Wochengespräch

«Als Schauspielerin kommst du nie an»

Die Jonerin Wendy Güntensperger hat geschafft, wovon viele Schweizer Schauspielerinnen träumen. Seit 2017 gehört sie zum Hauptcast einer deutschen Krimi-Serie. Mit der ZSZ spricht die 24-Jährige über Traumrollen, Vorbilder und Trinkspiele.

Obschon die Austauschmöglichkeiten für eine junge Schauspielerin in Rapperswil-Jona nicht gerade ideal seien, möchte Wendy Michelle Güntensperger derzeit an keinem anderen Ort auf der Welt wohnen.

Obschon die Austauschmöglichkeiten für eine junge Schauspielerin in Rapperswil-Jona nicht gerade ideal seien, möchte Wendy Michelle Güntensperger derzeit an keinem anderen Ort auf der Welt wohnen. Bild: Michael Trost

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Aktuell sind Sie in der ARD-Serie Wasserschutzpolizei (WaPo) Bodensee zu sehen. Dienstagabend 18.50 Uhr auch für Sie ein Fixtermin?
Wendy Güntensperger: Klar, um mein Handwerk zu schleifen ist es unerlässlich mich selber spielen zu sehen. Nach der ersten Staffel etwa habe ich mir vorgenommen, mehr von meiner Rolle zu zeigen. Nun hat sie «Pfupf» und hebt sich von den anderen Hauptcharakteren ab.

Ist ihr Engagement in der Serie auch in ihrem Freundeskreis ein Thema?
Im Moment ist es immer noch so neu und speziell, dass sich eigentlich alle die Folgen ansehen. Wenn ich dann 30 Jahre im Fernsehen zu sehen bin, wird das wohl schon nicht mehr so sein (lacht). Manchmal schauen wir uns eine Folge auch alle gemeinsam an. So kam es denn schon zu Trinkspielen, nach dem Motto «Wann kommt Wendy wieder ins Bild».

Sie spielen die junge Wasserschutzpolizistin Julia Demmler. Wie gefällt Ihnen diese Rolle?
Ich finde es eine tolle Rolle. Es gefällt mir sehr, dass ich vor allem in der zweiten Staffel immer wieder auch sehr actionreiche Szenen zu spielen hatte. Auf der anderen Seite ist da auch der Charakter der Rolle, den ich weitestgehend selber gestalten darf, was sehr spannend ist.

Sie besitzen das Bodenseeschifferpatent. Sie steuern das Polizeiboot also tatsächlich selber?
Klar! In der aktuellen Staffel sieht man mich besonders häufig am Steuer des Polizeibootes. Keine Ahnung weshalb das so ist. Wahrscheinlich fahre ich einfach am besten (lacht). Dabei hatte ich gerade einmal zwei Wochen Zeit, um mir Theorie wie Praxis beizubringen. Nach nur vier Fahrstunden bin ich dann zur Prüfung angetreten und habe tatsächlich bestanden. So durfte ich legal Boote auf dem Bodensee steuern, bevor ich überhaupt einen Führerschein für irgend ein anderes Verkehrsmittel hatte.

Eine Staffel der WaPo Bodensee beinhaltet acht Folgen. Das dürfte nicht gerade wenig Text zum auswendig lernen sein. Haben Sie eine spezielle Vorgehensweise?
Ich sitze auf jeden Fall nicht still am Tisch und büffel, wie sich manch einer das vorstellen mag. Gut Text lernen kann ich nur, wenn ich dazu noch was anderes mache. Beispielsweise stehe ich dazu im Fitnesscenter auf dem Laufband oder unter der Dusche.

«Ich werde höchstwahrscheinlich nie die kaltblütige Killerin geben.»

Vor ihrem Engagement für die WaPo waren Sie während dreier Jahre festes Mitglied im Ensemble des Theater St. Gallen. Was sagt Ihnen mehr zu, Theater oder Film?
Beides hat seinen Reiz, lässt sich jedoch kaum vergleichen. Theater ist viel mehr eine Team-Angelegenheit. Du bist täglich mit denselben Leuten zusammen, probst ein bis zwei Monate gemeinsam in der Gruppe und erlebst alle Auf und Abs. Im Film bist du viel eher auf dich alleine gestellt. Am Set musst du für dich abliefern. Natürlich hoffst du, dass dein Gegenüber gut mitspielt und dass du mit den Schauspielkollegen harmonierst. Aber du bleibst ein Einzelkämpfer.

Sie sind freischaffende Schauspielerin. Das heisst, Sie müssen sich ständig um neue Engagements bewerben. Bereuen Sie es manchmal, dass Sie nicht einfach für eine KV-Lehre entschieden haben?
Natürlich ist es nicht immer leicht. Es gibt Wochen, ja gar Monate in denen ich kein Engagement habe. Und wenn ich wieder und wieder nur Absagen erhalte, dann kommen Zweifel in mir auf. In solchen Momenten vergesse ich schon mal, dass ich im Deutschen Fernsehen zu sehen bin. Dann denke ich: Jetzt schmeiss ich alles hin und mache doch noch was “Vernünftiges”, wie es die Eltern immer sagen.

