Zürichsee

Die Fischerin vom Zürichsee

Marina Züger ist eine doppelte Ausnahme. Sie ist die einzige Berufsfischerin am Zürichsee, und sie lebt weder am noch in Sichtweite des Sees. Die ZSZ hat die 47-jährige Uznerin beim Auslegen der Netze begleitet – eine Schwerarbeit, die gelernt sein muss wie alles in der Berufsfischerei.

Vom «Bürogummi» zur exklusiven Berufsfischerin: Marina Züger erhielt ihre Ausbildung vom Vater sowie im Institut für Fischerei im bayerischen Starnberg.

Vom «Bürogummi» zur exklusiven Berufsfischerin: Marina Züger erhielt ihre Ausbildung vom Vater sowie im Institut für Fischerei im bayerischen Starnberg. Bild: Sabine Rock

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Zum Meer hat es nicht gereicht, auch wenn der Vorname «vom Meer stammend» bedeutet. ­Marina Züger begnügt sich mit dem Obersee. Es ist das Revier der Berufsfischerin. Genauer gesagt: der westliche St. Galler Teil des rund 20 Quadratkilometer grossen Gewässers.

Gekonnt manövriert sie den Weidling von der winzigen Anlegestelle vor dem Kloster Wurmsbach in Bollingen. Der Bug zeigt zur Seemitte; die warme Frühlingssonne brennt schon bei der langsamen Fahrt in der Uferzone auf der Haut. Bald darauf sorgt Fahrtwind für wohlige Kühle. «Ob es ein schöner Tag wird, hängt davon ab, ob es sich vom Fang her lohnt», bleibt Marina Züger unbeeindruckt.

Hauptsache, saubere Netze

In der Mitte des Sees, auf Höhe von Busskirch, legt sie die rund 2,5 Meter hohen und 90 Meter langen Grundnetze aus. Bei den Schwebnetzen hängen alle paar Meter Styroporplatten dran. Sie halten das Netz in der gewünschten Tiefe stabil. Heute werden Bodennetze und Schwebnetze für Felchen ausgelegt. Morgens hat sie bereits Bodennetze eingeholt und mehrheitlich Felchen gefangen, dazu ein paar Hechte.

Die Schwebenetze für den Felchenfangsollten sollten möglichst sauber sein. Denn nur dann über­sehen die Fische die Maschen und schwimmen hin­ein. Bild: Sabine Rock.

Auch wenn einige Netze schon ein paar Löcher haben, gilt für Marina Züger die Regel: «Mit alten­ Netzen fängt man auch Fisch». Hauptsache, sie sind sauber. Denn nur dann über­sehen die Fische die Maschen und schwimmen hin­ein.

Die Netze sind über eine Stange­ geschlauft, die sie horizontal in den Arbeitsbaum an der Bordwand steckt. Oben ragt eine Querstrebe übers Boot und erinnert an einen Galgen – eine schicksalhafte Deutung für die Fische.

Gleichmässige Handarbeit

Mit der linken Hand spult die Berufs­fischerin das Netz von der Stange, mit der rechten legt sie es über die hintere Bootskante aus, schaut, dass die untere Blei­leine nicht über die obere Schwimmleine fällt. In gleichen Abständen wirft sie die Schwimmerplatten im hohen Bogen ins Wasser.

Ist ein Netz abgewickelt, zieht sie die leere Stange raus, holt das nächste aus der Kiste und verbindet es mit dem bereits im Wasser langsam absinkenden Maschenwerk. Zwischendurch korrigiert sie den Steuerhebel am Aussenbordmotor, damit der Weidling in einer geraden Linie im Schritttempo vorwärts tuckert.

Konzentriert legt die Uznerin ihre Netze aus. Bild: Sabine Rock.

Die Regelmässigkeit der Handgriffe wirkt beruhigend auf Betrachter. Ein weiteres Netz mit Markierungsbojen an beiden Enden­ legt sie versetzt und mit ein paar Hundert Metern Abstand ebenfalls in der Seemitte aus.

«Und tschüss!»

Dann holt Marina Züger zwei Anker­ ein, mit denen sie am Vortag­ die Schwebnetze vor dem Abdriften gesichert hat. «Hier habe­ ich nichts gefangen», sagt sie und beginnt, die Leine, mit einem Beton­block daran hängend, in gleichmässigen Zügen hochzuziehen. Die angespannten Mundwinkel und die muskulösen Oberarme zeugen von Schwer­arbeit. «Gutes Training», sagt sie und lacht.

Rund 25 Meter ist der See an dieser Stelle tief. Die Anker kommen bald wieder zum Einsatz. Sie sichern ein auf der Höhe des Flugplatzes Wangen-Lachen ausgelegtes Schwebnetz. «Und tschüss – bis morgen», verabschiedet sie sich von der getanen Arbeit und gibt Gas. Nach einer Stunde auf dem Obersee ist dieser Nachmittagseinsatz beendet.

Ausbildung in Bayern

«Irgendwie ist es familiär ­bedingt; man wächst mit der Fische­rei auf», erklärt ­Marina Züger ihren Werde­gang. Sie ist eine Quereinsteigerin, erst vor sechs Jahren hat sie umgesattelt und die zweijährige verkürzte Aus­bildungszeit zur Berufsfischerin absolviert. «Vorher war ich ein Bürogummi. Mit 40 hatte ich das Gefühl, ich muss etwas ande­res machen.»

