Verkehr

«Der öffentliche Verkehr wird individueller»

Apps auf dem Smartphone sollen Auto, Velo und öffentlichen Verkehr näher zusammenbringen. Mit «Abilio» lanciert die Südostbahn eine solche Mobilitätsplattform. Auch der TCS ist beim Projekt als Partner mit dabei.

Eine Premiere im Schweizer ÖV: Das Walk-in-Ticket löst das Handy automatisch, wenn der Fahrgast in den Zug einsteigt.

Eine Premiere im Schweizer ÖV: Das Walk-in-Ticket löst das Handy automatisch, wenn der Fahrgast in den Zug einsteigt. Bild: Manuela Matt

Karin Blättler ist sichtlich verunsichert. Um 10.59 ist die Präsidentin der Kundenorganisation Pro Bahn am Bahnhof Rapperswil in den Voralpen-Express eingestiegen. Ihr Handy hätte sich eigentlich automatisch im Zug anmelden sollen und für sie ein Ticket lösen sollen. Doch auf der Medienfahrt zur Lancierung der Südostbahn-App «Abilio» klappt noch nicht alles. Als Blättler nach 20 Minuten Fahrt einen Kontrollblick auf das Gerät wirft, hat ihr Handy nur Sekunden zuvor erst das Ticket gelöst. Ist sie nun schwarz gefahren? Sofort überprüfen Mitarbeiter der Südostbahn und des technischen Dienstleisters Siemens das Problem. Sie beschwichtigen: Alles okay.

Das Handy hat offenbar nur kurz die Verbindung zu den ­«Bea­cons» verloren, das Ticket wurde bereits bei Fahrtantritt erfolgreich gelöst. «Beacons» sind die Zauberkästchen der neuen «Walk-in»-Funktion der SOB-App ­«Abilio». Das Handy verbindet sich mit einem im Zug angebrachten Drahtlossender mit Bluetooth-Technologie. So erkennt die App, wann ein Fahrtgast zu- und wieder aussteigt. Kommt der Kondukteur vorbei, hat der Fahrgast ein gültiges Ticket – bezahlen wird er es aber erst im Nachhinein per Kreditkarte. Was die SOB mit ihren Partnern Siemens und dem Touring-Club-Schweiz (TCS) als Weltpremiere feiert, ist eigentlich ein öffentlicher Probebetrieb. Die «Walk-in-Funktion» funktioniert nur mit Apple und Samsung-Geräten – und nur in SOB-Zügen.

Mobilität verbinden

Für SOB-CEO Thomas Küchler ist das kein Problem: «Das ist die Zukunft.» Die App Abilio sei nämlich eine Mobilitätsplattform, die «Walk-in»-Funktion nur ein kleines Puzzleteil. Ziel der Südostbahn ist es, öffentlichen Verkehr und private Mobilität mit Auto, Taxi oder Velo zu verbinden. «Es braucht den Schulterschluss», sagt Küchler.

«Ich will doch nicht von Timbuktu nach Nirvana.»
Karin Blättler, Pro Bahn

Das ist ein Grund, weshalb er auch den TCS mit an Bord geholt hat. Mobilität müsse man als Gesamtleistung verstehen, intelligente Reisemöglichkeiten anzubieten, um auch in Zukunft die Nachfrage auf Strasse und Schiene bewältigen zu können. «Der öffentliche Verkehr wird individueller und der Individualverkehr wird öffentlicher.» Bereits in den nächsten Wochen kann Abilio nebst ÖV-Verbindungen auch Parkplätze anzeigen oder es lässt sich ein Taxi buchen. Funktionen, welche etwa die App von Postauto seit kurzem ebenfalls beherrscht. Für Thomas Küchler ist das kein Problem: «Mit Abilio haben wir eine offene Plattform, welche verschiedene Anbieter nutzen können.» Das Postauto-System sei hingegen exklusiv und nicht so flexibel erweiterbar.

Zwei fast gleiche Apps

Beim TCS heisst die Abilio-App «Einfach mobil». Warum also zwei Apps für das gleiche System? «Der Kunde wählt den Anbieter des Vertrauens», sagt Bernhard Bieri vom TCS. Man wolle eine tägliche Relevanz der Apps erreichen. TCS-Mitglieder seien etwa auch an Stauinfos oder Schutzbriefen interessiert. Ein individueller Zugang je nach Kundenbedürfnis soll Schlüssel zum Erfolg der Mobilitätsplattform sein. Angst vor der Verzettelung, wie dies in der Bankenbranche mit den Bezahl-Apps «Twint» derzeit passiert, hat man weder bei der SOB noch beim TCS.

Mehr Statistik

Beim Technologiepartner Siemens steht derweil der nachhaltige Nutzen im Vordergrund der Abi­lio-App. Dank den «Beacons» in den Zügen könnten etwa zukünftig schon am Perron Informationen über freie Plätze wagengenau angezeigt werden. Personalaufwendige Statistikzählungen in Zügen würden wegfallen – das mache das System automatisch. Der Nachteil: Das «Beacon»-System setzt den Einbau der Sendeempfänger in jedem Wagen voraus. Hier muss die Südostbahn noch viel Überzeugungsarbeit leisten, dass andere Bahnunternehmen diese Technik ebenfalls einsetzen würden. Ein einzelnes «Beacon» koste einen tiefen zweistelligen Frankenbetrag. Gerechnet auf die Tausenden von Eisenbahnwagen, aber auch Trams und Busse kommt schnell ein Millionenbetrag zusammen. Alternative Apps setzen auf infrastrukturlose Systeme und bringen das GPS-System des Smartphones zum Einsatz.

Taxis, Car-Sharing, Parkplätze und ÖV-Tickets flexibel kombinieren: Für Kundenvertreterin Karin Blättler ist bei diesen Erzählungen viel Zukunftsmusik dabei. Sie hat ganz andere und praktischere Wünsche. Etwa, dass sie die benötigte Umsteigezeiten an Bahnhöfen selbst bestimmen kann – und so die beste Verbindung je nach Gehtempo findet. Alles andere ist für sie derzeit noch Nebensache. «Ich will doch nicht von Timbuktu nach Nirvana.» Im Alltag die richtige Verbindung zu erwischen, das reicht ihr. (Conradin Knabenhans) (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 13.04.2018, 17:35 Uhr

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