Wald

Der Schädling, der den Tiefkühler überlebt

Er ist nur wenige Millimeter gross, doch er kann immensen Schaden anrichten: Der Borkenkäfer ist unter den Förstern ein ungern gesehener Gast.

Die Borkenkäferfallen bringen die Förster zwischen den Bäumen an – auf keinen Fall neben Fichten.

Die Borkenkäferfallen bringen die Förster zwischen den Bäumen an – auf keinen Fall neben Fichten. Bild: Sabine Rock

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Die Gummistiefel sind sechs Schuhnummern zu gross. Doch wer im Wald unterwegs ist, braucht richtiges Schuhwerk, und Förster Erwin Hüppi hilft gerne aus, wo er kann. Im Nu zaubert er die orangen Riesenstiefel aus seinem Kofferraum und reicht sie der Journalistin. «Sonst haben Sie innert Kürze patschnasse Füsse.»Ausgerechnet an diesem Nachmittag sind dunkle Wolken am Himmel über dem Ricken aufgezogen. Normalerweise würden Erwin Hüppi und seine Mitarbeiter an einem solchen Tag die Maschi­nen im Forstwerkhof warten oder die Werkzeuge instand stellen. Doch der Förster zeigt sich optimistisch: Solange es nicht aus Kübeln giesse, sei er gern bereit für den vereinbarten Kontrollrundgang im Wald. Im Fokus steht heute der Borken­käfer – ein kleiner Schädling, der den Förstern und Waldbesitzern ein Dorn im Auge ist. Und der sich nicht so leicht vertreiben lässt.

Fichten auf dem Speiseplan

Erwin Hüppi ist seit 24 Jahren Revierförster in Gommiswald und Rieden. Rund 1033 Hektaren Wald umfasst das Gebiet, für das er zuständig ist. Er erzählt es, während er aus dem Auto eine Karte kramt, die sein Revier abbildet. Ein Teil gehört den Ortsgemeinden, ein Teil ist in Privatbesitz. Fichten, auch als Rot­tannen bekannt, machen mehr als die Hälfte seines Waldgebiets aus, sagt Hüppi. Auf sie hat der Buchdrucker es abgesehen – jene Borkenkäferart, die im Linthgebiet am meisten verbreitet ist. Dieses Jahr musste Hüppi bisher zum Glück erst wenige Bäume fällen lassen, weil sie vom gefrässigen Schädling befallen waren. Die Förster sprechen von «Käferholz» – Holz, das danach auf dem Markt deutlich weniger wert ist. Der Grund: Buchdrucker tragen Pilzsporen am Körper, die sie auf die befallenen Bäume übertragen. Darum färbt sich das Holz bläulich und kann als Bauholz kaum mehr verwendet werden.

Möglichst viele Käfer zerstören

Mit der Karte im Sack und dem Regenschirm unterm Arm bahnt Erwin Hüppi sich einen Weg durchs Dickicht. Die ersten Hinweise auf Borkenkäfer, so erzählt er, zeigen sich in der Regel hoch oben am Baumstamm, auf 15 bis 20 Metern Höhe. Sich ablösende Rindenstücke sind ein klares Indiz, denn der Borkenkäfer frisst sich durch die Rinde (Borke) der Fichten. Erkennbar sei das meist nur mit dem Feldstecher. Sieht Hüppi solche Anzeichen, sieht er sich den Stamm des Baumes genauer an. Ist der Baum befallen, zeigt sich das meist auch am Bohrmehl, das wie feines Sägemehl am Stammfuss haftet. Später verfärbt sich die Baumkrone bräunlich und sieht ungesund aus. Dann muss Hüppi den kranken Baum markieren: Er bekommt eine rote Nummer aufgesprayt und wird baldmöglichst gefällt und entrindet. Maschinell, damit möglichst viele Käfer und Larven unter der Rinde zerstört werden. «Verhäckselt» werden müssen sie, sagt Hüppi. Zart­besaitet, das ist schnell klar, darf man als Förster nicht sein.