Jetzt führt sie den Betrieb mit ihrem Vater Walter ­Züger. Bereut hat sie diesen Schritt nie. «Auch nicht, wenn es derzeit harzt, man früh aufsteht und weiss, es wird kaum etwas im Netz sein.»

Marina Züger ist eine Quereinsteigerin, erst vor sechs Jahren hat sie umgesattelt und die zweijährige verkürzte Aus­bildungszeit zur Berufsfischerin absolviert. Bild: Sabine Rock.

Die Ausbildung erhielt sie am Staatlichen Institut für Fischerei am bayerischen Starnberger See. Es ist die wichtigste Ausbildungsstätte für Fischer auf Flüssen und Binnenseen aus deutschsprachigen Ländern. Für ­Marina ­Züger stellt sie «eine ganz normale Berufsschule» dar. Sie zählt auf, was dort in 14-tägigen Schulungsblöcken unterrichtet wird: Wasserchemie, Netz­kunde, Fisch­kunde, artgerechte und tier­freund­liche Behandlung, Anatomie der Fische, Räuchern, Verarbeiten, Verpacken, Etikettieren und Kochen der Fische. Auch Rechnen, Deutsch, Sozial­kunde und Sport gehören zum Programm.

Das Auslegen der Netze lernte sie während einer Woche am Boden­see und natürlich durch Übung in der alltäglichen Praxis zuhause am Ober­see im väter­lichen Betrieb. Nach der staat­lichen Prüfung darf sie sich heute Fisch­wirtin nennen.

Frauen nicht zugetraut

Selbst in Starnberg war sie als Frau eine Seltenheit. In der Schweiz kennt sie nur noch eine Berufskollegin am Vierwaldstättersee. «Ich fühle mich wohl in einer Männerdomäne, ich wurde auch gut in der Gilde aufgenommen», erzählt sie. Das beweist ihre­ Wahl im Ja­nuar in den Vorstand der Berufsfischervereinigung Zürich­see und Walen­see. Die Kollegialität kennt keine Geschlechtertrennung.

Schiffskapitäne grüssen sie beim Vorbeifahren, Bootsfahrer machen ihr auch mal Komplimente. «Es verwundert offenbar viele, weil sie diesen Beruf Frauen nicht zutrauen», sagt sie. «Auch Frauen freuen sich, wenn sie mich bei der Arbeit sehen.»

Warum sind dann Frauen so rar in diesem Beruf? «Wahrscheinlich hat es mit der körper­lichen Anstrengung zu tun», erklärt ­Marina ­Züger. Handwerk­liches Geschick, Wetterfestigkeit und eine gewisse Eigenständigkeit seien notwendig. Auch Naturverbundenheit, Zielstrebigkeit, Disziplin und Zuverlässigkeit helfen, diesen anstrengenden Beruf auszuüben, ergänzt sie. Sie schätzt die ­Ruhe auf dem See und die Un­ab­hängigkeit. Wenn auch noch viele Fische gefangen werden, «macht es sogar Riesenspass».

In der Freizeit meidet sie den Zürich­see. «Am Samstag und am Sonntagvormittag muss ich nicht auch noch auf den See, da gehe ich lieber in die Berge wandern», erzählt sie. Wenigstens in diesem Punkt passt ihr Zuhause: «Vom Uzner­berg sehe ich den See nicht einmal, sondern schaue auf die Linth­ebene und die Berge.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 07.05.2018, 15:28 Uhr

Nachgefragt

Zu klein für eine eigene Berufsschule

Alle Berufsfischer der Schweiz absolvieren ihre theoretische Ausbildung im Ausland, wie im Bayerischen Institut für Fischerei Starnberg. Wäre eine Schweizer Berufsschule nützlich und notwendig?
Reto Leuch: In Starnberg werden die Schüler sehr gut ausgebildet. Auch fordern wir in der Schweiz eine abgeschlossene Schule damit ein Patent beantragt werden kann

Warum gibt es in der Schweiz keine Berufsschule für Fischer?
Ein bis zwei Lehrlinge schliessen pro Jahr die Ausbildung ab, inklusive der Fischzüchter. Mit so kleinen Schülerzahlen kann man keine Berufsschulklasse führen. Somit ist die Lösung mit Starnberg gut. In Deutschland ist dies ein anerkannter Beruf.

Ist die Berufsfischerei politisch verankert – durch Lobby oder Interessensvertretung in Bund und Kantonen?
Wir sind dem Bauernverband angeschlossen und erhalten von dieser Seite Unterstützung, doch die Lobby ist klein.

Gibt es in der Schweiz politische Anliegen der Berufsfischer?
Das Hauptproblem der Berufsfischer in der Schweiz ist der Nährstoffmangel, der in immer mehr Seen auftritt. Mit diesem Anliegen sind wir schon seit einigen Jahren in den Medien und sind auch an die Politik herangetreten.

Würde eine Schweizer Berufsschule für Fischerei diesem Berufszweig mehr Bedeutung verleihen?
Nein, das würde nichts ändern.

Reto Leuch (Landschlacht/Thurgau), ist Präsident des Schweizer Berufsfischerverbands

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