Zürichsee

Der Fischer muss mit den Jahreszeiten gehen, sonst bleiben seine Netze leer

Mit dem Zyklus der Jahreszeiten haben die Berufsfischer vom Zürichsee gelernt umzugehen. Einige Fischarten verändern ihre Lebensgewohnheiten radikal. Also ändert auch Turi Wespe, Berufsfischer aus Schmerikon, seine Fangtaktik.

Turi Wespe wirft sein Schwebnetz für Felchen aus. Der Schmerkner weiss, wo und wie er zu jeder Jahreszeit die besten Aussichten auf Fische im Netz hat.

Turi Wespe wirft sein Schwebnetz für Felchen aus. Der Schmerkner weiss, wo und wie er zu jeder Jahreszeit die besten Aussichten auf Fische im Netz hat. Bild: Michael Trost

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«Im Winter habe ich den See für mich und meine Ruhe.» Der Satz von Turi Wespe wirkt in der sommerlichen Wärme sonderbar. Der 60-jährige Schmerkner Berufsfischer fährt gemächlich rüber zum steilen Ufer des Buchbergs am Ende des Obersees, um dort seine Netze auszulegen.Die aufziehenden dunklen Wolken gefallen Wespe.

Schon grollt es aus der Ferne. Er nimmt das freudig zur Kenntnis: Die anderen Seebenutzer in den schicken Booten verlassen jetzt, am mittleren Nachmittag lieber den See. «Viel Platz — ein Glück», sagt er. Am Wochenende könne er hier nicht Netze auslegen. Da ankere ein Böötler neben dem anderen. «Die reissen mir alle Netze aus, wenn sie den Anker einholen.» Der stämmige Mann spricht von «Riesendruck, der jetzt auf den See ausgeübt wird», zeigt aber Verständnis für den regen Bootsverkehr. «Die wollen im Sommer ja auch ein paar Wochen etwas vom See haben, ich begreife das.»

Füsse im Wasser

Wespe legt Schwebnetze aus, die an Schwimmern mit 18 Meter langen Leinen hängen. Das ergibt eine Netz wand in 18 bis 25 Meter Tiefe. Mit der Maschenweite von 40 bis 45 Millimeter zielt er auf den Brotfisch der Berufsfischer, das Felchen ab. «Die sind jetzt dort unten, weil es ihnen oben zu warm ist.» Am nächsten Morgen hofft er auf einen guten Fang.

Wespe weiss mit dem Wetter und den Jahreszeiten umzugehen. Das hat er als Berufsfischer in dritter Generation quasi in die Wiege gelegt bekommen. Jetzt, in der Sommerschwüle trägt er T-Shirt, Cargohose, die nackten Füsse in den Gummisandalen stehen im Wasser, das im Heck seines Weidlings gleichmässig hin- und herschwappt wie ein Metronom.

Wer glaubt, dass er sich im Winter wie ein Arktisforscher einpackt, irrt. «Jacke, Latzhose und Stiefel», sagt er lapidar. «Handschuhe nehme ich nie, das nimmt mir das Fingerspitzengefühl am Netz.» Und bevor er die logische Folgefrage abwartet, setzt er fort: «Diese Arbeit bringt mich schnell zum Schwitzen, da habe ich warm genug.» Nur wenn es kälter als minus 20 Grad ist, werde es ungemütlich. Da müsse er schnell zurück an Land und in die Wärme.

Die Natur bleibt ein Rätsel

Auf eine Schwimmweste verzichtet er im Winter. «Die engt nur ein, und wenn du reinfällst, ist es ohnehin vorbei.» Fatalismus eines Berufsfischers, der bei solchen Sätzen gar nicht erst mit schicksalsschwerem Blick die Landratte zu beeindrucken versucht. Wespe lacht lieber herzhaft und zeigt so, dass man sich mit gewissen Dingen arrangieren muss. «So isches halt.»

Der aufkommende Wind gebietet zur Eile beim Auslegen der Netze. Würde das Boot abgetrieben, entstünde keine lange gerade Linie, sondern ein Netzbogen – unvorteilhaft bei der Jagd nach den Fischen. Ohnehin muss er das Verhalten der Fische kennen, damit möglichst viele ins Netz gehen. Im Winter zieht es die Felchen nach oben auf die Laichplätze, dafür gehen dann die Egli in die Tiefe. Im Sommer ist es umgekehrt.

