Rapperswil-Jona

«Das Angebot der SBB ist Weltspitze»

Patrick Ruggli leitet das St. Galler Amt für öffentlichen Verkehr. Der Rapperswil-Joner spricht sich gegen kostenlosen ÖV aus und erklärt, warum er in seinem Beruf keine chinesischen Verhältnisse möchte.

Er findet die Gesamtmobilität spannender, als die Bemalung von Zügen und Bussen: Patrick Ruggli.

Er findet die Gesamtmobilität spannender, als die Bemalung von Zügen und Bussen: Patrick Ruggli. Bild: Patrick Gutenberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wann haben Sie sich zuletzt über den öffentlichen Verkehr geärgert?
Patrick Ruggli: Als ich am Bahnhof Rapperswil meinen Anschluss vom Voralpen-Express auf die S5 verpasst habe und sich ganz viele Leute durch die Unterführung gequetscht haben. Das ist aber schon ein paar Monate her. Grundsätzlich ärgere ich mich selten – und wenn dann eher über das ständige Schlechtmachen der SBB. Der öffentliche Verkehr der Schweiz ist eine Erfolgsgeschichte.

Sind wir ein Land von Nörglern?
Natürlich verstehe ich, wenn sich Bahnkunden über verpasste Anschlüsse oder Zugausfälle nerven. Aber es ist schon so, dass wir auf sehr hohem Niveau jammern.

Machen wir eine Bestandesaufnahme: Wo sind die SBB spitze? Und wo sehen Sie Verbesserungspotenzial?
Das Angebot der SBB ist Weltspitze. Sie hat die dichtesten Fahrpläne, ein umfangreiches Angebot und fährt pünktlich. Da ist vielleicht höchstens noch Japan besser. Auf gewissen Strecken, verkehrt teilweise noch älteres Rollmaterial, aber das ist ebenfalls Mäkeln auf hohem Niveau.

Privatbahnen wie die Südostbahn oder die BLS drängen ins Stammgebiet der SBB, den Fernverkehr. Was können diese Bahnen besser machen als die SBB?
Ich glaube diese Bahnen können noch näher beim Kunden sein. Kundenfreundlichkeit ist etwa der Südostbahn sehr wichtig, da gibt es an einem Samichlaustag auch mal einen Lebkuchen. Das ist sympathisch und bei einer kleinen Bahn glaubwürdig. In der Zusammenarbeit mit dem Amt reagieren die kleinen Bahnen sehr rasch und präsentieren manchmal unkonventionelle Lösungen. Die SBB geben sich zwar auch sehr Mühe und suchen aktiv Lösungen, aber alle Personen sind in einem grossen Konzern eingebunden. Das spürt man.

Die Zusammenarbeit von Bahnen ist eine Entwicklung für die Zukunft, das andere viel grössere Thema ist der Infrastrukturausbau: Tunnels, Doppelspuren etc. Sind das im Hinblick auf die zunehmende Technologisierung nicht alte Denkmuster?
Beim Ausbauschritt 2030/35 sprechen wir von 11,5 Milliarden Franken die der Bund mindestens ins Bahnnetz investieren möchte. Auf den grossen Achsen wie Lausanne-Genf, Zürich-Bern-Winterthur macht das sicher Sinn. Insbesondere, weil in der Schweiz auch immer mehr Leute wohnen. Aber mehr Kapazität erhöht auch die Nachfrage. zum Beispiel wurden die Pendlerdistanzen auf der Bahn länger. Ich frage mich auch, ob wegen der Digitalisierung nicht plötzlich andere Prioritäten entstehen.

Das Problem sind aber nur die Stosszeiten?
Das Verkehrsnetz ist während drei bis vier Stunden am Tag ausgelastet oder überlastet. Aber tagsüber und nachts liegt noch viel freie Kapazität brach. Würde man andersrum etwa in sehr leise Lastwagen investieren, könnte man auch über das geltende Nachtfahrverbot für Lastwagen diskutieren und Güter in der Nacht transportieren. Wir dürfen einzelne Verkehrsmittel nicht gegeneinander ausspielen, sondern müssen das Gesamtsystem im Blick behalten.

Wann nutzen Sie das Auto?
Vor allem in der Freizeit, etwa wenn ich frühmorgens auf eine Skitour gehe. Oder für Ferien oder ein verlängertes Wochenende ins Piemont. Für mich gilt: Jedes Verkehrsmittel zur richtigen Zeit. Für dieses Gespräch bin ich zum Beispiel mit dem Velo an den Bahnhof gekommen.

Ist es die Zukunft, dass sich die verschiedenen Verkehrsmittel verzahnen?
Ja, öffentlicher Verkehr und motorisierter Individualverkehr werden sich mehr vermischen. Wir zum Beispiel haben nur ein Auto für fünf Personen. Wir nutzen täglich auch den öffentlichen Verkehr und die Velos sowie ab und zu das Flugzeug und den Auto-Mietservice Mobility. Ich kann mir gut vorstellen, dass es einen individuellen öffentlichen Verkehr mit führerlosen Autos geben wird. Ich bestelle ein Fahrzeug sitze hinein und lasse mich ans Ziel chauffieren.

