Wochengespräch

«Der Mensch muss sich selbst vom Stress befreien – da helfen keine Vitamine»

Mit den Burgerstein-Vitaminen hat sie die Welt erobert: Tanja Zimmermann verkauft Mikronährstoffe, um die Menschen gesund zu halten. Gegen den überhandnehmenden Stress würden aber keine Pillen helfen, sagt sie. Sorgen bereitet der 48-Jährigen mitunter die Politik in Rapperswil-Jona.

In den Stapfen ihres Grossvaters: Die 48-jährige Tanja Zimmermann-Burgerstein startete 1996 in der Antistress AG und ist seit zwei Jahren CEO des Familienunternehmens.

In den Stapfen ihres Grossvaters: Die 48-jährige Tanja Zimmermann-Burgerstein startete 1996 in der Antistress AG und ist seit zwei Jahren CEO des Familienunternehmens. Bild: Sabine Rock

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wie kam es dazu, dass Sie selbst Pillendreherin geworden sind?
Tanja Zimmermann: Eigentlich drehe ich keine Pillen, sondern verkaufe sie vielmehr, weil ich vom Marketing herkomme. Ich bin in eine Unternehmerfamilie hineingeboren worden, die sehr auf meinen Werdegang abgefärbt hat. Allerdings war nicht vorgesehen, dass ich eines Tages die Leitung übernehmen werde. Vielmehr konnte ich unbefangen in den Betrieb einsteigen und mit Freude Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen.

Ist es Zufall oder Vorsehung, dass sie nicht den USA geblieben sind, wo Sie als Bookerin in einer Modelagentur gearbeitet haben?
Meine Rückkehr in die Schweiz hatte ganz pragmatische Gründe: Ich wollte, dass meine Kinder wegen des sozialen Umfelds in der Schweiz aufwachsen. Und ich hatte dann auch das Privileg, dass ich in unserem Familienunternehmen mit einem 40-Prozent-Pensum starten konnte. So schaffte ich den Spagat zwischen Familie und Betrieb. Trotzdem musste ich zuweilen Abstriche machen zuhause, und es kam vor, dass die Kinder mit verschiedenen Socken in die Schule gingen (lacht).

Ihr Grossvater gründete mit 71 Jahren das Unternehmen. Wie kam es dazu?
Mein Grossvater hatte 1972 einen schweren Autounfall, ging danach an Stöcken und fühlte sich körperlich nicht fit. Dann fand er heraus, dass er dank Vitaminen wieder schneller gesund wurde. Er begann als umtriebiger Mensch, sich mit der Materie zu beschäftigen, schenkte Mikronährstoffen Beachtung und schaffte dann mit seinem Pioniergeist, ein Unternehmen zu gründen wie aus dem Bilderbuch. Dank dieser Tat meines Grossvaters hatten wir just zwanzig Jahre Vorsprung auf die Konkurrenz.

Ihr Unternehmen kommt mit Wucht daher und fährt ein wie eine Vitaminbombe. Wie lautet Ihr Erfolgsrezept?
Dass wir zu den erfolgreichen KMU der Schweiz gehören und über zwei Millionen Verpackungen pro Jahr verkaufen, ist nicht aus der Luft gegriffen. Ohne mich aus dem Fenster zu lehnen, kann ich sagen, dass Wissenschaft, Seriosität und Evidenz die Grundlage unseres Erfolges sind: Im Fokus steht die Frage, welche Stoffe dem Kunden helfen, welche Mittel nutzen, wie diese wirken, wo sie gehäuft konsumiert werden sollen, um einen Mangel auszugleichen. Es ging nie darum, einfach einen vorübergehenden Kassenschlager auf den Markt zu bringen, der uns dann später um die Ohren fliegt.

Ihre Firma heisst ja nicht zuletzt Antistress AG. Wie wirken Vitamine gegen Stress?
Gar nicht. Wer Stress hat im Leben, muss diesen selber reduzieren. Der Mensch muss sich selbst vom Stress befreien, da helfen keine Vitamine. Er muss etwas an seinem Leben ändern, für ausreichend Bewegung und einen guten Schlaf sorgen. Vitamine können vielleicht Stress-Symptome lindern, aber sicher nicht die Ursache. Kopfschmerzen kriegt der Mensch ja schliesslich auch nicht davon, weil er einen Aspirin-Mangel hat.

Je schlechter es den Leuten geht, desto mehr Medikamente brauchen sie.
Dies trifft vor allem auf die Pharma-Branche zu, die Medikamente produziert. Bei unseren Produkten hingegen steht nicht nur der kranke, sondern der gesunde Mensch im Vordergrund. Wir bringen orthomolekulare Mikronährstoffe-Präparate auf den Markt, zu denen neben den Vitaminen auch Omega-3-Fettsäuren, Zink und Selen gehören, die von Natur aus in dieser Form in der Nahrung vorkommen und die für die Gesundheit dienlich sind.

