Blues ’n’ Jazz

«Der Text ist der Chef»

Die Berner Rockband Züri West tritt am nächsten Samstag auf dem Fischmarktplatz auf. Im Gespräch erzählt Frontmann Kuno Lauener, wo er Ideen für seine Lieder findet und weshalb Mundart manchmal eine schwierige Sprache ist.

Kuno Lauener leidet beim Texten manchmal daran, dass die Mundart keinen Imperfekt kennt.

Kuno Lauener leidet beim Texten manchmal daran, dass die Mundart keinen Imperfekt kennt. Bild: zvg / Caspar Martig

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eigentlich ist er Maler, der Kuno Lauener. Farbtupfer um Farbtupfer bringt er Stimmungen auf ein leeres Blatt Papier. Es sind Stimmungen, die hängen bleiben, wie aus dem Lied «Schatteboxe» über leises Abschiednehmen: «D Sunne schiint dür d Store uf mis Pult / und malt es chliises Vieregg druf us Gold / Chasch es mitneh we’s dr gfallt de chasches ha / du muesch mr nüt erkläre, wed wosch ga».

Der Berner singt seit vielen Jahren Lieder, die sich um Beziehungen drehen. Seine Texte handeln von der verloren gegangenen Liebe, vom Hadern des lyrischen Ich. Für Lauener sind ­Lieder über Beziehungen die Rockmusiktexte schlechthin: «Mich interessiert, was passiert, wenn Menschen aufeinandertreffen», sagt er beim Treffen in der Berner Altstadt.

Erst der Text, dann die Musik

Ein neuer Song beginne fast immer mit dem Text, sagt Kuno Lauener. Oft gäben ihm die Bandkollegen Songskizzen mit nach Hause. «Aber wenn ich keine passende Geschichte dazu finde, dann funktioniert das nicht.» So gingen manchmal gute Songskizzen verloren. «Beim Text beanspruche ich für mich alle Freiheiten, anders geht es nicht», sagt der Sänger. Er sei nicht der Typ «Konfektionsschreiber», der auf Knopfdruck zu einer guten Melodie den passenden Song schreiben könne —im Gegenteil: «Der Text ist der Chef.»

Das spürt man, wenn man Laueners Liedern lauscht. Seine Texte sind oft von einer leisen ­Poesie und erinnern ein wenig an den grossen Mani Matter. Wie der allzu früh verstorbene Berner Liedermacher versteht es auch Lauener, scheinbar Nebensächliches zum Strahlen zu bringen und Zwischentöne hörbar zu machen. In «Chinasky», 2008 auf dem Album «Haubi Songs» erschienen, singt Lauener von seinem verwirrten älteren Kollegen Chinasky, einem 80-jährigen «Schpinner», der «Schrübli sortiert», alle Fragen falsch versteht und in seiner eigenen Welt lebt. Vielleicht gerade dadurch aber drücke der eigenwillige alte Mann alle «finsteren Wolken» zur Seite, singt Lauener.

«Chinasky» wie auch «Schatteboxe» tragen sowohl leichte als auch melancholische Züge. Kuno Lauener sagt, er wünsche sich insbesondere für die Konzerte der Band manchmal etwas mehr «Judihui»-Musik, bei der die Leute tanzen könnten. Dass der Mittfünfziger grossen Spass an den rockigeren Züri-West-Songs und dem Bühnenauftritt hat, zeigte er Mitte Mai bei seinem «Heimspiel» im Berner Bierhübeli: Dort sang er mit viel Verve «Traffik», diesen Song aus dem Jahr 1994, der sich schier endlos zu steigern scheint. Der Berner sagt, er sei kein unfröhlicher Mensch. «Aber ich lande immer wieder bei melancholischen Liedern.»

Zuhören und zuschauen

Lauener ist keiner, der sich selbst zu wichtig nimmt. «Ich bin schlecht im Theoretisieren», entschuldigt sich der 56-Jährige, wenn er nach den passenden Begriffen sucht. Sein Blick schweift immer wieder in die Ferne, manchmal wirkt der Berner fast ein wenig schüchtern. Doch wenn er vom Schreiben erzählt, sprechen seine Hände mit. Dann gestikuliert der Sänger fast wie der Italiener, den er als Knabe einmal werden wollte, wie er in einem Lied auf dem jüngsten Album gesteht.