Ihr Eltern waren also nicht so begeistert von Ihrem Berufswunsch?
Natürlich haben meine Eltern keine Luftsprünge gemacht, als ich ihnen erzählt habe, dass ich an die Schauspielschule gehen will. So muss ich mir denn auch noch immer den einen oder anderen Spruch gefallen lassen. Dennoch: Es stehen beide voll hinter mir. Meine Mutter hat zu ihrem letzten Geburtstag gar ein Public Viewing organisiert. Statt mit ihren Freunden zu feiern, hat sie sich ihre Tochter im Fernseher angesehen.

Rapperswil-Jona dürfte für eine junge Schauspielerin nicht gerade ein einfaches Pflaster sein. Dachten Sie nie an einen Umzug?
Die Austauschmöglichkeiten mit Kollegen sind rar. Auch grosse Theater sucht man hier vergebens. Dennoch würde ich um keinen Preis nach Zürich oder gar Berlin ziehen wollen, wie es viele meiner Berufskollegen gemacht haben. Dort wäre mir alles etwas zu gross und zu anonym. Lieber komme ich nach einem anstrengenden Engagement heim nach Rapperswil-Jona und tanke Energie am See. Ich bin halt ein waschechtes Kleinstadtkind.

Welche Rolle würden Sie unter keinen Umständen ablehnen?
Die altbekannte Frage nach der Traumrolle. Früher hätte ich gesagt: Ich will unbedingt einmal eine Actionrolle oder einen Bösewicht spielen. Mittlerweile bin ich der Meinung, dass es eine ganze Menge Rollen gibt, die es Wert wären sie zu verkörpern. Je länger ich in diesem Beruf tätig bin, desto mehr weiss ich aber natürlich auch, was ich spielen kann, für welche Rollen man mich castet. Ich werde also höchstwahrscheinlich nie die kaltblütige Killerin geben.

Dafür vielleicht die Tatort-Kommissarin? Diese Stelle wäre aktuell ja noch zu haben.
Erfahrung als Polizistin habe ich ja bereits (lacht). Es wäre natürlich ein mega Ding, zur Tatort-Kommissarin aufzusteigen. Ablehnen würde ich die Rolle also bestimmt nicht. Allerdings glaube ich, dass ich dafür noch etwas zu jung bin respektive zu jung aussehe.

Gibt es denn einen aktuellen Film/eine Rolle, die Sie selber auch gereizt hätte?
Lisa Brühlmanns «Blue my mind», der unlängst den Schweizer Filmpreis als bester Spielfilm gewonnen hat, finde ich sehr spannend. Die Hauptrolle der 15-jährigen Mia hätte ich, wäre ich noch etwas jünger, sicherlich auch total gerne gespielt. Die Zweifel und Ängste eines Mädchens, das zur Frau wird, zu zeigen, ist auf jeden Fall eine herausfordernde Aufgabe und hat viel Tiefgang.

Haben Sie ein Vorbild?
Es gibt viele unglaublich tolle Berufskollegen. Wenn ich sie mir zum Vorbild nehme, dann nicht in Sachen Erfolg, sondern viel eher was unser Handwerk betrifft. Ich picke mir jene Dinge heraus, die ich toll finde. Habe ich die Möglichkeit, spreche ich jene Personen persönlich darauf an und versuche von ihnen zu lernen.

Das Schönste an der Schauspielerei ist ...?
Dass man nie ausgelernt hat und nie weiss, was noch kommt. In einem «normalen» Beruf glaube ich, stösst man schneller an Grenzen. Als Schauspielerin war mir bereits mit 20 klar, dass ich in diesem Beruf nie «ankommen» werde. Man kann immer mehr machen und noch tiefer gehen. Also muss es mein Ziel sein, alles mitzunehmen, was nur geht. Meiner Meinung nach ist das eine Besonderheit der Schauspielerei. Genau deshalb stand für mich auch nie ein anderer Beruf zur Debatte.

Erstellt: 22.04.2018, 13:15 Uhr

Zur Person

Wendy Michelle Güntensperger wurde 1993 in Zürich geboren und wuchs als jüngstes von vier Kindern in Jona auf. Nach ihrer Schulzeit besuchte Güntensperger die «European Film Actor School» (EFAS) in Zürich. Von 2013 bis 2016 war sie festes Mitglied des Ensembles des Theater St. Gallen. Aktuell ist die freischaffende Schauspielerin als Julia Demmler in der zweiten Staffel der ARD-Serie «WaPo Bodensee» zu sehen. Die Serie wird immer dienstags um 18.50 Uhr ausgestrahlt.

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