Rapperswil-Jona

Demnächst klingelt der Velokurier

Neues Angebot für alle, die in der Stadt einkaufen: Velokuriere bringen ab Ende Oktober schwere Taschen und Harasse nach Hause. Das Sozialprojekt will vor allem auch älteren Arbeitslosen eine Chance geben.

Elizabeth Casal, WTL-Geschäftsleiterin, mit Projektleiter Achilles Häring in der Velokurierausrüstung.

Elizabeth Casal, WTL-Geschäftsleiterin, mit Projektleiter Achilles Häring in der Velokurierausrüstung. Bild: Sabine Rock

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Die Vorbereitung war lang und aufwändig. Der Start musste zweimal verschoben werden. Ab 31. Oktober läuft nun aber auf dem Stadtgebiet ein Hauslieferdienst an. Wobei «läuft» der falsche Ausdruck ist. Er rollt nämlich auf E-Bikes daher. Das Prinzip ist einfach: Wer in einem x-beliebigen Geschäft etwas kauft und es nicht selber nach Hause tragen will, lässt es sich von den Velokurieren liefern. «Alle Läden in Rapperswil-Jona machen mit», freut sich Elizabeth Casal, Geschäftsleiterin des WTL. Das sozialwirtschaftliche Unternehmen, das Menschen auf dem Weg zurück in den Arbeitsmarkt begleitet, ist Träger des Hauslieferdienstes. Vier Geschäfte fungieren als Annahmestellen: Manor, Migros Sonnenhof, Coop Eisenhof, und Migros Stadttor. Dort können die Einkäufe deponiert werden; Velokuriere holen sie ab, bringen sie in die Velostation beim Bahnhof Jona und verteilen sie von dort innert maximal drei Stunden an die angegebene Adresse.

8640 und 8645 abgedeckt

Auch wer in einem kleinen Laden etwas einkauft, muss nicht selber schleppen. Er oder sie kann die Ware direkt vom Geschäft zu einer der Annahmestellen bringen lassen. Von dort wird sie vor die Wohnungstüre geliefert. Der Kunde, die Kundin muss aber nicht zu Hause warten, bis die Taschen eintreffen. Er kann auch eine Nachbarin bezeichnen, bei der der Kurier klingeln soll, damit die Waren nicht draussen im Regen stehen bleiben. Eine Einzellieferung kostet fünf, ein Jahresabonnement 220 Franken. Als Liefergebiete gelten einstweilen die Adressen mit den Postleitzahlen 8640 und 8645.

5 Franken für 20 Kilo

Weil auch Velokuriere keine übermenschlichen Kräfte haben, gilt pro Lieferung eine Obergrenze von 20 Kilogramm. Wer mehr einkauft – zum Beispiel drei Sechserpackungen Mineralwasser – bezahlt einen Fünfliber zusätzlich. Grosse, sperrige Waren wie Kleinmöbel oder Topfpflanzen werden nach Absprache ebenfalls geliefert, wie der Projektverantwortliche im WTL, Achilles Häring, erklärt. Eine separate Anmeldung brauchts auch, wenn der Kurier Leergut abholen soll – Flaschen, Karton, Altpapier. Dieser Service kostet pro Mal zehn Franken.

Im Einsatz stehen drei E-Bikes der Marke Youmo, die der Rapperswiler Knut Späte entwickelt hat und die das WTL zusammenbaut, sowie drei Lastenvelos. Das WTL hat sich bei ähnlichen Hauslieferdiensten in der halben Schweiz umgesehen, um von möglichst vielen Erfahrungen profitieren zu können. Grosses Vorbild ist Burgdorf, wo es seit Jahren eine Velostation mit angegliedertem Hauslieferdienst als Beschäftigungsprogramm für Langzeitarbeitslose gibt. 25 000 Lieferungen fahren sie jedes Jahr aus. Ziel sei es, dass Rapperswil-Jona diese Zahl übertreffe, schliesslich sei die Stadt grösser als Burgdorf, sagt Achilles Häring. Er ist sich aber bewusst, dass der Lieferdienst zuerst bekannt werden muss. «Die ersten vier Jahre werden harzig, und wir werden einen langen Atem brauchen», sagt er. Dank der Unterstützung durch die Stadt und diverse Stiftungen sei man aber gut gerüstet.

