Rapperswil-Jona

«Die Alpen sind äusserst sensibel»

Im Sommer überquerte HSR-Professor Dominik Siegrist in vier Monaten die Alpen. Zu Fuss. Und bereits zum zweiten Mal. Ein Gespräch über den Klimawandel, Landflucht und die ungewisse Zukunft der sensiblen Bergkette im Herzen Europas.

Dominik Siegrist: «Trotz Abwanderung müssen Strategien für die Zukunft der Berggebiete gefundne werden.»

Dominik Siegrist: «Trotz Abwanderung müssen Strategien für die Zukunft der Berggebiete gefundne werden.» Bild: Manuela Matt

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Sie sind 119 Tage lang quer durch die Alpen gewandert. Wie kommt man auf solch eine Idee?
Dominik Siegrist: Hinter der Idee steht Whatsalp, ein von mir und meinem Kollegen Harry Spiess initiiertes Dokumentations- und Rechercheprojekt. Ziel der Wanderung war es, den Stand des Alpenraums zu dokumentieren, zu vergleichen, wo diese Region heute steht, was neu entstanden ist und was das für Herausforderungen mit sich bringt, vor allem auch im Vergleich zu vor 25 Jahren.

Damals sind Sie bereits mit der Gruppe Transalpedes von Wien nach Nizza über die Alpen ­gewandert. Haben Sie dieselbe Route gewählt?
Grosso modo war es dieselbe Route, wir wollten ja vergleichen, wie sich die Region verändert hat über die Jahre. Wir haben allerdings nicht ganz so viele Höhenmeter gemacht wie damals und etwa zehn Prozent der Strecke mit dem Velo absolviert. Wir sind inzwischen alle etwas älter geworden, das Wandern war allerdings nicht gross anders als auf unserer ersten Reise.

Was hat sich in den Alpen im Vergleich zu vor 25 Jahren ­alles getan?
Weil die Alpen in Westeuropa in einer hoch entwickelten Region liegen, entwickeln sie sich natürlich mit. Es ist erneut extrem viel gebaut worden, in Tourismus­infrastrukturen, vor allem Ski­gebiete, wurde und wird nach wie vor viel investiert. Der Verkehr hat stark zugenommen, sowohl Transitachsen als auch Strassen für den Freizeitverkehr wurden stark ausgebaut.

Wo ist Ihnen das besonders ­aufgefallen?
Im Skitourismus wurde an vielen Orten nochmals stark zugelegt. In Österreich entsteht mit dem neuen Skiverbund Ski Amadé zwischen Steiermark und Salzburg das zweitgrösste Skigebiet in Europa, wenn nicht sogar der Welt. In der Schweiz hat auch der Zweitwohnungsbau in den letzten 25 Jahren stark zugenommen. Es dauert wohl noch länger, bis die Zweitwohnungsinitiative greift.

«Ich hoffe, das Bewusstsein der Leute für den Umgang mit unserem Alpenraum wieder stärken  können.»Dominik Siegrist

Sind Sie während der vier Monate auf Gefahren gestossen?
Es gab keine wirklich kritischen Situationen. Einmal kamen in einem Hang vor uns ein paar Steine den Hang herunter, wir waren aber genug weit davon entfernt. Teils mussten wir, vor allem im Osten von Österreich, aufgrund von fehlenden Wanderwegen grössere Strecken den Hauptstrassen entlanglaufen. Die an einem vorbeidonnernden Lastwagen waren da fast das grössere Risiko. (lacht)

Das Thema Bergstürze beschäftigt die Schweiz aktuell. Erst Bondo, dann im Kanton Uri. Wie gehen Sie damit um?
Wir sind kurz vor dem Bergsturz in Bondo durch das Bergell gewandert. Das hat uns natürlich beschäftigt, wir kennen auch die nun darin involvierten Akteurinnen und Akteure. Die Alpen hatten jedoch in der Vergangenheit immer wieder grosse Bergstürze erlebt, beispielsweise 1987 im norditalienischen Veltlin oder 1991 in Randa VS. Damals wurden ganze Dörfer zugeschüttet, und es gab zahlreiche Tote. Das Thema ist also nicht neu und auch die Ursachen, die oft stark mit dem Klimawandel zusammenhängen.

