Rapperswil-Jona

«Der Rennsport ist eine Lebensschule»

An Oldtimerrennen sind die Fahrer viel jünger als die Autos. Bei Gody Naef ist es umgekehrt: Der bald 99-jährige Kaufmann aus Rapperswil-Jona ist der älteste lizenzierte aktive Rennfahrer der Welt.

Gody Naef gilt in der Schweizer Rennsportszene nicht nur wegen seines Alters als Legende.

Gody Naef gilt in der Schweizer Rennsportszene nicht nur wegen seines Alters als Legende. Bild: Michael Trost

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Im Juni sind Sie 99 und kein bisschen leise: Halten Motoren jung?
Gody Naef: Ja, und ich empfehle Rennfahren, weil es die Reflexe schult. Erst kürzlich konnte ich nur dank meiner Reflexstärke einen Unfall mit einem Kleinkind verhindern, das plötzlich auf die Strasse lief. Das Rennfahren hält mich auch jung, weil es mir etwas abverlangt – körperlich und geistig. Am Kerenzerbergrennen zum Beispiel fährt man drei Läufe, dazwischen wartet man, verpflegt sich, bereitet sich wieder vor. Das braucht Konzentration und Flexibilität. Nicht zuletzt will ich bei jedem Rennen etwas erreichen. Ehrgeiz hält jung.

Worauf kommt es auf der 3,17 km langen Strecke von Mollis auf den Kerenzerberg an?
Der Kerenzerberg ist eine schnelle Strecke mit Nadelöhren. Da muss man die Bremspunkte richtig wählen. Sonst geht es entweder geradeaus in die Mauer oder man verliert den Schwung nach der Kurve. Besonders vor einer Doppel-S-Kurve, auf die man ziemlich schnell zufährt. Dort sind schon einige andere rausgeflogen. Mir liegt diese Passage. Peter Sauber und der mehrfache Schweizermeister Roland Salomon haben mich in der Spiegelrankkurve einmal beobachtet, wie ich das Tempo auf die lange Steigung mitgenommen habe. Sie haben mir im Fahrerlager zu der schnellen Fahrt gratuliert.

Liegt ihnen diese Strecke?
Ich habe das Kerenzerbergrennen sehr gerne. Ich war dort auch schon Klassensieger 1998. Die Rennleitung hat lange überlegt, ob sie mich jetzt wieder einladen soll. Sie trägt ja auch die Mitverantwortung. Das kann ich verstehen. In meinem Alter habe ich viele Neider – auch junge Konkurrenten, denen ich den Rang ablaufe. Darum bin ich glücklich, wieder teilnehmen zu dürfen – noch dazu mit einem sehr seltenen Alfa Romeo RZ Zagato 1993, mit dem ich auch an den Arosa Classics dreimal gestartet bin.

Fühlt man sich geschmeichelt als «ältester Rennfahrer der Welt» eingeladen zu werden?
Ich kann den Titel nicht abwenden. Aber ich stehe nicht gerne im Rampenlicht. Es gibt leider auch Neider, die sagen «Wann hört der Gody endlich auf», weil beim Rennen öfter über mich geredet wird als über sie.

Was hat Ihre lebenslange Passion zum Rennsport ausgelöst?
Als kleiner Bub fuhr ich schon in einem Holzkistchen auf Rädern. Später durfte ich als Schüler mit dem Hürlimann Traktor des Nachbarn Zigaretten und Schokolade im Dorf holen. Einmal sollte ich den Mist im Anhänger zum Feld fahren. Dafür habe ich sogar die Turnstunde geschwänzt. (Lacht) Plötzlich kam mir der Lehrer mit seiner Klasse entgegen. Vor Schreck bin ich mit Vollgas losgebraust und habe auf der Flucht den Mist verloren.

Dann kam ihr erstes Auto...
Als ich in Zürich mein erstes Büro hatte, kaufte ich mir einen Chevrolet. Den hat zwar die Armee im Krieg eingezogen, aber die Benzinzuteilung vergassen sie mir abzunehmen. Daraufhin kaufte ich mir einen Fiat Topolino und mit der Benzinzuteilung vom Chevy konnte ich den ganzen Krieg hindurch meine Geschäftsfahrten bestreiten.

Mit dem Topolino fuhren Sie 1948 in Kloten auch ihr erstes Rennen. Was kam danach?
Ich wollte immer schnellere Autos, zum Beispiel einen Abarth 850 TC. Mit dem habe ich mich bei einem Bergrennen bei Bierre überschlagen, weil ich auf einer Ölspur ins Schleudern geriet. am Randstein einhängte und mehrere Meter durch die Luft flog. Ich blieb auf dem Dach liegen und hatte Angst, dass das Auto zu brennen beginnt. Mit den Füssen versuchte ich die Beifahrertür aufzudrücken. Da kamen vier junge Zuschauer und haben, statt mir rauszuhelfen, das Auto einfach wieder auf die Strasse gerollt — mit mir drin.

War das Ihr einziger Rennunfall?
Nein, mit meinem Abarth bin ich in Monza an derselben Stelle, an der Wolfgang Graf Berghe von Trips 1961 tödlich verunglückt ist, von einem überrundeten Fahrer abgedrängt worden. Ich fuhr neben der Strecke im rechten Winkel durch einen Sandwall. Das hat mir vielleicht das Leben gerettet, weil ich nicht versuchte, zurück auf die Strecke zu fahren und mich dabei wie von Trips quer zu überschlagen. Sonst gab es in meiner Laufbahn nur ein paar gefährliche Situationen wegen unvorsichtiger und unerfahrener Konkurrenten. In Hockenheim wurde ich Ende der Sechzigerjahre von drei Anfängern von der Strecke gedrängt und raste knapp an einer Mauer vorbei. Passiert ist mir nichts, aber eine Zuschauerin ist vor Schreck in Ohnmacht gefallen.

