Rapperswil-Jona

Der Quereinsteiger steigt aus

Stadtrat Markus Gisler (FDP) hört nach vier Jahren bereits wieder auf. Die Stadtratsreform hat ihm den Entscheid leicht gemacht.

Mit der Stadtratsreform nicht einverstanden:  Der abtretende Stadtrat Markus Gisler (FDP).

Mit der Stadtratsreform nicht einverstanden: Der abtretende Stadtrat Markus Gisler (FDP). Bild: Manuela Matt

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Ein kreativer Geist. So bezeichnete Stadtpräsident Erich Zoller seinen Ratskollegen Markus Gisler, als er ihn anfangs Dezember an der Bürgerversammlung verabschiedete. Als Journalist und Moderator, als Mitgründer und langjähriger Chefredaktor der Wirtschaftszeitung Cash hatte Gisler sich längst einen Namen gemacht, bevor er 2012 in den Stadtrat gewählt wurde. Erfahrung in politischen Ämtern konnte Gisler damals keine vorweisen. Er war das, was man gemeinhin als Quereinsteiger bezeichnet.

Jetzt, da er nach bloss einer Amtsdauer aufhört, liegt der Verdacht nahe, dass er frustriert ist, enttäuscht vom Politbetrieb, der sich so gar nicht mit einem Unternehmen vergleichen lässt. Doch der 64-Jährige winkt entschieden ab. Enttäuscht sei er nicht, im Gegenteil. «Ich fand das Amt wirklich spannend.»

Bei 5000 Franken ist Schluss

Natürlich sei in der Wirtschaft die Entscheidungskompetenz ungleich grösser, sagt Gisler und verweist darauf, dass er als Verantwortlicher für die städtischen Liegenschaften im Wert von rund 400 Millionen Franken über gerade mal 5000 Franken allein entscheiden durfte. «Viele Leute glauben, wenn einer aus der Wirtschaft in die Politik einsteigt, gehe dank ihm alles schneller, doch die politischen Abläufe sind nicht so.» Ihm habe es jedoch immer grossen Spass gemacht, Projekte zu begleiten, zu argumentieren und Mehrheiten zu finden.

Warum also verlässt er nach vier Jahren den Stadtrat bereits wieder? Gisler redet nicht lange um den heissen Brei herum. Sein Rücktritt hat mit der Kandidatur des Parteikollegen Martin Stöckling zu tun. Gisler analysierte die Ausgangslage und kam zum Schluss: Drei FDP-Vertreter im siebenköpfigen Stadtrat – Thomas Rüegg, Martin Stöckling und Markus Gisler – würden die Wähler nicht goutieren. Deshalb habe er dem Jüngeren den Vortritt gelassen. Der Entscheid fiel ihm umso leichter, als er mit der ab 2017 wirksamen Stadtratsreform nicht einverstanden war. «Das Modell, in dem nur noch die drei vollamtlichen Stadträte die gesamte Verwaltung führen und die übrigen vier quasi zu Verwaltungsräten ohne direkten Bezug zur Stadtverwaltung werden, finde ich nicht gut.» Dass er die Reform nicht verhindern konnte, bezeichnet Gisler denn auch als den einzigen Tiefpunkt seiner vier Jahre im Stadtrat.

Lido, Schachen, Kreuz

Höhepunkte gab es einige. Er nennt das Lido, dessen Projektierung er in der Baukommission begleitet hat: «Das wird ein wichtiger, schöner Ort in der Stadt.» Er nennt weiter das Alterszentrum Schachen, wo er in der Finanzierungskommission sass. «Damit wird die vorbildliche Alterspolitik der Stadt weitergeführt.» Und er nennt die städtische Liegenschaft Kreuz im Joner Zentrum, für die das neue Konzept schon weit fortgeschritten sei.

Im Zusammenhang mit dem Kreuz wurde Markus Gisler vor kurzem in den «Obersee Nachrichten» der Untätigkeit bezichtigt. Als der Name des Gratisblatts fällt, wird Gislers Wortwahl noch eine Spur deutlicher. Chefredaktor Bruno Hug habe es nicht für nötig befunden, ihn zum Thema je zu befragen. Für Gisler ist das lediglich ein Mosaiksteinchen in der permanenten Falschberichterstattung, wie er sie nennt, die letztlich zur Abwahl von Erich Zoller als Stadtpräsident geführt habe. «Als Journalist und Chefredaktor habe ich nie zuvor eine so üble Kampagne gesehen. Hug praktiziert meines Erachtens postfaktischen Journalismus. Der ist jetzt offenbar Mode.»

Die Kritik am Stadtrat, er sei zerstritten und führungsschwach, habe ausserdem nie seiner eigenen Wahrnehmung entsprochen, sagt Gisler. Das Klima sei keineswegs gehässig, sondern sehr kollegial; im Gremium herrsche ausserdem ein breiter Konsens. «Bei den meisten Geschäften war gar keine Abstimmung nötig.» Und die Abstimmungen an Bürgerversammlungen oder an der Urne habe der Stadtrat samt und sonders gewonnen.

Arbeit an der Demokratie

Von Martin Stöckling hat Gisler inzwischen das FDP-Präsidium übernommen. Was manchem als Abstieg erscheinen mag, deutet Gisler anders. In einer Stadt ohne Parlament seien die Parteien wichtige Resonanzkörper. Und in einer Welt, die von antidemokratischen Wellen überrollt werde, müsse wieder Verständnis dafür geweckt werden, dass man an der Demokratie arbeiten müsse. Mit Veranstaltungen und Diskussionsrunden zu globalen, nationalen und lokalen Brennpunkten will er Alte und Junge für diese Arbeit begeistern. Im nächsten Herbst wird ausserdem ein Buch mit Fotografien von ihm erscheinen. Die Ausstellung mit seinen Hochgebirgsbildern im Kunstzeughaus 2014 sei ein grosser Erfolg gewesen, an den er mit dem Buch anknüpfen wolle, sagt Gisler. Ein kreativer Geist eben. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 13.12.2016, 15:46 Uhr

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