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Als Handlanger gekommen und Unternehmer geworden

Die neue Ausstellung im Stadtmuseum ist den italienischen Einwanderern gewidmet. Zur Eröffnung von «Ricordi e Stima» kamen sie am Mittwoch in Scharen.

Damals und heute: Tobia und Daniela Biella in der Ausstellung «Ricordi e Stima». Im Hintergrund das Foto, das sie vor 55 Jahren vor ihrem Kiosk auf dem Hauptplatz zeigt.
Damals und heute: Tobia und Daniela Biella in der Ausstellung «Ricordi e Stima». Im Hintergrund das Foto, das sie vor 55 Jahren vor ihrem Kiosk auf dem Hauptplatz zeigt.
David Baer

Alitalia ist tot, die Italianità lebt. Zum Beispiel im Ehepaar Daniela und Tobia Biella, die an diesem feuchttrüben Abend so viel Lebensfreude und Herzlichkeit ausstrahlen, dass die kleine Caffeteria im Stadtmuseum fast platzt. An der Wand hängt ein Foto, das die beiden vor einem Kiosk auf dem Hauptplatz zeigt. 55 Jahre sei das her, sagt Tobia Biella, und der Kiosk, den seine Frau damals geführt habe, sei ein beliebter Treffpunkt der Italiener gewesen. 1953 sei sie aus Udine nach Rapperswil gekommen, erzählt Daniela Biella. Sechs Jahre danach kam ihr späterer Mann aus Bergamo. Er habe die Schule abbrechen und auswandern müssen. «Ich kam als Handlanger zu Geberit.»

Die Ausstellung zeigt die Italiener als Handelnde, nicht als Opfer von Diskriminierung.

Marina Widmer, Verein «Ricordi e Stima»

Nach einigen Jahren als Vertreter gründete Biella zwei Geschäfte für Stilmöbel, eines in Zürich, eines im Sonnenhof in Rapperswil-Jona. Seit 1975 ist das Ehepaar eingebürgert.Solch erfolgreiche Integrationsgeschichten gebe es in der Stadt zuhauf, erklärt Stadtpräsident Martin Stöckling (FDP) in seiner Eröffnungsansprache. Und sie handeln nicht nur von den Dieci, Enea oder vom Navyboot-Gründer Bruno Bencivenga. «Ich sass in der Schule neben Adriano und spielte Fussball mit Paolo und Franco. Alle drei haben heute gute Jobs, und ihre Kinder sprechen besser Deutsch und Englisch als Italienisch», sagt Stöckling. «Sie sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen.»

Fausto Tisato vom Verein «Ricordi e Stima», der die Wanderausstellung gestaltet hat, erinnert daran, dass in den letzten 150 Jahren 50 Millionen Italiener ausgewandert sind und die grössten italienischen Städte inzwischen im Ausland liegen. In der Schweiz stellen die Italiener die grösste Gruppe der ausländischen Wohnbevölkerung. Die Italiener haben die Schweiz geprägt.

Noch nie gezeigte Fotos

Die Ausstellung präsentiert vor allem Fotos – aus der Arbeitswelt, dem Familienalltag, von Freizeit- und Kulturaktivitäten. Fast alle stammen aus Privatbesitz. „Ricordi e Stima“ (deutsch: Erinnern und Wertschätzen) will die Sicht der Italienerinnen und Italiener auf ihre eigene Lebensrealität zeigen. «Die Menschen sind als Handelnde dargestellt, nicht als Opfer von Diskriminierung», sagt Marina Widmer, die Leiterin des Ostschweizer Archivs für Frauen-, Geschlechter- und Sozialgeschichte.

Die schwierigen Umstände, auf welche die Migranten trafen, sollen dennoch nicht verschwiegen werden. So werden auf zahlreichen Fotos und in Videointerviews die einfachen Wohnverhältnisse oder die harte Arbeit auf Baustellen und in Fabrikhallen thematisiert. Am andern Ende des Spannungsfeldes stehen Bilder von umwerfend schönen Männern und Frauen in ausgesucht eleganter Kleidung. Denn auch das ist Italianità: Einen Abend lang aussehen wie Sophia Loren und die viel zu kleine Wohnung ebenso vergessen wie den miserabel bezahlten Job.

Die Abstimmungen über die Schwarzenbach-Initiativen waren für viele hart arbeitende Menschen ein Schlag ins Gesicht.

Fausto Tisato, Verein «Ricordi e Stima»

Dass den Italienern in den 1950er-, 60er- und 70er-Jahren viel Misstrauen und Ablehnung entgegenschlug, wurde an der Ausstellungseröffnung nicht verschwiegen. Die Abstimmungen über die Schwarzenbach-Initiativen seien für viele hart arbeitende Menschen ein Schlag ins Gesicht gewesen, sagt Fausto Tisato. Erst in den 80er-Jahren hat sich das Blatt gewendet; seither liegt der italienische Lebensstil im Trend. Heute sind die Italiener die «Vorzeigeausländer». Das Misstrauen bekommen jetzt andere Migranten ab.

Von Australien nach Rapperswil

Gerade rechtzeitig zur Ausstellung in Rapperswil-Jona ist der Katalog in Form des Buches «Grazie a voi» erschienen. Auf dem Titelbild ist der junge Giuseppe Frisan zu sehen, der anfangs der 1950er Jahre aus der Provinz Udine nach St. Gallen kam und die Ostschweiz vor 45 Jahren Richtung Australien verliess. Frisan, ein immer noch sehr eleganter Mann, reiste extra zur Ausstellungseröffnung von Adelaide nach Rapperswil-Jona. Die Ausstellung «Ricordi e Stima» ist eine Wanderausstellung, die vor einem Jahr in St. Gallen zu sehen war.

Claudia Taverna, der Leiterin des Fachdienstes Integration, ist es zu verdanken, dass sie nun auch in Rapperswil-Jona gastiert. Taverna hat auch ein umfangreiches Rahmenprogramm auf die Beine gestellt. Migration sei für ein kulturhistorisches Haus wie das Stadtmuseum ein wichtiges Thema, erklärt dessen Leiter Mark Wüst. Die nächste Ausstellung wird sich folgerichtig dem Thema Auswanderung widmen.

«Ricordi e Stima»: Fotos und Oral History zur italienischen Migration in der Schweiz seit dem Zweiten Weltkrieg. Stadtmuseum, bis 25. Juni. Zum umfangreichen Rahmenprogramm: www.stadtmuseum-rapperswil-jona.ch.

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