Kein Ausweg aus der Falle

Der Förster führt seine Besucherin auf eine kleine Lichtung, auf der zwei schwarze Kästen zwischen den Bäumen hängen. Es sind Fallen, die er für die Borkenkäfer angebracht hat, an 14 Orten im Wald. Sie sind mit Draht befestigt und hängen inmitten einer Gruppe von Weisstannen. Das sei wichtig, sagt Hüppi, auf keinen Fall dürfen die Fallen zu nahe an den Fichten platziert werden. Mindestens 40 Meter müsse der Abstand betragen. «Sonst führt man die Käfer direkt zu ihrer Beute», erklärt er. Denn: Nur jeder fünfte bis zehnte Käfer tappt tatsächlich in die Falle. Angelockt werden die Käfer mit Sexuallockstoffen: Hüppi deutet auf einen Beutel im Innern der Falle mit einer dunklen Flüssigkeit. Es sind Duftstoffe, wie das Borkenkäferweibchen sie aussendet, wenn es paarungsbereit ist. Fliegt der Käfer die Falle an, fällt er durch einen Schlitz in einen Auffangbehälter. Hinaus kommt er nicht mehr, denn dazu müsste er die Flügel aufspannen, erklärt Hüppi. «Und dafür ist der Spalt zu schmal.»

Der heisse Tod

Mit geübtem Griff öffnet der Förs­ter den Deckel und zieht vorsichtig den Auffangbehälter hervor. Mehrere dutzend winzig kleiner Borkenkäfer tummeln sich darin. Etwa sechs Millimeter gross werden sie, weiss Hüppi. Dazwischen stechen zwei, drei orange-schwarz gefärbte Käfer hervor. Es sind sogenannte Aaskäfer, die ebenfalls in die Falle getappt sind. Alle zehn Tage leeren die Mitarbeiter des Forstbetriebes die Fallen und bringen sie zum Werkhof. Dort werfen sie die Käfer in Kübel mit kochend heissem Seifenwasser. Der Schaum der Seife habe den Effekt, dass auch die Wasseroberfläche siedend heiss sei. «Somit sterben mit Sicherheit alle Käfer.» Die kleinen Schädlinge, weiss Hüppi, sind nämlich ausgesprochen robust. Sie überstehen sogar kalte Winter, indem sie sich unter die Baumrinden oder in den Waldboden graben. Temperaturen bis zu minus 30 Grad könne der Borkenkäfer so überleben. Hüppi konnte das anfangs fast nicht glauben und sperrte darum vor ein paar Jahren eine Handvoll Borkenkäfer in einer Schale in den Tiefkühler bei minus 18 Grad. Als er sie nach mehreren Wochen wieder herausnahm, hätten sie sich in der Sonne aufgerappelt, als wäre nichts gewesen.

Das «grüne Gold»

Nebst seiner Aufgabe als Förster führt Hüppi hin und wieder Schulklassen oder auch Erwachsene durch «seinen» Wald und gibt sein Wissen weiter. Und er weiss einiges. «Hier haben wir eine Buche, dort eine Rottanne, da drüben Ahorn, Sauerklee und Heidelbeeren», sagt er auf dem Rundgang. Zwischendurch zeigt er winzig kleine Weisstannen, die kaum einen Zentimeter über den Waldboden ragen. «Die sind etwa ein Jahr alt», sagt er mit Kennerblick. Hüppi liegt viel daran, auch nachfolgenden Generationen einen artenreichen Wald weiterzugeben – das «grüne Gold», wie er sagt. Er erzählt von der wichtigen Pflege des Jungwaldes und ärgert sich über den tiefen Holzpreis, der mit der Einführung des Euros weiter gesunken sei. Man müsse hierzulande halt wirklich mit Schweizer Holz bauen und heizen, sagt er. Ein dumpfes Donnergrollen über den Baumwipfeln unterbricht ihn. «Weiche der Eiche und suche dir eine Buche», besage eine alte Weisheit. Ob an dem Sprichwort etwas dran ist? Erwin Hüppi bezweifelt es. Vielleicht komme es daher, dass Eichen tenden­ziell höher sind als Buchen und Blitze dort zuerst einschlagen. Doch darauf wollen wir uns an diesem Nachmittag nicht verlassen. (zsz.ch)

Erstellt: 16.07.2017, 14:24 Uhr

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