Hat das auch damit zu tun, dass sie immer als Gentleman-Driver galten. Also weder sich noch andere nur um des Rennerfolgs Willen in Gefahr brachten?
Der Motorrennsport ist eine Lebensschule. Wer ihn nicht mit Selbstdisziplin betreibt, scheitert. Motorrennsport heisst zuerst Verantwortung zeigen gegenüber den Mitfahrern. Fairness ist für mich oberstes Gebot.

Die meisten Rennen – bis heute – bestritten Sie mit Autos, die gar nicht Ihnen gehörten. Wer stellt Ihnen solch kostbare Fahrzeuge zur Verfügung?
Das ist immer eine Vertrauenssache. Wie zum Beispiel mit einem Ferrari GP-Wagen von 1952, den mir Jo Vonlanthen vor ein paar Jahren zum Fahren gab. Einfach so. Kurz darauf hat er das Auto verkauft – für 6 Millionen Franken! Im Nachhinein bin ich erschrocken, was für ein wertvolles Auto er mir da überlassen hat. Das Vertrauen wird mir auch geschenkt, weil ich in 70 Jahren nie ein Auto zerstört habe.

Wie sieht Ihre Bilanz im Strassenverkehr aus?
3,53 Millionen Kilometer unfallfrei!

Privat fahren Sie einen Jaguar. Reizt der Sportwagen nicht zum Gas geben?
Ich hatte dreimal den Fahrausweis weg, aber nie wegen eines groben Verstosses gegen die Verkehrsregeln. Und mit dem Jaguar bin ich noch nie geblitzt worden. Als ich mit 18 Jahren den Fahrausweis machte, hat mir der Prüfungsexperte ins Zeugnis geschrieben: «Hat Hang zum schnellen Fahren». Das habe ich mir zu Herzen genommen und bin diszipliniert ein Leben lang immer konzentriert und sauber gefahren. Das ist mir auch beim Rennfahren zu Gute gekommen.

Aber kürzlich hielten Sie zwei Polizisten in Rapperswil an: Was war passiert?
Vor dem Bahnhof sah ich einen Parkplatz, fast zu klein für den Jaguar. Ich kam trotzdem auf Anhieb in die Lücke rein und touchierte dabei ganz leicht den Vorderwagen. Das haben zwei Polizisten gesehen und fragten mich sofort nach dem Fahrtauglichkeitstest. Den hatte ich erst fünf Monate zuvor bestanden. Und weil einer der Polizisten den Vorderwagen mit der Taschenlampe kontrollierte und keinen Kratzer fand, meinte ich, die Angelegenheit sei erledigt. Zwei Tage später erhielt ich einen eingeschriebenen Brief mit dem Aufgebot für den Test. Das hat mich bedrückt und hätte fast meinen Start am Kerenzerbergrennen verhindert. Zum Glück konnte das mein Rechtsanwalt regeln.

Haben Sie Verständnis, dass heute Senioren ab 75 Jahre zum Fahrtauglichkeitstest antreten müssen, wenn Sie ihren Fahrausweis behalten wollen?
Nein, ich finde es eine Bevormundung, wenn man generell alle Menschen prüft, nur weil sie ein gewisses Alter erreichen. Ich wehre mich gegen den Zwang und solch restriktive Verallgemeinerungen. Erst bei erheblichem Fehlverhalten sollte man den Test machen müssen. Eher müsste man bei Autofahrern den Charakter testen - und zwar bei allen Generationen. Ich bin aber dafür, die Menschen zu animieren, freiwillig Auffrischungskurse, wie sie der ACS anbietet, zu besuchen. Jeder sollte eigenverantwortlich handeln. Ich muss alle zwei Jahre die Augen kontrollieren lassen und den medizinischen Test absolvieren.

Wann ist für Sie der Zeitpunkt gekommen, aufzuhören?
Ich wollte es eigentlich nicht ankündigen. Aber das Kerenzerbergrennen könnte der Abschluss meiner Karriere sein. Ausser im nächsten Jahr wird wieder das berühmte Klausenpassrennen durchgeführt. Den Klausen würde ich gerne nochmals rennmässig fahren.

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Erstellt: 27.05.2018, 13:44 Uhr

Zur Person

Gody Naef (98) ist in Stäfa aufgewachsen und war beruflich als Kaufmann und Unternehmer tätig. Seit 1954 wohnt er in seinem Einfamilienhaus in Rapperswil, ist aber fast täglich im Bürohaus in Stäfa treuhänderisch tätig. Naef war 25 Jahre verheiratet und ist Vater einer Tochter und eines Sohnes. Heute ist er liiert mit Nicole Reichman, die in seiner Nähe wohnt. Die um 54 Jahre jüngere SRK-diplomierte ­Ergotherapeutin begleitetet ihn als «gute Gesellschafterin» auf Städtereisen wie nach Paris und Wien. «Sie erfüllt auch meinen ausgeprägten Kunstsinn», sagt Gody Naef und nennt sie «mein Schutzengel».di

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