In der idealen Welt würde die Vermischung funktionieren. Der Bus ist immer da wenn ich ihn brauche, in der Realität muss ich einen Rufbus aber immer zwei Stunden im Voraus reservieren. So wird das Auto nicht obsolet.
Das Auto ist extrem praktisch. Mit dem Auto hat man eine Killerapplikation für die Mobilität erfunden, wie es etwas später auch das Handy für die Kommunikation war. Ein Ding mit riesigen persönlichen Vorteilen. Das eigene Auto steht 24 Stunden zur Verfügung, bedeutet Freiheit, ist bequem und ich werde nicht nass. Zudem meint man, man sei schneller als mit anderen Verkehrsmitteln. Aber in Städten mit einem dichten öV-Takt brauchen viele Leute kein Auto mehr.

Wie bringt man individuelle Wünsche nach Mobilität zusammen? Der ÖV funktioniert nach dem Prinzip: Dort wo es mehr Menschen hat, gibt es auch Anschlüsse.
Der ÖV ist ein Massentransportmittel. Das ist seine Qualität und seine Chance. Auf der Strasse bringt man diese Effizienz nicht zustande. Auf dem Land ist wohl das Auto immer noch das praktischere Verkehrsmittel.

Gefordert wird verschiedentlich kostenloser ÖV. Das würde auch Kosten generieren.
Da bin ich dezidiert dagegen. Was nichts kostet, ist auch nichts wert. Wer fährt, soll die Kosten mindestens zu einem Teil selber tragen. Das kann man nicht alles auf den Staat abwälzen. Dass der Staat den ÖV finanziell unterstützt, ist politisch gewollt und für mich auch richtig. Der öffentliche Verkehr ist ein Teil des service public, der allen Menschen zur Verfügung steht.

Sind selbstfahrende Fahrzeuge im öffentlichen Verkehr mit geringeren Kosten ein Schlüssel zum Erfolg im Bereich der individuellern Fortbewegung?
Das ist gut möglich. Aber wir sind hier noch einige Meilen entfernt, bis dieses System funktioniert und etabliert ist.

Wie stehen Sie persönlich zu selbstfahrenden Zügen und Autos?
Da habe ich kein Problem. Ein Lift fährt ja heute auch vollautomatisch ohne Liftboy. Auch die Metro in Lausanne ist etwa führerlos unterwegs. Die Eisenbahn kann hier eine Vorreiterrolle spielen, noch vor dem Auto. Der Zug hat eine vorgegebene Strecke und es gibt weniger Gefahren von aussen. Aber eben die Entwicklung wird langsam gehen: Die Gesellschaft ist relativ standfest und möchte keine Veränderungen.

Veränderungen will man auch in anderen Bereichen nicht. Es ist heute extrem schwierig, Bauprojekte zu realisieren. Jeder einzelne hat Wünsche.
Jeden einzelnen Wunsch können wir nicht erfüllen, das versuchen wir auch von Amtsseite her zu erklären. Aber das ist extrem schwierig. Wegen der persönlichen Betroffenheit ist aus meiner Sicht die Umfahrung Rapperswil gescheitert.

Ärgert Sie dieser Widerstand als Amtschef?
Ja, manchmal schon. Individualinteressen blockieren grosse Projekte wie zum Bespiel der Doppelspurausbau zwischen Goldach und Rorschach Stadt. Natürlich möchte ich nicht chinesische Verhältnisse - dort kann man ja einfach alles in zwei Jahren bauen. Aber nach einem Grundsatzentscheid müsste es schneller gehen.

Sie kommen aus der Privatwirtschaft, haben etwa mal eine Studie zur Zentrumsgestaltung in Küsnacht gemacht. Wünschen Sie sich manchmal dorthin zurück - einfach einen Bericht zu schreiben und fein raus zu sein?
Nein. Es war manchmal etwas ärgerlich, intensiv tolle Ideen zu entwickeln, einen Bericht zu schreiben und dann doch nichts realisieren zu können. Einen Angebotsausbau im ÖV umzusetzen ist oft viel einfacher. Aber natürlich: Die grossen Geschichten brauchen auch beim Amt viel Geduld.

Als Planer und Amtsleiter wird man nicht geboren. Sie wollten bestimmt Lokführer werden?
Nein Pilot. Mein Götti war Captain bei der Swissair. Dazumal ein Traumjob. Aber mit meiner starken Brille konnte ich nicht Pilot werden. Ich bin auch kein Bahn-Fanatiker, der jede Lok im Detail unterscheiden kann und mache auch kein Trainspotting. Als Kind hatte ich zwar eine Modelleisenbahn, aber mich hat später in der Ausbildung viel mehr die Mobilität als Ganzes interessiert. Ich will etwas dazu beitragen, diese Mobilität in der dichten Schweiz weiterzuentwickeln. Ob der Zug oder der Bus dann grün oder blau angemalt ist, spielt für mich keine Rolle.

Erstellt: 04.03.2018, 13:36 Uhr

Zur Person

Patrick Ruggli ist seit 2015 Leiter des St. Galler Amtes für öffentlichen Verkehr. Der 55-jährige ist studierter Bauingenieur mit den Vertiefungsrichtungen Planung und Verkehr sowie Wasserbau. Vor seiner Tätigkeit beim Kanton St. Gallen war er achtzehn Jahre lang beim Planungsbüro Ernst Basler + Partner AG in Zürich tätig. Patrick Ruggli ist verheiratet und Vater von drei erwachsenen Kindern. Er lebt in Rapperswil-Jona. ckn

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@zsz.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 044 928 55 82. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Abo

Eine für alle. Im Digital-Abo.

Die Zürichsee Zeitung digital ohne Einschränkung nutzen. Für nur CHF 25.- pro Monat. Jetzt abonnieren!