Rapperswil-Jona

«Bitte zerstört dieses Symbol nicht»

Der Verein Freunde des Polenmuseums will sich nicht damit abfinden, dass im Rapperswiler Schloss eine 150-jährige Tradition zu Ende gehen soll. Der Präsident erklärt, warum die Polen dem Museum eine grosse Bedeutung zumessen.

Der neue Präsident des Trägervereins des Polenmuseums, Marek Wieruszewski, will sich weiter für das Polenmuseum im Schloss engagieren.

Der neue Präsident des Trägervereins des Polenmuseums, Marek Wieruszewski, will sich weiter für das Polenmuseum im Schloss engagieren. Bild: Pascal Büsser

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Seit 1870 gibt es – mit Unterbrüchen – ein Polenmuseum im Schloss Rapperswil. Ab voraussichtlich 2022 soll damit Schluss sein. Bis dann wollen Stadt und Ortsgemeinde ein neues Schlosskonzept umsetzen – ein eigenständiges Polenmuseum ist nicht mehr vorgesehen. Die prägende Epoche der Polen im Schloss soll nur noch als Teil der Schlosshistorie sichtbar sein. Der neue Präsident des Trägervereins Freunde des Polenmuseums, Marek Wieruszewski, erklärt, wieso sich die polnische Seite noch nicht damit abfinden will.

Sie sind seit gut einem Jahr Präsident des Vereins Freunde des Polenmuseums. Als erster Nicht-Schweizer. Ist das ein Zeichen dafür, dass das Polenmuseum die Bindung zur Region verloren hat?
Marek Wieruszewski: Ich hoffe nicht, dass meine Nationalität als solches Zeichen gewertet wird. Ich hatte früher als Mitarbeiter der polnischen Botschaft gute Kontakte zu den Rapperswiler Behörden. Ich hoffe, das wird so bleiben. Dass ich der erste Nicht-Schweizer-Präsident des Trägervereins des Polenmuseums bin, ist eher ein Zeichen, wie eng der Verein mit der Region verbunden ist. Wir sind ein Schweizer Verein, wir reden Deutsch an den Sitzungen.

Die Beziehung zur Stadt und zur Ortsgemeinde hat sich aber merklich abgekühlt. Die beiden Präsidenten nahmen nicht an der 150-Jahr- Jubiläumskonferenz zur polnischen Freiheitssäule im Juni im Schloss teil. Ein Affront.
Es gab schon bessere Zeiten, es gab schon schlechtere. Matthias Mächler, der Präsident der Ortsgemeinde, hat mich lange zuvor informiert, deshalb war seine Absenz keine Überraschung. Ich hoffe, wir werden noch genug Gelegenheit haben, uns zu treffen. Nicht erst beim 150-Jahr-Jubiläum des Polenmuseums 2020.

Stadtpräsident Martin Stöckling sagte, er habe auf eine Teilnahme verzichtet, weil er keine falsche Erwartungen habe wecken wollen. Können Sie das nachvollziehen?
Ich glaube, dass Treffen nur zu einem Abbau von Missverständnissen führen können.

An sich ist die Sache klar: Einwohner und Behörden wollen nach dem Umbau ab 2022 kein Polenmuseum im Schloss Rapperswil mehr. Die Vertreter Polens und des Museums scheinen das nicht zu akzeptieren.
Wir anerkennen, dass sich die Zeiten geändert haben, und sind offen für Veränderungen. Egal, was im Schloss passiert, es muss eine Akzeptanz finden in der Bevölkerung. Das ist das Allerwichtigste.

Aber?
Wir möchten an einer Lösung arbeiten, die man als Kompromiss bezeichnen kann. Und die für alle vorteilhaft ist. Der Tourismus möchte das Schloss besser vermarkten und zugänglicher machen. Das ist auch in unserem Interesse. Die Bevölkerung möchte das Schloss mehr für sich haben. Das akzeptieren wir als Mieter. Das Museum kann kleiner sein, anders, integriert in ein Gesamtkonzept. Aber es sollte als Symbol, das unter Bundesschutz steht, erhalten bleiben.

Wie viele Räume braucht es, um es angemessen zu erhalten?
Das würde ich Historikern und Experten von beiden Seiten überlassen. Klar ist: Wir können schon heute nur 30 Prozent unserer Exponate zeigen.

«Wir haben 10 000 Besucher im Jahr. Das ist doppelt so viel wie das Stadtmuseum.»Marek Wieruszewski

Könnten Sie damit leben, wenn nicht mehr eine eigene Museumsleitung, sondern ein neuer Gesamt-Schlossbetreiber entscheidet, was gezeigt wird?
Die Entscheidungsbefugnis spielt für mich persönlich weniger eine Rolle, als dass das Polenmuseum als Denkmal erhalten bleibt. Die Schweiz geniesst ein sehr positives Bild in Polen. Und das Museum ist ein Symbol dafür. Unsere Bitte ist: Zerstört dieses Symbol nicht.

Was passiert denn, wenn dieses «Symbol zerstört» wird?
Am Tag der Kündigung des Polenmuseums wird das in den polnischen Medien in den Top-3-Nachrichten des Tages sein. Für die Beziehungen der beiden Länder wäre das eine Belastung. Aus verschiedenen Kreisen gibt es bereits Rufe nach juristischen Schritten gegen die Kündigung. Eine solche Entwicklung möchten wir als private Betreiber des Museums unbedingt verhindern.