Für über 55-Jährige

Von Aarau abgekupfert hat das WTL die Idee eines speziellen Arbeitsprogramms für über 55-Jährige. Ab einem Arbeitspensum von 50 Prozent können sie dem Hauslieferdienst zugewiesen werden – unbefristet und mit wesentlich tieferen Kosten für die zuweisenden Gemeinden. Die Wahrscheinlichkeit, dass solche Menschen noch einmal den Weg zurück in den ersten Arbeitsmarkt fänden, sei erfahrungsgemäss klein, sagt Elizabeth Casal. Für das Projekt könnten sie aber sehr wichtig sein, indem sie Stabilität und Konstanz ins Team der Velokuriere bringen. Der Job bietet ihnen eine Tagesstruktur, gleichzeitig ist er anspruchsvoll: Kunden und Waren wollen sorgfältig behandelt werden, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit sowie eine gewisse Kondition und Wetterfestigkeit sind vonnöten. Wer jung ist und über all diese Eigenschaften verfügt, findet in der Regel schnell wieder einen Job ausserhalb des WTL. Die Zahl der Teilnehmer im Beschäftigungsprogramm schwankt aus diesem Grund ständig. Die 600 Stellenprozente für den Hauslieferdienst werden mit zehn bis zwölf Teilzeitlern abgedeckt. Das WTL sucht derzeit Freiwillige, um die Schwankungen ausgleichen zu können (s. Kasten).

A propos wetterfest: Achilles Härings erklärtes Ziel ist es, dass seine Velokuriere an jedem Werktag des Jahres durch die Stadt sausen. «Sollte aber eines Morgens ein Meter Schnee auf den Strassen liegen, müssen wir sicher passen.» Und wer bei 30 Grad im Schatten ein paar Pfund Glacés kauft, sollte dran denken, dass nicht in allen Annahmestellen ein Kühlschrank steht. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 13.10.2016, 16:25 Uhr

Hauslieferdienst

Nicht alles läuft von Anfang an rund

Die Frage, wieviele Freiwillige es braucht, um den Hauslieferdienst aufrechtzuerhalten, kann Achilles Häring vom WTL noch nicht beantworten. Am Anfang werde er wohl auch selber einspringen müssen, sagt er. Schlagzeilen machte vor kurzem das Züriwerk, das den Hauslieferdienst im Einkaufszentrum Sihlcity einstellen musste, weil nicht genügend Kuriere zur Verfügung standen. Das Beispiel zeigt für Häring, dass solche Projekte viel Zeit brauchen, bis sie reibungslos funktionieren. Der Abteilungsleiter Zweirad-Werkatelier im WTL weiss, wovon er spricht. Die Velostation am Bahnhof Jona funktioniert über ein Jahr nach der Eröffnung noch längst nicht wunschgemäss. 136 bewachte Veloabstellplätze stehen zur Verfügung, höchstens 30 sind pro Tag besetzt. Und dies, obwohl Häring und seine Mitarbeiter immer wieder von Diebstählen in den nicht bewachten Veloständern hören. Härings einstweiliger Trost: Der Reparatur- und Reinigungsservice läuft sehr gut. (jä)

Namensänderung

Die Abkürzung WTL leitet sich aus dem leicht sperrigen Namen «Werk- und Technologiezentrum Linthgebiet» ab. Dass es sich dabei um ein sozialwirtschaftliches Unternehmen handelt, ist nicht ersichtlich. Das WTL verwendet den ausgeschriebenen Namen deshalb gegen aussen seit einiger Zeit nicht mehr. Die Abkürzung soll aber, weil sie bekannt ist, beibehalten werden. Neu steht dahinter der Zusatz: Zurück in den Arbeitsmarkt. (jä)

Der Velohauslieferdienst des WTL startet am 31. Oktober.

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