Wieso leiden immer mehr Menschen unter Stress?
Wir leben in einer unerhört schnelllebigen Zeit, was die Menschen sehr ungeduldig macht. Ich selber kann das zum Beispiel an mir beobachten, wenn ich mich an der Migros-Kasse nerve, weil es so lange geht. Hinzu kommt die überhandnehmende Transparenz in unserer Zivilisation: Immerzu müssen wir verfügbar sein, es gibt keine Privatheit mehr. Ich selber laufe ja kaum mehr ohne mein Handy herum. Es gibt schlicht nur eines, was uns gegen den Stress hilft: Entschleunigen, das Leben wieder runterfahren.

Sie selber haben auch Stress?
Mit Bestimmtheit. Auch ich erlebe Situationen, die mir den Schlaf rauben. Aber ich leide sicher nicht unter dem typischen Manager-Stress, weil ich keine Managerin bin, die nur den kurzfristigen Erfolg und ihre Performance im Kopf hat. Ich bin als Unternehmerin in der privilegierten Lage, langfristige Ziele verfolgen und etwas Eigenes schaffen zu können. Hinzu kommt naturgemäss die soziale Verantwortung, die man als Unternehmerin hat.

Leiden Ihre Mitarbeiter unter Stress, weil sie Angst haben, dass ihnen wegen der Digitalisierung der Job verloren geht?
Weil wir keine Tabletten selber pressen, sind unsere Mitarbeiter nicht gefährdet, von Robotern ersetzt zu werden. Wir machen primär die Rezeptur und die Qualitätskontrolle der Stoffe, und für diese Arbeit braucht es richtige Menschen mit ihren Sinnen. In erster Linie hilft den Mitarbeitern die Identifikation mit ihrer Firma und ihrem Team, nicht im Stress zu versinken. Naturgemäss hat es Folgen für die Menschen, wenn sie jahrein jahraus vollends unbefriedigende Arbeit erledigen müssen.

Stress bedeutet auch einigen die Politik am oberen Zürichsee.
Es scheint mir etwas Willkür und Planlosigkeit in der Politik der hiesigen Behörden zu stecken. Dementsprechend ist auch der Unmut gross in der Bevölkerung über die Politik am Obersee. Vielleicht ist auch die Kommunikation der Stadtväter über ihre Politik und ihre Pläne manchmal suboptimal. Eine schlechte Politik hat in jedem Fall kaum Folgen: Die Stadträte werden dann halt im schlimmsten Fall nach vier Jahren abgewählt und beginnen irgendwo wieder von neuem. Die Politik ist schlicht etwas ganz anderes als die Wirtschaftswelt.

Sie beschäftigen sich – im Gegensatz zu Politikern – explizit mit Gesundheit. Raubt Ihnen dies mitunter den Schlaf?
Sehen Sie, die Gesundheit ist etwas sehr Persönliches. Dieses Thema hat schöne, manchmal auch etwas schwierige Seiten. Mit Bestimmtheit haben wir auch sehr fordernde Kunden. Jedoch was immer Freude bereitet, sind die persönlichen, positiven Rückmeldungen von Kunden. Sie lassen uns teilhaben, wenn unsere Produkte helfen konnten. Wie zum Beispiel eine junge Frau, die sich herzlich bedankt hat, dass dank der Aminosäure Lysin ihre Fieberblasen rechtzeitig zur Hochzeit abgeheilt waren.

(Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 12.08.2018, 14:23 Uhr

Zur Person

Tanja Zimmermann-Burgerstein wurde 1969 in Rapperswil-Jona geboren. Nach der Matura arbeitete sie in New York bei einer Modelagentur als Bookerin. Zurück in der Schweiz war sie bei einer Werbeagentur tätig.

Berufsbegleitend absolvierte sie Ausbildungen in Marketing und Kommunikation sowie Lehrgänge an der HSG.

1996 startete sie im elterlichen Betrieb, in der Antistress AG. Seit 2016 ist sie CEO. Die Firma mit 45 Mitarbeitern stellt Burgerstein-Vitaminpräparate her und hat ihren Sitz in Rapperswil-Jona.

Zimmermann ist Mutter zweier erwachsener Kinder und ist mit dem Mediziner und ETH-Professor Michael Zimmermann verheiratet. Die Familie lebt in Jona. ml

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Newsletter

Das Beste der Woche.

Endlich Zeit zum Lesen! Jeden Freitagmorgen Leseempfehlungen fürs Wochenende. Den neuen Newsletter jetzt abonnieren!