Polen scheint ein schwieriger Partner zu sein. Laut Stadt und Ortsgemeinde haben Vertreter Polens 2015 ein Dokument unterzeichnet, dass man damit einverstanden sei, dass es kein Polenmuseum im Schloss mehr gibt. Ist nun mit der neuen nationalkonservativen Regierung alles anders?
Im Protokoll wurde lediglich die Position von Stadt und Ortsgemeinde offiziell zur Kenntnis genommen. Es war keine Einwilligung in die Pläne. Insofern hat sich die Haltung von Polen nicht geändert. Das hat mit dem Regierungswechsel nichts zu tun. Das Polenmuseum wird in Polen parteiübergreifend seit jeher als wichtig angesehen. Das Thema verbindet über alle Parteien, sowohl in Polen als auch in der Schweiz. Micheline Calmy-Rey, Eveline Widmer-Schlumpf wie auch Ueli Maurer haben als Bundesräte alle die Bedeutung dieses Ortes betont.

Das Polenmuseum scheint bei Gästen nicht sehr populär zu sein.
Wir haben 10 000 Besucher im Jahr. Das ist doppelt so viel wie das Stadtmuseum und auf dem Niveau des Kunstzeughauses. Konzepte für eine Modernisierung des Museums liegen schon seit über zehn Jahren vor. Wenn wir Sicherheiten hätten, wäre der polnische Staat bereit, substanziell zu investieren.

Die Rede war von einem Millionenbetrag fürs Schloss und 600 000 Franken im Jahr für Kulturveranstaltungen. Würde der polnische Staat so viel ins Museum investieren?
Diese Zusicherung hat das Kulturministerium schriftlich gegeben, wenn der Standort gesichert wäre.

Für viele Einheimische wirkt das Polenmuseum wie ein Fremdkörper im Schloss.
Das ist bedauerlich. Die polnische Migrationsgeschichte ist das, was das Schloss Rapperswil von anderen Schlössern unterscheidet. Das sollte man nutzen und darauf aufbauen. Ich könnte es mir auch als übergreifendes Migrationsmuseum vorstellen. Mit jungen Doppelbürgern als Personal. Im Grunde ist es ein schweizerisch-polnisches Museum. Es dokumentiert wichtige Etappen der Geschichte beider Länder. Hier startete Graf Platers Traum von der Freiheit Polens. Zugleich steht es für die Offenheit und Gastfreundschaft der Schweiz.

Hat das Polenmuseum die Beziehung mit der lokalen Bevölkerung zu wenig gepflegt?
Vielleicht haben wir als Museum nicht genug versucht, mit der Bevölkerung in Kontakt zu bleiben. Wir laden zwar immer wieder zu Veranstaltungen ein. Gewisse sind gut besucht. Man muss aber sehen, dass wir sehr begrenzte Mittel haben.

Die Stiftung Libertas, die das Polenmuseum bisher finanziert, besitzt das Haus an der Hauptplatztreppe, in der sich auch die Bibliothek des Polenmuseums befindet. Warum kann das Museum nicht dort sein, statt Räume zu vermieten?
Dann haben wir keine Einnahmen mehr. Die Stiftung besitzt insgesamt drei Liegenschaften. Sie erzielt keinen Gewinn, sondern finanziert mit den Erträgen den Museumsbetrieb, unterschiedliche kulturelle Anlässe. Die Museumsmitarbeitenden werden teils stundenweise entschädigt. Zudem: Unsere Sammlung stammt von Tausenden Spendern weltweit. Sie gaben uns die Exponate unter der Bedingung, dass das Museum im Rapperswiler Schloss bleibt. Diesen Auftrag zu erfüllen, ist der Zweck der Stiftung und des Trägervereins.

Hoffen Sie insgeheim, dass das neue Schlosskonzept scheitert, sei es politisch oder aus Kostengründen?
Alles, was wir über die Zukunft sagen können, ist, dass sie wahrscheinlich anders wird, als gedacht. Man darf nie eine Option ausschliessen. Klar ist: Alle haben ein Interesse daran, etwas Positives aufzubauen im Schloss. Wir sind überzeugt, dass dies zusammen gelingt.

Erstellt: 14.09.2018, 13:28 Uhr

Die Polen im Schloss

Ab 1870 gab es im Schloss Rapperswil ein Polenmuseum. Es galt als erstes Nationalmuseum, da Polen bis 1918 unter Fremdherrschaft stand. Der polnische Graf Plater hatte das Schloss für 99 Jahre von der Ortsgemeinde zu einem symbolischen Preis gepachtet. Mit Investitionen aus dem Privatvermögen bewahrte er das Gebäude vor dem Zerfall. Viele Elemente im Schloss stammen aus dieser Zeit. Nach einem neunjährigen Unterbruch entstand von 1936 bis 1951 ein neues Polenmuseum. Während des Zweiten Weltkriegs war das Museum geistige Heimatstädte für über 13 000 internierte Polen in der Schweiz. Sie hatten Einsätze auf den Feldern und im Strassenbau zu leisten. Nach dem Krieg vereinnahmte der nun kommunistische polnische Staat das Museum und sorgte mit Propaganda für Verärgerung bei der Ortsgemeinde. Diese schmiss das Museum raus. Der Burgenverein übernahm gewisse Räume. Als Reaktion gründeten Schweizer und Exilpolen den Verein Freunde des Polenmuseums. 1975 gelang es – auch dank Rapperswiler Persönlichkeiten – das heutige Museum im Schloss zu etablieren. Es besetzt die Räume im dritten Stock und nutzt auch Wehrgang und Gügelerturm für die Ausstellung. 2007 startet «Obersee Nachrichten»-Verleger Bruno Hug eine Medien-Kampagne für ein Schloss ohne Polenmuseum. Ein neues Schlosskonzept mit Polenmuseum stiess 2013 in einer Vernehmlassung auf viel Kritik. Seit 2014 arbeiten Stadt und Ortsgemeinde an einer Schlossvision ohne eigenständiges Polenmuseum für 16 Millionen Franken.

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