Sie haben auf Ihrer Tour fast 70 Ortstermine veranstaltet,wo sie sich mit Experten, Institutionen oder interessierten Einzelpersonen austauschten.Wie schauen Sie auf diese ­Begegnungen zurück?
Über unsere beiden Hauptpartner Cipra und die Alpeninitiative hatten wir viele Kontakte. So entstanden spannende Begegnungen auf der Route, wo Naturschutz- oder Stauseeprojekte diskutiert wurden, Abendveranstaltungen im Saal mit 50 Leuten, Referate von Fachleuten oder eine philosophische Diskussion mit einem Bergsteiger über das Verhältnis zwischen Extremsport im Himalaja und Weitwanderungen in den Alpen.

Gab es auch spontane ­Begegnungen?
Ja, viele. Zum Beispiel der Austausch mit Strassenarbeitern oder Bauern am Weg, das war für uns sehr inspirierend. So ist man auch mal 15 Minuten im Regen stehen geblieben und hat sich mit einem Älpler über die Landwirtschaftspolitik der EU unterhalten. Aus den Gesprächen mit der lokalen Bevölkerung hat man her­ausgespürt, was sie beschäftigt und bewegt: Probleme mit der Wirtschaft, fehlende Einkommensmöglichkeiten, dass oft nur noch die älteren Leute im Dorf bleiben, aber auch die Touristenflut.

Sie sprechen die Problematik der Landflucht an.
Generell muss man zwischen den verschiedenen Ländern unterscheiden. In Frankreich und Italien gibt es das Problem der Abwanderung schon viel länger als bei uns. So leben in manchen Dörfern, die früher 200 Einwohner hatten, heute noch ein knappes Dutzend Menschen. In Österreich und der Schweiz hat die verstärkte Abwanderung erst in den letzten Jahren eingesetzt. Das Leben in Tälern erschien mir bei der ersten Wanderung noch dynamischer. Es gab mehr junge Leute, die in der Landwirtschaft und im Gewerbe tätig waren.

Ist dies mit ein Grund, weshalb sich die Jungen heute weniger für die Alpenregion engagieren?
Die Jugendlichen ziehen in die Städte, meist wegen der Ausbildung. Haben sie dann einen professionellen Abschluss, gibt es dafür fast keine Stellen in ihrer Heimatregion. Und wo die Menschen fehlen, können sie sich auch nicht engagieren. Es gibt jedoch auch Ausnahmen.

Zum Beispiel?
Projekte für Naturpärke oder Landwirtschaftsbetriebe, die sich für die Erzeugung von Qualitätsprodukten einsetzen, oder Kulturprojekte im weiteren Sinne, bei denen man sich mit der eigenen Region, ihrer Geschichte und Identität auseinandersetzt. Hier gibt es ein Spektrum an neuen Initiativen, wo sich auch Junge engagieren. Allerdings sind das heute oft Leute mit einer spezia­lisierten Ausbildung, die dafür ­bezahlt werden. Viele stammen auch gar nicht aus der Region, sondern sind Zuzüger.

Was braucht es also künftig für einen «gesunden» Alpenraum?
Die Alpen sind äusserst sensibel, vor allem wenn man vom Klimawandel und von den damit verbundenen Naturgefahren ausgeht. Es ist nun an der EU sowie an den betroffenen Ländern, diesen sensiblen Raum im Rahmen ihrer Klimapolitik besonders zu behandeln. Auch punkto des zunehmenden Verkehrs muss gehandelt werden, was in der Schweiz teilweise bereits geschieht: Wir sind das einzige Alpenland, das ein gesetzliches Instrument hat, um den Güterverkehr auf die Schienen zu ver­lagern. Bei der Besänftigung des Freizeitverkehrs sehe ich allerdings Schwierigkeiten, da man die individuelle Freiheit der Menschen nicht einschränken will.

