Kesb-Prozess

«Der Gerichtsentscheid ist wirr»

Als Chefredaktor der Obersee-Nachrichten wurde Bruno Hug für seine Kesb-Berichterstatttung verurteilt. Nun äussert sich der Journalist erstmals.

«Unsere Artikel entsprechen den Fakten»: Bruno Hug.

«Unsere Artikel entsprechen den Fakten»: Bruno Hug. Bild: Archiv Moritz Hager

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Wie geht es Ihnen nach dem Urteil gegen Sie und die Obersee-Nachrichten?
Natürlich muss man in einem Gerichtsprozess mit Allem rechnen. Fest steht aus meiner Sicht auch nach dem Urteil: Die Artikel, die ich schrieb waren wahr, was auch die Personen bezeugen, über die wir schrieben. Das Gericht hat keinen einzigen Bericht kritisiert. Der Gerichtsentscheid ist nicht nachvollziehbar und wirr.

Weshalb?
Kesb-Präsident Walter Grob erhält keine Genugtuung, wie das Gericht festhält, weil er in seiner Persönlichkeit als Privatperson nicht verletzt wurde, dafür die Stadt und die Kesb. Das zeigt, dass hier ein politisches Urteil vorliegt. Wie soll eine Stadt überhaupt in ihrer Persönlichkeit verletzt werden können? Oder eine Behörde wie die Kesb? Und das erst noch mit Artikeln, die der Wahrheit entsprachen.

Ihr Anwalt hatte vor Gericht argumentiert, dass Sie und die Obersee-Nachrichten nicht für die Facebook-Beiträge von Dritten verantwortlich sein können. Nun entscheidet auch hier das Gericht gegen Sie. Es wurden damit fast all ihre Argumente zerpflückt.
Wir können nicht für Facebook-Beiträge verantwortlich sein. Ein solches Urteil würde weltweit nicht standhalten. Facebook und der jeweilige Autor sind dafür verantwortlich, nicht die Obersee-Nachrichten als Seitenbetreiber. Es haben auch Urteile in anderen Ländern gezeigt, dass nicht die Seitenbetreiber verantwortlich sein können.

Das sieht das Gericht aber anders und sagt: Die ON hätten aktiv gefördert, dass ihre Facebook-Seite zur Diskussionsplattform wurde. «Dies zeigt sich nur schon daran, dass sich Bruno Hug aktiv an der dortigen Diskussion beteiligte.»
Ich habe mich wenige Male zu Einträgen geäussert, in denen ich angesprochen wurde. Aber das war zu 100 Prozent nie verletzend. Mir nun für alle anderen Dritteinträge auf einer Social-Media-Plattform die Verantwortung zuzuschreiben, ist weit neben der Realität des modernen Lebens.

Das Gericht auferlegt Ihnen persönlich die Hälfte der Parteikosten von 160‘000 Franken. Was bedeutet das für Sie?
Diese 80‘000 Franken sind unverständlich. Ausserdem habe ich die Artikel in meiner Berufsausübung geschrieben. Wenn solche Summen realistisch wären, dürfte niemand mehr zur Arbeit gehen.

Andere Medienmacher beurteilen die Kosten völlig anders. Der ehemalige Watson-Chefredaktor Hansi Voigt meint etwa auf Twitter: «Wegweisend teuer! Systematische Rufschädigung bekommt auch in der Schweiz ihren Preis. Gut so!»
Das ist sein Eindruck. Wenn das Schule machen würde, werden in den Medien keine kritischen Berichte mehr zu lesen sein. Das Gericht sagt ja in seinem Urteil nicht, meine Artikel seien falsch. Ich würde also für wahre Berichte, Leserbriefe und Facebook-Einträge von dritten gebüsst

Das Gericht sagt aber, dass die Glaubwürdigkeit der Quellen für Ihre Artikel nicht in gebührendem Masse überprüft wurden.
Das sehe ich nicht so. Ich hätte ja sogar Zeugen, die zur Aussage bereit wären. Aber das Gericht hat sich schlicht und einfach nicht mit den Artikeln auseinandergesetzt, sondern nur einzelne Wörter als persönlichkeitsverletzend kritisiert.

Die Obersee-Nachrichten wurde als «Klatschpresse» bezeichnet. Dieses Urteil muss Sie schmerzen.
Das ist die gleiche billige Sprache, wie sie auch der Anwalt von Stadt und Kesb verwendet hat. Nochmals: Unsere Artikel entsprechen den Fakten.

Wie geht es nun für Sie weiter?
Ich verlange die schriftliche Urteilsbegründung und werde mit meinem Anwalt das weitere Vorgehen besprechen. Was die Somedia ihrerseits entscheidet, kann ich nicht beurteilen. Ich spreche nur für mich.

Was passiert nun mit Ihrer Position als Chefredaktor der Obersee-Nachrichten?
Im jetzigen Moment will ich mich dazu nicht äussern. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 13.12.2017, 17:50 Uhr

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Somedia

Der Verlag der «Obersee-Nachrichten», die Somedia, wollte sich auch am Tag nach dem Urteil nicht äussern. CEO Andrea Masüger teilt mit: «Wir werden in den nächsten Tagen orientieren, wie es weitergeht.» Der zweite vom Urteil betroffene Journalist der «Obersee-Nachrichten», Mario Aldrovandi, kommentierte das Urteil auf Twitter: Es sei «hart und ­unverständlich». Die Urteils­begründung werde interessante Hinweise liefern. (ckn)

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