St.Gallen

Beschwerde schützt Wölfe nicht

Trotz der Beschwerde des WWF gegen die verfügten Wolfsabschüsse können St.Gallen und Graubünden jederzeit bis März zwei Jungtiere abschiessen. Die Organisation kritisiert die Protokollführung der Kantone.

Gemäss WWF kann das Protokoll der Wildhüter nicht belegen, dass von den Calanda-Wölfen eine Gefahr ausgeht.

Gemäss WWF kann das Protokoll der Wildhüter nicht belegen, dass von den Calanda-Wölfen eine Gefahr ausgeht. Bild: Keystone

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Mit einem Passus in der Verfügung zum Abschuss von zwei Jungwölfen hat der Kanton St.Gallen einspracheberechtigten Organisationen wie dem WWF einen ordenltichen Knebel zwischen die Beine geworfen: Dieser Passus besagt, dass einer allfälligen Einsprache die aufschiebende Wirkung entzogen ist. Konkret bedeutet dies: Während das Verwaltungsgericht noch damit beschäftigt wäre, den beteiligten Parteien in der strittigen Sache das rechtliche Gehör zu gewähren und schliesslich zu einem Entscheid zu kommen, dürften die Wildhüter unterdessen am Calanda bei Gelegenheit die beiden Jungwölfe abschiessen.

Zwei bis drei Wochen für Aufschub-Entscheid

Theoretisch können die Naturschutzorganisation zwar, zusammen mit einer inhaltlichen Beschwerde, das Gericht auch darum ersuchen, dass es die aufschiebende Wirkung wieder herstellt. Laut dem Präsidenten des Vewaltungsgerichts, Beda Eugster, müsste ein solches Gesuch «rasch» behandelt werden – also innerhalb von zwei bis drei Wochen.

In dieser Zeit wären die Abschüsse allerdings weiterhin möglich. Der WWF hat jedenfalls in seiner Beschwerde, die heute Donnerstag ans Verwaltungsgericht versandt wurde, darauf verzichtet, sich für den Aufschub zu engagieren. «Das haben wir explizit nicht verlangt», sagt WWF-Wildtierexperte Gabor von Bethlenfalvy. Man sei zur Einschätzung gelangt, dass dies nicht zielführend sei.

Vielmehr will der WWF mit seiner Beschwerde erreichen, dass in der Praxis besser umgesetzt wird, was die Jagdverordungen eigentlich bereits vorschreiben: Möglichem problematischem Verhalten soll durch Prävention vorgebeugt werden. Namentlich geht es um den Umgang mit Futterquellen in Siedlungsnähe. «In dieser Hinsicht hat man sich im Calanda-Gebiet bislang fahrlässig verhalten», sagt von Bethlenfalvy. Weder die jagdlichen Einrichtungen zur Anlockung von Tieren in der Nähe der Siedlungen, noch die Entsorgung von Schlachtabfällen und die Beseitigung von Nachgeburten von Kühen auf Miststöcken oder ins Gebüsch habe man konsequent unterbunden. Der WWF will darauf hinwirken, dass man präventive Massnahmen punkto Futterquellen genau definiert, statt sie nur allgemein zu fordern. Erfahrungen aus Schweden zeigten beispielsweise, dass man viel erreichen könne, wenn man die Futterquellen konsequent entfernt, notfalls auch mit Hilfe von Schweisshunden.

«Keine Hinweise auf Gefahr»

Der WWF kritisiert ausserdem das Protokoll über die bisherigen Begegnungen mit den Wölfen, die den beiden Kantonen als Rechtfertigung für die Abschuss-Pläne diente. In den geschilderten Episoden gebe es keine Hinweise, dass von den Calanda-Wölfen derzeit eine Gefahr ausgehe. (siehe Kasten).

Erstellt: 07.01.2016, 13:53 Uhr

Dem Wolf mit Kamera gefolgt

Sind Menschen gefährdet, wenn ein Wolf im Sommer auf der gemähten Wiese liegt? Behörden und Naturschutzorganisationen sind sich darüber uneins.

In einem gemeinsamen Protokoll haben die Kantone St.Gallen und Graubünden Begegnungen zwischen Wolf und Mensch der vergangenen Monate aufgelistet. Auf seiner Website hat das St.Galler Jagdamt das Protokoll veröffentlicht. Fazit der Jagdämter der beiden Kantone: Die Wölfe verhalten sich zunehmend problematisch. Bei den protokollierten Ereignissen handelt es sich dabei oftmals um Schilderungen von Drittpersonen, etwa Bauern oder Feriengästen, welche die zuständigen Wildhüter aufschrieben – ohne oftmals dem gesichteten Wolf selbst begegnet zu sein.

Zur Bewertung haben die Jagdämter zusammen mit dem Bundesamt für Umwelt einen Raster mit vier Gefährlichkeitsklassen ausgearbeitet: Kategorie 1 steht für unbedenkliches Verhalten, Stufe 4 für problematisches Verhalten «mit Potenzial zur Gefährdung des Menschen». Als Leitbeispiele, welches Verhalten in die Stufe 4 gehört, listet das Protokoll auf: «Wolf nähert sich Menschen mit Hunden an und reagiert mit Drohverhalten» oder «Wolf folgt Mensch trotz dessen Vertreibungsversuchen».
In diese höchste Gefährlichkeitsstufe (Massnahme gemäss Protokoll: Abschuss) teilen die Jagdämter die folgende Episode vom 18. Juli 2015 ein: Ein Vater zweier Söhne, der mit seiner Familie Ferien in einer Hütte bei Flims verbringt, sieht durchs Fernglas einen Wolf, der bei 28 Grad Hitze in der Wiese sitzt. Seine Söhne spielen ebenfalls auf der kürzlich gemähten Wiese, vom Wolf geschätzte 160 Meter entfernt. Der Vater packt seine Kamera, gemeinsam mit den Kindern geht er auf das Tier zu. Als sie sich bis auf 80 Meter angenähert haben, steht der Wolf auf und läuft in den Wald. Der Vater will Aufnahmen machen und es gelingt ihm im Gebüsch, bis auf 10 oder 12 Meter ans Tier heranzukommen.

Für Wildtierexperte Gabor von Bethlenfalvy vom WWF gibt es aufgrund der Schilderung keinen Hinweis auf problematisches Verhalten. Dass man versuche, aufgrund von Beobachtungsdistanzen und Tageszeiten kritisches Verhalten zu erfassen, zeuge von fehlendem Verständnis für die Biologie des Wolfs. «Entscheidend ist nicht, was der Wolf macht, sondern wieso», sagt von Bethlenfalvy. So sei im geschilderten Beispiel eine offene Frage, weshalb der Wolf auf der Wiese sass – dem könne man mit verstärktem Monitoring nachgehen. Es gebe plausible Erklärungen, dass es sich um normales Verhalten handle. «Möglicherweise glaubte der Wolf, dass er unentdeckt sei. Es klingt nicht danach, dass er wegen der Kinder dort sass.»
Insgesamt besteht aus Sicht des Experten kein Grund zur Besorgnis. Derzeit genüge es, konsequent gegen Futterquellen vorzugehen, die Wölfe anlocken könnten. Weiter empfiehlt der WWF, weitere Tiere zwecks Monitoring mit Sendern auszurüsten. Die Betäubung habe zugleich den Effekt einer Vergrämung.?

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