Pfäffikon SZ

Blinde schärft Sozialkompetenz

Sie hat mehr Menschlichkeit und Wärme in die zahlenlastige Welt der Firma Swiss Quality Broker AG gebracht: die blinde Maria Oddo.

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Soziales Engagement würde man nicht als erstes mit einer Firma aus der Finanzwelt in Verbindung bringen. Dennoch ist die Swiss Quality Broker AG mit Sitz in Pfäffikon in dieser Beziehung ein leuchtendes Vorbild. Für seine Verdienste um die Integration von handicapierten Menschen in den Arbeitsprozess wurde der grösste unabhängige Versicherungsbroker im Kanton Schwyz im vergangenen Jahr — zusammen mit der Keller Recycling AG (Hinwil) und der Ernst Meier AG (Dürnten) — mit dem This-Priis ausgezeichnet.Firmengründer und -chef Rolf Langenbach verspürte seit langem ein Unbehagen, wenn es um nachhaltige sinnvolle und Sinn stiftende Tätigkeiten ging, jenseits von Zahlen und Renditedenken.

Bei den sozialen Institutionen im Land, an die sich Swiss Quality Broker für Spendenmöglichkeiten wandte, hiess es jedoch: Schafft Arbeitsplätze für Menschen mit Handicap, wenn ihr ein gutes Werk tun wollt. Diese sind dünn gesät, nicht das Geld.

Teamgeist gefördert

So startete Swiss Quality Broker das Projekt «Lichtblick» mit dem Ziel, einen Arbeitsplatz für sehbehinderte Menschen zu schaffen. Seit August 2013 ist nun Maria Oddo als Sachbearbeiterin und telefonische Schaltzentrale mit einem 80-Prozent-Pensum in Pfäffikon angestellt. Die 41-jährige Rapperswilerin ist seit ihrem achten Lebensjahr praktisch völlig erblindet und ging erfolgreich aus einer spezifischen Stellenausschreibung hervor.

Für Rolf Langenbach war schnell klar, «dass wir und Maria Oddo super zusammenpassen». Ihr fröhliches Wesen habe dem Team gutgetan, es beflügelt und ungeahnte soziale Kompetenzen und Talente zum Vorschein gebracht. Der gesamte Prozess der Rekrutierung und Anstellung lief ab wie bei einem ganz «normalen» Anstellungsverfahren. Oddo, die über eine kaufmännische Ausbildung verfügt, war in ihrem Leben immer berufstätig.

Eine IV-Rente hat Maria Oddo nie bezogen. Allerdings: «Voll zu arbeiten ist schon etwas beschwerlicher». Ein 100-Prozent-Pensum wäre auch für sie nicht in Frage gekommen, «weil ich meinen Haushalt selber führe und auch alleine einkaufen gehe». Oddo liegt viel am Erhalt grösstmöglicher Autonomie. Wer bereit sei, sich als Mensch mit Handicap der freien Wirtschaft zu stellen, müsse mit seiner Behinderung umgehen können und diese akzeptieren: «Man stösst jeden Tag auf Hindernisse». Wichtig sei die Bereitschaft, fremde Hilfe anzunehmen: «Die Leute helfen gerne». Das kann Rolf Langenbach bestätigen: «Es brauchte von Anfang an gar keine Integration». Zwar habe es zu Beginn eine Phase gegeben, in der sich die Mitarbeiter etwas mehr um Maria Oddo hätten kümmern müssen, «aber heute ist sie eine Mitarbeitende wie jede andere, einfach mit einem Hund, der hin und wieder durch das Büro wetzt». So ist aus dem Projekt ein Dauerzustand geworden, «und es ist gut so, wie es ist».

Vollwertige Arbeitsstelle

Langenbach spricht — wie Maria Oddo — von einer Erfolgsstory, «umso mehr, als sich alles viel einfacher, schneller und positiver entwickelt hat, als erwartet». Maria Oddo besetzt eine vollwertige Arbeitsstelle und übt — von wenigen Ausnahmen abgesehen — die gleichen Tätigkeiten aus wie alle anderen im Betrieb. Ob das Modell auf andere Bereiche der Firma ausgedehnt wird, lässt Langenbach offen: «Wir sind dem Thema gegenüber nicht verschlossen». Derzeit gebe es aber eine Reihe wichtiger interner Projekte, die zuerst abgeschlossen werden müssten. Das im Jahr 2000 gegründete Unternehmen mit seinen heute 40 Mitarbeitenden befindet sich immer noch in der Wachstumsphase und hat eben erst eine neue Geschäftsstelle in Sargans eröffnet. «Aber ich schliesse nicht aus, dass die in Pfäffikon verwirklichte Idee in den Tochterfirmen in den nächsten Jahren weitergetragen und dupliziert wird». (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 11.01.2017, 15:36 Uhr