Aber gewisse Zyklen sind auch Wespe unverständlich. Im Dezember, nach dem Laichgang, ziehen sich die Felchen langsam ins tiefere Wasser zurück. Wegen des geringen Nahrungsangebots reduzieren sie den Stoffwechsel und fallen beinahe in einen Schlafzustand um keine Energie zu verschwenden. Wenig Bewegung heisst geringe Chancen, sich im Netz zu verfangen. «Keine Ahnung, warum wir diesmal trotzdem eher mehr Felchen rausholten als üblich zu dieser Jahreszeit.» Die Natur bleibt auch für den erfahrenen Berufsfischer manchmal ein Mysterium.

Oft ein Produkt des Zufalls

Von der Saison hängt ebenfalls ab, welche Netze er verwendet. Die Vorschriften wirken auf Laien kompliziert wie ein Gesetzesbuch. Gut kennt Wespe alle Vorschriften in- und auswendig. Im Sommer und Winter darf er zum Beispiel mit der engen Maschenweite von 28 Millimeter für Egli eine Setztiefe von 20 Metern nicht überschritten. Sonst würden die noch zu kleinen Felchen unten gefangen. Ab 35 Millimeter grossen Maschen entfällt die Vorschrift für die Setztiefe.

Im Sommerhalbjahr ist der Fang oft ein Produkt des Zufalls, weil die Fische von einem Tag auf den anderen die Tiefe wechseln. Dann gilt es, sich möglichst rasch darauf einzustellen und die Netze woanders zu legen. Die Jahreszeiten spielen auch für die Vorschriften beim Netzauslegen eine Rolle. Vom 1. Januar bis 1. Mai dürfen sie 48 Stunden im Wasser bleiben. In den übrigen Monaten müssen sie abends ausgelegt und morgens eingeholt werden. Nochmals anders geregelt ist die Zeit von 1. Oktober bis 19. November. Dann dürfen Bodennetze in einem Arbeitsgang eingeholt und gleich wieder ausgelegt werden. Es ist die Periode, in der den Sportfischern das Schleppangeln verboten ist.

Den «Morelli» bekommen

Schliesslich folgt die Zeitspanne von Mitte November bis Ende Dezember. Schonzeit für die wichtigsten Fische — und für Turi Wespe. «Ferien für die Fischer um die müden Knochen und den verspannten Rücken auszukurieren», sagt er und lacht wieder herzhaft. «Zum Glück habe ich eine supergute Frau, die zu mir schaut.»Nach der kurzen Erholungsphase folgt noch der Felchen- und Albelilaichfang. Kurz vor Weihnachten ist sein langes Fischereijahr abgeschlossen.

Wespe hadert nicht. «Wenn einem der Beruf gefällt, ist noch nie jemand vom Arbeiten krank geworden.» Nur etwas gibt ihm manchmal zu schaffen: «Wenn du tagelang nichts fängst, bekommst du den Morelli.» Dann brauche es Geduld. «Die Fische sind ja da, es klemmt einfach irgendwo ein Zahnrädchen und plötzlich fehlt der Fisch im Netz.»

Die Arbeit auf dem See ist beendet. Wespe steuert das Boot in den Heimathafen und erzählt, als ob er dem Reporter eine Zusammenfassung des Jahresverlaufs bieten wolle. Im Sommer habe er viel mehr zu tun. Da gehe der ganze Tag drauf mit Einholen der Netze, Verarbeiten und Räuchern der Fische, Verkaufsladen im Dorf betreuen und Ausliefern an Kunden. Abends bringt er die Netze wieder aus. «Im Sommer gibt es auch Feste, an denen viel Fischchnusperli gegessen wird.» Bis zu 250 Kilogramm müsse er dann vorbereiten.

Also ist der Winter für ihn die schönste Jahreszeit? Wespe schaut nach oben in die wieder den Himmel beherrschende Sonne, grinst breit und sagt: «Ach, der Sommer ist doch herrlich, nach dieser Wärme sehnt man sich im Winter.» (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 13.08.2018, 14:12 Uhr

Serie zur Fischerei

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