Und in der Landwirtschaft?
Hier passiert bereits viel. In Graubünden wird weitgehend Bio produziert, das war 1992 noch nicht so. Heute stellt die Berglandwirtschaft vor allem Qualitätsprodukte her und orientiert sich nicht mehr am Massenmarkt. Das ist auch punkto Wertschöpfung der richtige Weg für die alpine Landwirtschaft. Jedoch gibt es auch hier Unterschiede zwischen den Ländern. In Österreich und Südtirol ist der Trend ebenfalls spürbar, in Frankreich und Italien sieht man hingegen noch sehr wenig.

Sie sorgen sich also nicht um die Zukunft der Alpen?
Die Probleme sind gross, das lässt sich nicht wegdiskutieren. Der Klima-, aber auch der Strukturwandel bringt Herausforderungen mit sich. Wichtig ist es deshalb, trotz der Abwanderung Strategien für die Zukunft der Berggebiete zu finden. Es gibt ­bereits viele Ansätze zur Lösung dieser Probleme, auch im Schweizer Alpenraum. Eine Möglichkeit wäre zum Beispiel, Zweitwohnungsbesitzer und Menschen, die zwischen Tal und Berg pendeln, mehr einzubinden. Das sind oft Leute mit guten Netzwerken, die manchmal auch Kontakte zu finanziell starken Kreisen haben. Dazu muss aber die lokale Bevölkerung mit­spielen.

Welches Fazit ziehen Sie aus Ihrer Reise?
Ich bin mehr als zufrieden mit dem Resultat, hätte nie gedacht, dass wir so eine Resonanz aus­lösen. All die Kontakte und Veranstaltungen, über die so viel an Info und Feedback zusammen­gekommen ist. Nicht nur aus den Medien, auch aus der Community, die das Projekt online über die ganze Zeit verfolgt haben. Ich hoffe nun, dass wir mit unseren Erkenntnissen weitere Kreise erreichen, unsere Ergebnisse kommunizieren und so das Bewusstsein der Leute für den Umgang mit unserem Alpenraum wieder stärken können.

Wie geht es für Sie jetzt weiter?
Ich plane ein Buch im Stile eines Reiseberichts, mein Kollege Harry Spiess arbeitet zudem an einem Dokumentarfilm. In den nächsten Wochen und Monaten werden uns all die Präsentationen und Vor­träge zu unseren Erkenntnissen ebenfalls beschäftigt halten. Nur wandern gehe ich in nächster Zeit bestimmt nicht. (lacht)

Zum Schluss: Wird esin 25 Jahren wieder eine ­Alpenwanderung geben?
Die Idee besteht nach wie vor. Eine Gruppe von Jugendlichen hat sogar in einem offiziellen Schreiben erklärt, das Thema zu verfolgen und eine allfällige Wanderung in 25 Jahren anzupeilen. Ich selber bin dann 85 Jahre alt. Falls ich dann noch lebe, werde ich mich bestimmt an der einen oder anderen Stelle einklinken. (lacht) (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 18.10.2017, 15:00 Uhr

Whatsalp

Unter dem Namen «whatsalp» wanderte vom 3. Juni bis 29. September eine Gruppe von Alpenfachleuten von Wien nach Nizza. Vor genau 25 Jahren wanderte die Kerngruppe «TransALPedes» bereits eine ähnliche Route durch die Alpen. Professor Dominik Siegrist war bei beiden Reisen dabei. Ein Ziel war die Recherche und Dokumentation zum Stand und zur Zukunft der europäischen Alpenregion. Ein weiteres bestand darin, die Veränderung der Landschaft und Gesellschaft zwischen damals und heute zu analysieren. Entlang der 1800 km langen Route fanden in Österreich, der Schweiz, Italien und Frankreich rund siebzig Ortstermine und Veranstaltungen mit mehreren hundert Beteiligten statt. Im Blog unter www.whatsalp.org wurde regelmässig über die Wanderung berichtet. (Vk)

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