Positiver Einfluss auf Kultur und Stimmung

Eine Vorreiterrolle in der regionalen Unternehmenswelt bei der Integration von handicapierten Menschen spielt Sonova. Der weltgrösste Hersteller von Hörsystemen aus Stäfa beschäftigt sowohl Personen mit physischem Handicap, typischerweise viele mit Hörverlust, als auch solche mit psychischem Handicap. Zudem komme es regelmässig vor, erklärt Konzernsprecher Patrick Lehn, «dass wir Personen zum Zwecke der Reintegration in den Arbeitsprozess, sei es nach schwereren Unfällen oder nach Ausfällen auf Grund psychischer Probleme, bei uns anstellen». Bei Anfragen würden stets Möglichkeiten ausgelotet und zumeist — bei gegenseitigem Einverständnis — auch ein Arbeitsplatz respektive bei Lernenden ein Ausbildungsplatz installiert.

Wertvolle Impulse

Zurzeit befinden sich bei Sonova drei Lernende mit körperlichem Handicap in der Ausbildung, wobei sich ein Jugendlicher im Rahmen eines «normalen» Verfahrens durchgesetzt hat und für zwei zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen wurden. Aufgrund der Einstellung eines Lernenden mit Sehbehinderung wurden Plastikleitlinien auf den Gängen montiert und eine blindengerechte IT-Infrastruktur eingekauft.

Nach Angaben von Lehn handelt es sich bei den bei Sonova beschäftigten Personen mit Handicap um vollwertige Teammitglieder: «Sie erwarten im Umgang keine Sonderbehandlung». Die beim Hörgerätehersteller gemachten Erfahrungen zeigen, dass die Anstellung von Menschen mit Handicap einen positiven Einfluss auf die Kultur und die Stimmung unter den Mitarbeitenden hat, wie Lehn berichtet: «Sie bringen wertvolle Impulse, und der soziale Zusammenhalt im ganzen Unternehmen wird gefördert».

Bei Geberit in Jona werden entsprechende Anfragen von handicapierten Menschen individuell geprüft und die Möglichkeiten im Betrieb evaluiert. «Wenn möglich stellen wir diese Personen an», sagt Roman Sidler, Konzernsprecher beim führenden Sanitärkonzern in Europa. Es sei jedoch aufgrund des gestiegenen Drucks in den produktiven Bereichen von Geberit schwieriger geworden, eine entprechende Position zu finden.

Nachteile in der Produktion

Letzten Sommer konnten bei Geberit drei Personen für knapp sechs Monate in der Produktion beschäftigt werden. Laut Sidler war dieses zeitlich befristete Engagement sowohl für die drei wie auch alle anderen Geberit-Mitarbeitenden eine Bereicherung. Mit den Leistungen der permanent bei Geberit beschäftigten Menschen mit Handicap zeigt man sich sehr zufrieden. Dies obschon teilweise die Einführungsphasen und/oder der Betreuungsaufwand höher sei als bei Mitarbeitenden ohne Handicap.

Lindt & Sprüngli in Kilchberg bietet Mitarbeitenden, welche bereits im Unternehmen angestellt und aufgrund eines Unfalls oder Krankheit nicht mehr voll arbeitsfähig sind, einen Schonarbeitsplatz oder eine den Möglichkeiten entsprechende Alternative. «Generell gelingt uns das sehr gut», sagt Konzernsprecherin Nathalie Zagoda. Im Produktionsbereich des Herstellers von Premium-Schokolade, wo immer noch körperlich gearbeitet wird, sei ein physisches Handicap aber von grossem Nachteil. Im Verwaltungsbereich hingegen können je nach Behinderung immer noch Arbeitsplätze angeboten werden. Von ausserhalb erhält Lindt & Sprüngli laut Zagoda vergleichsweise wenige Anfragen. Die Dossiers würden aber in jedem Fall individuell und wohlwollend geprüft.
Thomas Schär

This-Priis

Der This-Priis ist seit seiner Lancierung im 2006 der Arbeitgeber-Award für Firmen im Wirtschaftsraum Zürich. Mit ihm werden Unternehmen ausgezeichnet, die sich auf besonders eindrückliche Art und Weise für die berufliche Integration von Menschen mit Krankheit oder Behinderung einsetzen. Der Preis ist mit 25 000 Franken dotiert. Mit der Pensionierung von This Widmer hat die Familie entschieden, den Verein This-Priis und die Verantwortung des Awards in neue Hände zu legen.

Seit 2016 ist die Sozialversicherungsanstalt (SVA) Zürich, die von Anfang an beratend zur Seite stand, Trägerin des This-Priis. Dabei soll das Bewusstsein für die Integration von Menschen mit Geburtsbehinderung beibehalten werden. Da heute aber jede zweite IV-Rente aufgrund einer psychischen Diagnose zugesprochen wird, möchte die SVA die Öffentlichkeit stärker für diese Thematik sensibilisieren. (zsz)

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