Früher hat Lauener in seinen Songs schonungslos eigene Geschichten verarbeitet — notabene, ohne Namen zu nennen. «Das gehörte für mich dazu», sagt er. Heute ist das anders. Heute ist Kuno Lauener Vater zweier Kinder und viel weniger «draussen an der Front», wie er sagt. «Im Moment ernähre ich mich halt von Secondhandgeschichten und gebe diese mit First-Hand-Erfahrungen wieder.»

In den 80er-Jahren, als Lauener mit dem Liedermachen anfing, verbrachte er viel Zeit in Berns Gaststuben. Dort beobachtete er Menschen. «Ich habe einfach zugehört und zugeschaut.» Das sei heute kaum mehr möglich – zu bekannt ist Kuno Lauener inzwischen, zu viele Menschen sprechen ihn an, wenn er in der Stadt unterwegs ist.

Heute bezieht der 56-Jährige seine Ideen aus Büchern, Filmen und Gedanken, die er irgendwo aufschnappt. «Manchmal reicht ein einziger Satz, damit ich in eine andere Welt eintauche.» Lauener bezeichnet sich selbst als «Stimmungsmensch», der fürs Texten den richtigen Modus finden müsse. Nach der Geburt seines ersten Kindes sei es nicht ganz einfach gewesen, diesen Zustand zu erreichen. «Ich musste lernen, mir Zeit zu nehmen und in meinen Arbeitsmodus zu finden.»

Wie lange er jeweils an einem Text feilt, kann er nicht genau sagen. Aber hin und wieder komme es schon vor, dass er «ewig» an einem Song arbeite. Schlimm sei, wenn er nach Fertigstellen des Albums plötzlich wisse, wie er ­etwas hätte sagen können. «Das passiert mir bei jeder Scheibe bei mindestens einem Song.»

Die Tücken der Mundart

Seit der Gründung von Züri West singt Kuno Lauener auf Berndeutsch. Eine Zeit lang habe die Band auch mit englischen und französischen Songs experimentiert, erzählt der Sänger. «Doch ich habe mir das selber irgendwie nie ganz abgekauft.» Dennoch habe auch die Mundart ihre Tücken, findet Lauener. Insbesondere das Fehlen des Imperfekts stelle ihn beim Texten und Übersetzen von Songs vor Herausforderungen. «Immer braucht man ein Hilfsverb, das ist manchmal ziemlich umständlich», sagt Lauener. «Aber vielleicht bekommen Mundartsongs genau dadurch diesen gewissen ‹Swing›, wer weiss.»

Ob es Zufall ist, dass viele gute Mundartmusik aus Bern kommt? Darauf hat Kuno Lauener keine Antwort. Aber er teilt den Eindruck, dass sich das Berndeutsche sehr gut zum Singen eigne. «Andererseits gibt es ja Stahlberger», sagt der Berner. Kuno Lauener äussert seine Bewunderung für die St. Galler Band. «Ihre Art, Geschichten zu erzählen, gefällt mir sehr.»

Vielleicht sei es auch nur ein Gerücht, dass sich das Berndeutsche so gut für Mundartlieder ­eigne, sagt Lauener und lächelt verschmitzt. «Manchmal scheint mir, die Leute hätten sich einfach darauf geeinigt, dass das so ist.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 23.06.2017, 16:35 Uhr

33 Jahre Mundartrock

Kuno Lauener, 1961 in Aarberg geboren, gründete 1984 zusammen mit Peter von Siebenthal die Band Züri West. Bereits mit dem zweiten Album «Bümpliz–Casablanca» schaffte es die Band 1989 auf Platz eins der Schweizer Hitparade. Der Song «I schänke dr mis Härz» aus dem Studioalbum Züri West (1994) wurde zum bislang grössten Hit der Band. Im Jahr 2002 kam der Dokumentarfilm «Züri West – am Blues vorus…» in die Kinos. Der Film beschäftigt sich mit der Entstehung des Albums «Radio zum Glück» (2001).

Züri West wurden für ihr Schaffen mehrfach ausgezeichnet, unter anderem 1994 mit dem «Prix Walo» in der Sparte Rock. Die Berner Band zählt seit über 30 Jahren zu den erfolgreichsten Rockbands der Schweiz. Ende März erschien «Love», ihr 13. Studioalbum. (ep)

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!

Kommentare

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.