Wahlen St. Gallen

Der Niedergang der CVP begann vor 24 Jahren

1991 stand die St. Galler CVP bei den Nationalratswahlen genau gleich gut da wie heute die SVP. Seither hat sie stetig verloren. Sie wurde zum Opfer von nationalen Trends - und ihrer früheren starken Stellung im Kanton St. Gallen.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Eine Rückblende ins Jahr 1991: Bei den Nationalratswahlen im Kanton St. Gallen zeigte sich einmal mehr die Dominanz einer Partei: Sie erreichte einen Stimmenanteil von 35,8 Prozent und kam auf fünf der zwölf Sitze. Es war das genau gleiche Resultat, wie es am letzten Sonntag die St. Galler SVP schaffte.

Vor 24 Jahren hiess die Wahlsiegerin CVP, die mit den Nationalräten Eugen David, dem Benkner Josef Kühne, Eva Segmüller, Hans Ruckstuhl und Edgar Oehler angetreten war. Das Ergebnis war ein letzter Höhepunkt: Danach verlor die Partei nur noch - rasch an Stimmanteilen und langsamer an Sitzen. Das erste Mandat ging bereits vier Jahre später verloren: 1995 holte Toni Brunner den ersten Sitz für die SVP, die im Kanton St. Gallen zum ersten Mal angetreten war.

Mehr als die Hälfte verloren

Bei den Nationalratswahlen am 18. Oktober 2015 langte die CVP bei einem Stimmenanteil von 16,6 Prozent an. Das sind 3,7 Prozent weniger als 2011 und im Vergleich zu 1991 weniger als die Hälfte. Mit diesem Ergebnis schaffte sie allerdings immer noch drei Sitze - auch dank der Listenverbindung mit BDP und EVP.

Wie ist der Absturz zu erklären? Der Vergleich mit der schweizweiten Entwicklung zeige, dass hier Tiefenströmungen gewirkt hätten, die ihre Ursachen nur zum Teil im Kanton St. Gallen hatten, erklärte Silvano Moeckli, Professor der Politikwissenschaft an der Universität St. Gallen, gegenüber der Nachrichtenagentur sda.

Bindungen verschwunden

Die Wirtschaftsstruktur und damit die Sozialstruktur habe sich gewandelt: Hin zur Dienstleistungsgesellschaft, dichtere Beziehungen über die Landesgrenzen hinweg, bessere Qualifikationen und neue Mittelschichten. «Aber immer noch haben im Kanton St. Gallen Industrie und Gewerbe eine überdurchschnittliche Bedeutung», so Moeckli. Abgenommen hätten Bindungen aller Art, insbesondere die religiösen und die sozialen Milieus seien verschwunden.

Der Absturz fiel im Kanton St. Gallen deshalb so stark aus, weil die CVP hier lange eine so dominante Stellung inne hatte. Die Sonderrolle belegt eine Erhebung des kantonalen Amtes für Statistik, die in der 2014 herausgegebenen Broschüre «Kantonale Wahlen im Kanton St. Gallen» veröffentlicht wurde.

CVP-Mehrheit bis in die 80er-Jahre

Wegen der Eigenheiten des früheren Wahlsystems - unter anderem mit Bezirken statt Wahlkreisen - habe die Partei bis 1980 über die absolute Mehrheit im Kantonsrat verfügt, heisst es in der Broschüre. Bei den 1980 Kantonsratswahlen von 1980 erreichte die CVP einen Stimmenanteil von 47,7 Prozent. 1984 verlor sie dann aber die Mehrheit - und danach stetig an Wähleranteilen.

Die sinkenden Stimmanteile wirken sich für die CVP zunehmend auch auf die Besetzung von kommunalen Ämtern aus. Das Reservoir an politischem Personal für die Besetzung von Posten und Ämtern wird kleiner. Es gibt weitere Folgen: Im Unterschied zu früher seien heute die Karrierechancen bei der SVP am grössten, sagte Moeckli und verweist darauf, dass zwei der fünf SVP-Nationalratssitze im Kanton St. Gallen mit ehemaligen CVP-Mitgliedern besetzt sind.

Weil die Bindungen an eine Partei nicht mehr so stark seien, habe die Volatilität im Wählerverhalten zugenommen. Bildhaft ausgedrückt, habe einem traditionellen SVP-Wähler «die Hand nicht gezittert, als er bei den letzten Ständeratswahlen auch Paul Rechsteiner auf seinem Wahlzettel ankreuzte», illustrierte der Politexperte. (mst/sda)

Erstellt: 21.10.2015, 16:32 Uhr

Noch ohne Facebook und Twitter: So machte CVP-Kandidat Josef Kühne aus Benken vor über 20 Jahren Wahlwerbung.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.

Kommentare

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!