Rapperswil-Jona

Als im Linthgebiet das Schwert des Scharfrichters zischte

Der Historiker Stefan Paradowski hat sich durch die Gerichtsakten des ehemaligen Kantons Linth geackert und ist auf einen veritablen Justizskandal gestossen: Im Jahr 1798 schritten der nationale Grosse Rat und der Senat ein,um eine Serie von Hinrichtungen zu stoppen.

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«Es kommt mir vor, als würde ich bis zu den Knien im Blut stehen.» Die Aussage eines Zuhörers am Schluss des Vortrags fasste die Gefühlslage der meisten Anwesenden ganz gut zusammen. Die Geschichtsfreunde Linthgebiet hatten den Lokalhistoriker Stefan Paradowski zu einem Referat über die Justiz im ehemaligen Kanton Linth (1798–1803) ein­geladen, und was dieser erzählte, liess einem wahrlich das Blut in den Adern gefrieren.

Stefan Paradowski hat sich durch die mehr als 200 Jahre ­alten Protokolle des Kantonsgerichts Linth ­geackert und die dort beschriebenen Verbrechen minutiös aufgearbeitet. Er sei möglicherweise der erste Forscher überhaupt, der sich auf diese Dokumente stütze, sagt der in Benken aufgewachsene Historiker, der eine Agentur für Kunst- und Regional­geschichte führt. Den Anstoss gab ihm eine Schrift aus dem Jahr 1799, in der Pfarrer Johann Rudolf Steinmüller eine «Lebens­beschreibung zweier im Kanton der Linth mit dem Schwert hin­gerichteter Mörder» gibt.

Drei grausame Verbrechen

Die beiden Mörder sind Andreas Stricker und Johann Zogg. Drei grausame Verbrechen haben sie im Toggenburg begangen: Erstens führen sie gemeinsam den teuflischen Plan aus, der Geliebten von Stricker durch Schläge das ungeborene Kind abzutreiben. Zweitens begehen sie mehrere gewaltsame Einbrüche und Diebstähle, und drittens erschlagen sie am 19. Juni 1798 den wohlhabenden Garnhändler Johannes Ambüel mit einer Schneeschaufel und einem Zaunpfahl und rauben ihm Geld und Taschenuhr. Wenige Tage nach dieser Bluttat werden sie verhaftet und in Werdenberg in den Kerker geworfen. Stricker gelingt zwar die Flucht, doch er wird rasch wieder festgesetzt. Am 9. Juli 1798 wird er dem Kantonsgericht in Glarus übergeben, und nur zehn Tage später werden Stricker und sein Komplize Zogg durch das Schwert hingerichtet. Pfarrer Steinmüller begleitet die beiden auf ihrem letzten Gang.

Die hohe Politik greift ein

Zwischen der Verhaftung und der Enthauptung vergeht weniger als ein Monat. Kurz darauf verurteilt das Kantonsgericht Linth die drei Einbrecher Hans-Ulrich und ­Niklaus Näf sowie Ulrich Küng zum Tod. Auch sie werden innert kürzester Zeit dem Scharfrichter und seinem Schwert übergeben. Da schalten sich der nationale Grosse Rat und der Senat der Helvetischen Republik in der Hauptstadt Aarau ein. Dem Parlament der damaligen Schweiz ist nämlich aufgefallen, dass es nirgendwo sonst so viele Todesurteile gibt wie im Kanton Linth. Und diese werden nach dem Geschmack der hohen Politik allzu voreilig vollstreckt.

Grosser Rat und Senat erklären die Todesurteile in einem Dekret für unrechtmässig, weil sie dem Geiste der neuen Verfassung zuwiderlaufen. Es wird gar ein Kurier nach Glarus geschickt, um die Vollziehung der Todesurteile einzustellen. Allein die bereits Hingerichteten werden dadurch nicht wieder lebendig. Einzig der vom Kantonsgericht Linth zum Tod verurteilte Johann Luis entgeht der Vollstreckung.

Das Schwert trifft nicht

Dem Kantonsgericht Linth ge­hören 13 Richter und 13 Ersatzrichter, sogenannte Suppleanten, an. Unter ihnen befinden sich Alt-Landschreiber Vettiger aus Uznach, Alt-Landmajor Gmür aus Schänis und Alt-Pfleger Abraham Mettler aus St. Gallen­kappel. Als Suppleant amtet Alt-Landschreiber Vinzenz Zweifel aus Kaltbrunn. Ein weiterer Kaltbrunner bringt es zu eher zweifelhafter Berühmtheit in den Diensten des Kantonsgerichts. Scharfrichter Franz Leonard Vollmar aus Fischhausen und sein Sohn werden vom Gericht nachdrücklich ermahnt, weil sie bei den ­Enthauptungen mehrmals nicht richtig treffen und jeweils mehrere Streiche benötigen, um die Malefikanten ins Jenseits zu befördern. Vater Vollmar hat im Übrigen 16 Jahre vor Andreas Stricker und Johann Zogg auch Anna ­Göldi, «die letzte Hexe Europas», enthauptet.

Eine Wanderausstellung zum ­Thema Justiz im Kanton Linth wird Ende Juni in Benken zu sehen sein. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 13.04.2018, 08:54 Uhr

Der Kanton Linth existierte von 1798 bis 1803. (Bild: pd)

Der Historiker Stefan Paradowski hat die Urteile des ehemaligen Kantonsgerichts Linth untersucht. (Bild: pd)

Machtverteilung

Die Helvetik und der Kanton Linth

Die Helvetische Republik löst die Alte Eidgenossenschaft ab, welche im Zuge der Französischen Revolution zerfallen ist. Die Verfassung orientiert sich stark am französischen Vorbild, die Kantone verlieren einen grossen Teil ihrer früheren Macht. Aarau wird zur Hauptstadt ernannt. Dort tagt das Parlament, das aus dem Grossen Rat und dem Senat besteht, die in etwa dem heutigen National- und Ständerat entsprechen.

Mit dem heutigen Bundesrat vergleichbar ist das fünfköpfige sogenannte Direktorium. Die Judikative ist dreistufig organisiert: Bezirks- oder Distriktsgerichte, Kantonsgerichte (erste Instanz für Strafsachen) und das Oberste Gericht (Berufungsinstanz).
Der Kanton Linth besteht in den Jahren von 1798 bis 1803. Er umfasst Glarus, das obere Rheintal, das obere Toggenburg, Sargans, Gaster, Uznach, Rapperswil sowie March und Höfe. Hauptort und damit Richtstätte ist Glarus. (jä)

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