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Der Rickenraser will eine mildere Strafe

Im April 2015 raste ein Mann trotz Ausweisentzug mit fast 150 Stundenkilometern über den Ricken. Im Juni 2016 wurde er vom Kreisgericht zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt. Nun entscheidet das Kantonsgericht, ob das zu viel oder zu wenig war.

Mit 148 Stundenkilometer in einer 80er-Zone auf dem Ricken geblitzt: Dafür wurde ein Rickenraser im April 2015 zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt.
Mit 148 Stundenkilometer in einer 80er-Zone auf dem Ricken geblitzt: Dafür wurde ein Rickenraser im April 2015 zu einer unbedingten Freiheitsstrafe von sechs Monaten verurteilt.
Symbolbild, Keystone

Während er auf die Verhandlung am Kantonsgericht wartet, erkundigt der Angeklagte sich bei seinem Anwalt, was er tun ­müsse, um wieder Auto fahren zu dürfen. Den Führerausweis hat er seit drei Jahren nicht mehr, ­nachdem er unter Drogeneinfluss am Steuer erwischt wurde. Trotzdem fuhr er eines Abends im April 2015 seinen BMW von seinem dama­ligen Wohnort Wattwil nach Eschenbach zu seinen ­Eltern. «Fahren» ist zwar kaum die korrekte Bezeichnung für die halsbrecherische Raserei über den ­Ricken.

Mit 148 Stundenkilometern erwischte ihn die Radarfalle, nach Abzug der Sicherheitsmarge waren es immer noch 64 Kilometer zu viel. Warum er so schnell fuhr? «Mich häts aa­gschisse, so lang z bruu­che», antwortet der Mann dem Gerichtspräsidenten: Für die Stre­cke brauche man normalerweise 20 Minuten.

Gerast, um den Adrenalinspiegel hochzuhalten

Vor einem Jahr stand der Angeklagte deswegen vor dem Kreis­gericht See-Gaster in Uznach, wo er die extreme Geschwindigkeitsüberschreitung mit einem dringenden Medikamenten­bedarf begründete. Die Arzneimittel seien bei den Eltern ­gewesen, und weil er so müde war, sei er schnell gefahren, um den Adrenalinspiegel hochzuhalten.

Das Kreisgericht sprach ihn ­damals der groben Verletzung der Verkehrsregeln schuldig und verurteilte ihn zu 13 Monaten Freiheitsstrafe, 6 Monate davon unbedingt. Seine Schuld stellt der Mann nicht infrage, nur gegen das Strafmass legte er Berufung ein, weshalb der Fall nun vom Kantonsgericht behandelt wird.

Der Verteidiger verlangt eine Geld- statt einer Freiheits­strafe, eine­ Bewährungshilfe, eine kürzere Probezeit und im Falle einer unbedingten Strafe deren Ersatz durch eine ambulante Psycho­therapie. Die Staatsanwaltschaft, die ebenfalls Rekurs einlegte, will die Strafe auf mindestens acht Monate unbedingten Freiheitsentzugs erhöhen.

«Grossen Eindruck habendie Strafen nicht gemacht»

Der Angeklagte hat in den letzten sechs Jahren des Öftern Post von den Strafverfolgungsbehörden erhalten, es ist bereits die vierte Verurteilung. Früher ­waren es allerdings nur Geld­strafen: für eine Geschwindigkeitsübertretung von 50 Stundenkilometern, für Fahren unter Drogeneinfluss und für Fahren ohne Führerausweis. «Einen grossen Eindruck haben die ­Strafen nicht gemacht?», fragt der Richter. «Hm», meint der Ange­klagte dazu.

Er hat bereits zugegeben, dass er trotzdem mehr­mals wöchentlich Auto fuhr. Die Staatsanwältin kommt damit auf 80 Verstösse. Der Verteidiger meint hingegen, es sei maximal eine Fahrt im Monat gewesen und führt weitere straf­mil­dernde Gründe an: die exzellenten ­Strassen- und Sichtverhältnisse, dass der Beschuldigte sich zweieinhalb Jahre nichts zuschulden habe­ kommen lassen und dass er eine psychische Störung habe.

Schizophrenie und Langeweile

Zurzeit lebt der gelernte Koch von einer IV-Rente in der Höhe von 1400 Franken. Nach mehreren Monaten in der Psychiatrischen Klinik in Pfäfers zog er diesen Frühling wieder ins Elternhaus. Er sei schizophren, attestierten ihm mehrere Ärzte. «Das stimmt einfach nicht», sagt der Angeklagte, obwohl sein Anwalt ihn mit genau diesem Argument verteidigen will. Er habe die Zeit in Pfäfers als ungerechtfertigte Strafe empfunden, sagt der Mann, es sei ihm sehr langweilig ­gewesen.

Allerdings war ihm schon vor dem Klinikaufenthalt sehr langweilig, als er arbeitslos zu Hause sass. Und er sagt es auch von seinem heutigen Leben. Er tue nicht viel, er schaue fern und bleibe in seinem Zimmer. Auch arbeiten würde er gerne, «aber der Vater meint, ich soll besser nicht. Weil ich doch gerade erst die IV bekommen habe.»

Angst vor Eingesperrtseinin einem Zimmer

Diese persönliche Situation legt der Verteidiger so aus, dass der Angeklagte einen Strafvollzug psychisch nicht aushalten würde. Und auch der Mann selber kann es sich nicht vorstellen, in einem Zimmer eingesperrt zu werden. Der Gerichtspräsident fragt ihn, ob denn das so anders wäre als heute in Eschenbach. Der Angeklagte antwortet nicht. Das Urteil steht noch aus.

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