Schmerikon

Blinde wollen beim Hundeverbot keine Extrawurst

Das geplante Hundeverbot gibt weiterhin zureden. Eine sehbehinderte Schmerknerin mit einem Führhund fühlt sich von Gemeindepräsident Félix Brunschwiler instrumentalisiert. Dieser ist über die Reaktion perplex.

Das Hundeverbot, das der Gemeinderat am Aabach verhängen will, sorgt für neuen Gesprächsstoff. In einem offenen Brief wehrt sich eine sehbehinderte Schmerknerin dagegen

Das Hundeverbot, das der Gemeinderat am Aabach verhängen will, sorgt für neuen Gesprächsstoff. In einem offenen Brief wehrt sich eine sehbehinderte Schmerknerin dagegen Bild: Symbolbild/Keystone

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Auch wer etwas besonders gut und richtig machen will, kann falsch verstanden werden. Das muss der Schmerkner Gemeindepräsident Félix Brunsch­wiler (parteilos) gegenwärtig erfahren. Vor einer Woche überbrachten ihm engagierte Hundehalte­rinnen eine Petition gegen das Hundeverbot im Aabachdelta. 650 Hündeler hatten die Bittschrift gegen das vom Gemeinderat verfügte Verbot unterzeichnet (siehe Kasten).Anlässlich der Petitions­über­gabe ging Brunsch­wiler auch auf einen parallel laufenden Rekurs von 23 Hundehaltern gegen das Verbot ein. Der Gemeinderat ­lehne sämtliche Argumente der Rekurrenten ab, sagte er. Bis auf einen: Im Falle von behinderten Personen, die auf einen Hund ange­wiesen seien, könnte man eine Ausnahme machen.

Brunsch­wilers Worte hallen auch eine Woche später noch nach. Sie werde von diesem vermeint­lich generösen Angebot keines­falls Gebrauch machen, schreibt die sehbehinderte Schmerknerin Theresa Reichert in einem offenen Brief, welcher der ZSZ vorliegt. Indem der Gemeinde­rat das brisante Thema Diskriminierung von Behinderten aus der Diskussion nehme, begehe­ er einen cleveren politischen Schachzug, um seine eigenen Zwecke zu verfolgen.

«Doch, ich darf!»

Die 60-Jährige, die seit ihrer ­Geburt hochgradig sehbehindert ist, wehrt sich dagegen, wegen ihrer Behinderung einen Sonderstatus zu erhalten. «Ich will keine Extrawurst», sagt Reichert im ­Gespräch mit der ZSZ. Sie wolle nicht für sich allein Profit aus einem gemeinderätlichen Entscheid schlagen. «Vor meinen Mit­streitern, die zumeist Freunde und gute Bekannte sind, stünde ich da wie eine unsolidarische Windfahne», erklärt Theresa ­Reichert, die seit 20 Jahren in Schme­rikon wohnt und den Rekurs­ gegen den Gemeinderatsbeschluss mitunterzeichnet hat. Sollte es wirklich dazu kommen, dass sie als Einzige mit ihrem Führhund ins Aabachdelta dürfte, müsste sie ja ein Schild mit der Aufschrift «Doch, ich darf!» um den Hals tragen, sagt Reichert. Ansonsten würde sie wohl dauernd von gesetzestreuen Spaziergängern belehrt oder beschimpft.

«Ich müsste ja ein Schild um den Hals tragen mit der Aufschrift: ‹Doch, ich darf!›»
Theresa Reichert

Reichert macht im Übrigen ­darauf aufmerksam, dass Menschen mit einem Diensthund nicht während der Spaziergänge auf ihren vierbeinigen Begleiter angewiesen sind, sondern lediglich auf dem Weg dorthin. Auf dem Spaziergang hingegen könne der Hund einfach Hund sein. ­Deshalb strafe der Gemeinderat mit dem Verbot auch ihren Führhund Magic. Theresa Reichert ist in den letzten Tagen häufig angesprochen worden, wenn sie mit Magic unterwegs war – auch wenn ihr Name vom Gemeindepräsidenten nicht genannt wurde. «Ich bin die Einzige weit und breit, die mit einem Führhund unterwegs ist», erklärt sie.

Perplexer Gemeindepräsident

Gemeindepräsident Félix Brunsch­wiler zeigt sich auf ­Anfrage einigermassen perplex darüber, was seine Äusserung anläss­lich der Petitionsübergabe ausgelöst hat. Die Diskriminierung behinderter Menschen, die auf einen Führhund angewiesen sind, werde im Rekurs gegen das Verbot explizit erwähnt. Dadurch habe er sich legitimiert gefühlt, dazu etwas zu sagen. Namen ­habe er aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes bewusst keine genannt. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 12.02.2018, 18:00 Uhr

Betretungsverbot

Am 15. März tritt auf der linken Seite des Aabachs wie jedes Jahr während der Vogelbrutzeit ein generelles Betretungsverbot in Kraft. Das Hundeverbot, das der Schmerkner Gemeinderat durchsetzen will, betrifft hingegen die rechte Bachseite. Solange das Rekursverfahren läuft, ist dieses Verbot nicht in Kraft. Das Verfahren wird noch einige Monate in Anspruch nehmen. Zurzeit haben die Rekurrenten Gelegenheit, sich zur Stellungnahme des Gemeinderates zu äussern. Anschliessend wird das zuständige kantonale Gesundheitsdepartement einen Augenschein vor Ort durchführen.(jä)

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