Circus Knie

Das Ende der Elefanten-Ära in der Manege

Am Sonntag endete in Lugano die diesjährige Tournee des Circus Knie und damit die Ära der Elefanten in der Manege.

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Vielleicht ist es einer Erkältung geschuldet, dass Linna Knie-Sun draussen, beim Tiertransporter, ein Taschentuch in der Hand hält, als die Elefanten schliesslich im Lastwagen stehen. Kaum zwei Minuten zuvor haben Delhi (47) und Ceylon (44) noch zusammen mit Franco jun., Linna und dem achtjährigen Chris Rui Knie ihre Dressurkunststücke vorgeführt. Nach dem letzten Auftritt am Sonntagabend in Lugano haben die Betreuer die Elefanten aus der Manege direkt in den Tiertransporter geführt, einen weissen Kasten auf Rädern, Aufschrift «Lebende Tiere» an der Rückseite. Er steht kaum zehn Meter vom Zelteingang bereit; die Rücklichter leuchten im Halbdunkel.

Keine fünf Minuten später ist die Klappe an der Rückseite geschlossen, der Transporter ist weg. Während das Publikum im Zelt die weiteren artistischen und humoristischen Darbietungen beklatscht, fahren die beiden Elefanten dem Gotthard entgegen. Es geht zurück in den Kinderzoo, nach Rapperswil. Auf dem Weg zur Autobahn passiert der Transporter eines der Plakate in der Stadt, auf denen steht: «Knie. Lugano Stadio, 19. – 22. Novembre.»

Zwischen Stadio und Cimitero

Beim Fussballstadion von Lugano endete schon so manche Tournee des Circus Knie. Ein staubiger Kiesparkplatz am Rande eines Fussballrasens ist gerade gross genug für das Knie-Zelt. Mit seinen LED-Leuchtgirlanden im Glühbirnen-Look passt der Zirkus aber auch thematisch in jene städtische Freizeit- und Sportlandschaft zwischen zwei Ausfallstrassen hinein: Sportplätze, Kinderspielplatz, Skaterpark. Noch näher als das Stadio liegt der Cimitero, der städtische Friedhof mit seiner hohen Mauer und den Zypressen. Wer zum Zirkus geht, kommt an der städtischen Aufbahrungshalle vorbei. Dass auch bei Knie ein Abschied bevorsteht, darauf deutet am Sonntagmorgen im Zirkuszoo in Lugano nichts hin. Blauer Himmel, die Sonne wärmt, sobald der Wind einmal nachlässt. Eltern stossen Kinderwagen über den Kies, Kinder machen Fotos mit Smartphones, streicheln den rauen Rüssel der Tiere, füttern Karotten, Apfelstücke, Popcorn. Nur ein paar Drähte trennen Besucher von den Elefanten. Schau mal, der Elefant isst mit der Nase, erklärt ein Vater.

Die Erwachsenen wissen, dass die Elefanten nächstes Jahr nicht zurückkehren werden. Es kam im Fernsehen, oder sie haben es in der Zeitung gelesen. Gut für die Tiere, schade ums Zirkusspektakel, so oder ähnlich äussern sich die befragten Besucher. Hier draussen, an der Zeltrückseite beim Manegeneingang, lässt sich die Morgenvorstellung, die gerade läuft, aus anderer Perspektive erleben. Im weissen Zeltpavillon der Elefanten dirigieren Franco Knie und Sohn Chris Rui die Elefanten in Reih und Glied, Pfleger legen den Tieren den Kopfschmuck an. Ein Tier beginnt, den Kopf hin und her zu wiegen. Dann fällt der Draht, und Ceylon und Delhi spurten im Gänsemarsch zum Zelteingang.

Kunstlicht gewinnt Überhand

Das Saisonende fühle sich genau gleich an wie jedes Jahr, sagt Franco Knie jun. – «man steht vor der letzten Aufführung, die Elefanten werden danach heimgefahren. Es sind immer die gleichen Abläufe.» Für einen kleinen Medientermin in einem Pavillon beim Zirkuseingang hat er sich vor dem Finale der zweitletzten Vorstellung zusammen mit Fredy Knie jun. für die Medien kurz Zeit genommen. Die Sonne ist bereits hinter dem Horizont, allmählich gewinnt das warme Kunstlicht auf dem Zirkusgelände Überhand. «Noch geht es mir gut», sagt Franco Knie nun. «Wehmütig werde ich wohl nächste Saison sein, wenn die Elefanten nicht mehr dabei sind.» Ob er künftig als Artist in der Manege zu sehen sein wird, lässt er offen.

