand auf das Museum gelegt und die Ortsgemeinde mit stalinistischer Propaganda verärgert. Diese kündigte – nicht ohne Mühe – den Vertrag auf und vermietete einen Teil der Räumlichkeiten an den Schweizerischen Burgenverein. Dessen örtlicher Leiter in Rapperswil war ebenjener Herbert Wolfgang Stuber, Graf von Abbog-Locatelli, ein wissenschaft­licher Hochstapler, ausserdem falscher Graf von Ragusa.

Natürlich versuchte der Graf jetzt, sofort alle (heute denkmalgeschützten) Renovierungsar­beiten von Plater im Schloss zu «entpolonisieren» – durch Abschlagen oder Zumauern. Besonders aber kämpfte er gegen die Freiheitssäule im Schlosshof, die er ganz rassenbiologisch als «unerwünschte(n) Fremdkörper» titulierte. Die Ortsbürgergemeinde war aber resolut gegen einen Abtransport der Säule oder gar eine Verschrottung. Man einigte sich schliesslich auf eine Verschiebung auf das Känzeli. Bald darauf konnte dem falschen Grafen Unterschlagung nachgewiesen werden. Seine Zeit auf dem Schloss war nun definitiv abgelaufen.

Ein prominenter Denkmal-Besucher war Lech Walesa

Weil bei dieser ertrotzten Verschiebung des Denkmals gepfuscht worden war, musste dieses 1968 renoviert werden. Dabei konnte die Säule aus ihrem Versteck auf dem Känzeli weggeholt werden. Der Verein der Freunde des Polenmuseums finanzierte diesen Umzug auf den prominenteren Lindenhof, wo das Denkmal heute noch steht. Das Museum hat die Säule ­seither verschiedene Male revidieren lassen, so 1992 und das letzte Mal 2014. Erneuert hat sich auch der Freiheitsgedanke. Der grosse Umbruch im Osten Europas hat ja in Polen begonnen. Polen war das erste Land, das sich aus der Umarmung der damaligen Sowjetunion hat befreien können.

Der erste demokratisch gewählte Präsident des neuen Polens, Lech Walesa, gehört sicher zu den prominentesten Besuchern des Denkmals und des Polenmuseums in Rapperswil. Er sprach dem Museum Dank dafür aus, dass es die historischen Wahrheiten gegenüber staat­lichen Geschichtsklitterungen aufrechterhalten hatte.

Freiheit, so sagte ein Redner schon 1868 bei der Einweihung, ist nicht nur eine formale politische Freiheit. Machtmenschen aller Art können auch heute demokratische (und weniger demokratische) Mechanismen zu ihren Gunsten manipulieren – und damit zum Schaden der Allgemeinheit. Und diese merkt das vielleicht nicht mal im Zeitalter von Fake News, Medienkonzentration und den Märchen der neuen falschen Grafen. Freiheit, so jener Redner von 1886, sei auch die Ablehnung einer «Geistesknechtschaft». (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 14.09.2018, 10:17 Uhr

Freiheitssäule

Säulendenkmäler sind in der Schweiz selten

Siegessäulen, Pestsäulen oder Freiheitssäulen gibt es weltweit zuhauf. In der Schweiz sind solche Säulendenkmäler aber eher selten. Zwar haben die Römer, welche, die Sitte hatten, den Göttern Säulen zu widmen, solche auch in das Gebiet der heutigen Schweiz gebracht. Einzelne dieser Säulen stehen auch noch oder vielmehr wieder. So hat etwa die Gemeinde Nyon die gefundenen römischen Säulen prominent an die Uferpromenade gestellt und daraus ihr touristisches Markenzeichen gemacht. Neben den Berner Brunnensäulen, auch eine Art Denkmäler, gibt es aber nur noch die Säule auf dem Schlachtfeld von Grauholz, eine 12 Meter hohe abgebrochene Säule mit Trauerflor mitten im Autobahnlärm. Schon das 18 Meter hohe Denkmal zur Schlacht bei Murten ist von der Form her ein Obelisk, also kein typisches Säulendenkmal mit Sockel, Schaft, Kapitell und so weiter. Weitere gelegentlich Säulen genannte Denkmäler betreffen gedrungene, kleinere Steindenkmäler, die alle nicht die klassische Säulenform haben, sondern eher wie die Sockel zu weggelassenen Säulen ­wirken.

So nimmt die über 13 Meter hohe polnisch-schweizerische Freiheitssäule in Rapperswil auch diesbezüglich eine Sonderstellung ein. Sie vertritt eine klassische, hierzulande seltene Denkmalform. Und verbindet mit der aufgesetzten Statue, dem Adler auf dem Globus, das religiöse Herkommen (Jupiter als obersten Gott) mit dem politischen Anspruch (der weisse Adler Polens auf dem Flug zur universellen Freiheit).

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