Es sei ja kein Abschied von den Tieren, sagt Fredy Knie jun. «Es gibt keinen Grund, traurig zu sein.» Wenn nun nicht mindestens ein bisschen Wehmut mitschwinge, so hätten sie wohl in all den Jahren zuvor etwas falsch gemacht. Wichtig sei jedenfalls: Das Ende der Elefantennummer im Zirkus sei im Sinne des Tieres.

Seit langem absehbar

Dass die Elefanten irgendwann aus dem Zirkus verschwinden würden, muss für die Familie Knie schon vor über einem Jahrzehnt absehbar gewesen sein. Seit über 16 Jahren hatte es im Zirkus keinen Ersatz gegeben, wenn ein Tier die Gruppe verliess – wodurch die Zahl der Elefanten sukzessive, einem Countdown gleich, zurückging. 1999 gibt der Circus Knie einen seiner acht Zirkuselefanten ab: Der Zoo Zürich übernimmt die 13-jährige Indi für seine Zucht. Der nächste Abgang folgt 2006: Die langjährige Leitkuh Patma geht im Alter von 45 Jahren im Kinderzoo quasi in Pension. 2009 folgt ihr die nun ebenfalls 45-jährige Siri, im Zirkus bleiben noch fünf Elefanten. Ein Jahr später stösst Rani zur Herde im Kinderzoo, zugunsten der Zucht: Mit ihren 28 Jahren ist sie im noch gebärfähigen Alter. Die aufmüpfige, 26-jährige Sabu verlässt 2011 den Zirkus, dies nach mehreren Ausbruchsversuchen auf Tournee. Nun bleiben im Zirkus noch drei Tiere. 2015 entscheidet die Familie Knie nach dem Tod von zwei alten Elefanten im Kinderzoo, dass für die 29-jährige Mapalaj die Tournee vorzeitig endet und sie zugunsten der Zucht nach Rapperswil kommt.

In Lugano sagt Fredy Knie an diesem Abend: «Zur Zucht braucht es nicht nur eine Kuh und einen Bullen – sondern auch Tanten, Cousinen und Grossmütter, die sich um die Kleinen kümmern.» Was den Zirkus betrifft, so sei es heute nicht mehr möglich, einen Elefanten zu ersetzen, sagt Fredy Knie: «Das Veterinäramt würde es nicht bewilligen.» Wenn heute in einem Zuchtprogramm ein Elefant zur Welt komme, so wachse dieser im Zoo auf.

Ein Zucken ums Auge

«Die 47-jährige Delhi hat das Pensionsalter erreicht, Ceylon hätte mit 44 noch ein paar Jahre weiterarbeiten können», sagt Franco Knie. Er steht nun in der Manege vor dem roten Vorhang beim Ausgang und gibt regionalen TV-Stationen Interviews. Was heisst das Ende einer Ära für die Familie, für Frau und Sohn? Ein kurzes Zucken oberhalb des linken Auges. «Es war kein einfacher Entscheid, den es zu verdauen gilt. Aber es ist nun so, wir müssen nach vorne schauen», sagt der 37-Jährige. Er lächelt.

Dann wird es Zeit. Die Menschen strömen aufs Gelände, auf dem Areal beim Eingang liegen Holzschnitzel, an den Stehtischen stehen Besucher, es gibt Pommes frites, Popcorn und Zuckerwatte. Clown Speedy verkauft Programmhefte.

Auf die Hinterbeine gestellt

18 Uhr. Drinnen im Zelt eröffnet die Tanzakrobatiktruppe Bingo, Jongleur Mario Berousek reisst das Publikum mit. Dann gehen die Scheinwerfer an, ein Elefant steht da auf den Hinterbeinen und trägt Linna Knie-Sun, die den Spagat macht, auf einem Seil. Als der Elefant den Trommelschläger aufheben will, rollt dieser von der Trommel.

Franco Knie legt ihn nochmals hin. Drei, fünf, zehn Schläge: Der Elefant trommelt jedes Mal korrekt nach Vorgabe. Während der rund zehnminütigen Elefantennummer drehen sich die Elefanten um die eigene Achse, einer legt sich hin, schwingt später den achtjährigen Chris Rui Knie im Kreis durch die Luft. Und Ceylon und Delhi schaukeln die auf dem Seil sitzende Linna Knie-Sun. Auch diesmal gibt es zur Nummer keine Ansage. «Das Publikum weiss es längst, dass wir aufhören, und akzeptiert es», hatte Franco Knie am Pressetermin gesagt. Schliesslich drehen sich die Tiere um, traben aus der Manege, ihnen folgen Franco, Linna und Chris leichten Fusses, wie es scheint. Knie-Mediensprecher Peter Küchler hatte es ja bereits angekündigt: Der letzte Auftritt der Elefanten würde genau gleich vonstatten gehen wie an den früheren 332 Vorstellungen der Saison.

Erstellt: 24.11.2015, 07:52 Uhr

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