Rapperswil-Jona

Als der Hunger Schänner und Weesner nach Amerika trieb

In den hitzigen Debatten über die Einwanderung geht gern vergessen, dass es vor 150 Jahren die Schweizer waren, die vor Armut und Hunger flohen. Eine Ausstellung im Stadtmuseum erzählt davon.

Das Gebiet um Highland, östlich von St. Louis, beherbergte um 1840 so viele Schweizer Auswanderer, dass es New Switzerland genannt wurde.

Das Gebiet um Highland, östlich von St. Louis, beherbergte um 1840 so viele Schweizer Auswanderer, dass es New Switzerland genannt wurde. Bild: Manuela Matt

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Etwa 7000 Menschen lebten 1845 im Bezirk Gaster. 500 von ihnen wanderten bis 1849 aus, um in Amerika ein neues Leben anzufangen. Die Missernten der vorausgegangenen Jahre und eine verheerende Kartoffelfäule hatten dazu geführt, dass die kinderreichen Familien Not und Hunger litten.

Die neue Ausstellung im Stadtmuseum dokumentiert erstmals dieses weitgehend vergessene Kapitel hiesiger Sozialgeschichte. Wer weiss schon, dass der südliche Teil des Kantons St. Gallen um die Mitte des 19. Jahrhunderts schweizweit zu den Regionen mit der höchsten Zahl an Auswanderern gehörte?

Tote Kinder

Die Ausstellung und vor allem auch das dazu erschienene Buch von Museumsleiter Mark Wüst machen diese Schicksale anschaulich. So erfährt man, dass am frühen Morgen des 13. Februar 1847 137 Frauen, Männer und Kinder aus Schänis bei der Roten Brücke am Linthkanal die wartenden Boote bestiegen, um in eine neue Heimat aufzubrechen. Geschirr, Besteck, Bettzeug und Behälter für Lebensmittel hatten sie selber mitzubringen.

Ein Mann und drei Kinder überlebten die monatelange Reise nicht. Ebenso starben eine Frau und vier Kinder auf der Überfahrt von Rieden nach Amerika. Aus dem kleinen Dörfchen waren 1849 45 Personen aufgebrochen, nachdem sie in einem eigentlichen Trauergottesdienst mit Beichte und Kommunion von den Zurückbleibenden Abschied genommen hatten. Dokumentiert ist auch eine Auswanderergruppe aus Weesen; von den 50 Personen waren nicht weniger als 29 Kinder.

Die Reisen wurden meistens von den Ortsgemeinden mittels Vorschüssen finanziert – nicht ganz ohne Eigennutz, wie Matthias Mächler selbstkritisch anmerkte. Man sei auf diese Art manchen Sozialhilfeempfänger losgeworden, sagte der Präsident der Ortsgemeinde Rapperswil-Jona an der Ausstellungseröffnung. Für die Organisation der Überfahrten stützten sich die Ortsgemeinden auf Agenten, heutigen Schleppern vergleichbar. So berichteten Auswanderer aus Schänis 1847 in einem Klagebrief an die Ortsgemeinde, dass sie viel weniger zu essen bekämen als versprochen. Der Brief wurde in mehreren Schweizer Zeitungen veröffentlicht und sorgte für grosses Aufsehen. 1854 sah sich die St. Galler Regierung gezwungen, ein Gesetz zur Kontrolle der Agenturen zu erlassen.

Kleine Sensation

Über das Leben, das die Ausgewanderten in der neuen Heimat führten, gibt es fast keine Zeugnisse. Die wenigen Akten, die in den Archiven der Ortsgemeinden vorhanden waren, hat Mark Wüst für sein Begleitbuch aufgearbeitet. Als kleine Sensation gewertet werden darf dabei der Bericht über die Witwe Magdalena Albrecht aus Weesen, die mit ihren sechs Kindern allein auswandern wollte und der es schliesslich gelang, sich in Amerika eine bescheidene Existenz aufzubauen. Sensation deshalb, weil Berichte über weibliche Auswandererbiografien so selten sind wie die Nadel im Heuhaufen. (Zürichsee-Zeitung)

Erstellt: 08.11.2017, 15:24 Uhr

Auswandererausstellung im Stadtmuseum Rapperswil-Jona

Zuerst Bürgermeister in Illinois, dann Stadtpräsident in Rapperswil

Ein spezieller Fund stand am Anfang der soeben eröffneten Auswandererausstellung. Museumsleiter Mark Wüst hob eines Tages den Deckel einer unscheinbaren Schachtel im Archiv und hatte den Nachlass von Xaver Suter (1824-1907) vor sich. Auch Suter war ein Auswanderer, aber seine Geschichte ist atypisch. Der Abkömmling einer reichen Rapperswiler Familie verliess seine Heimatstadt zwar zur gleichen Zeit wie die armen Schänner und Weesner Familien, aber er tat es aus freien Stücken und einer guten Portion Abenteuerlust. In Suters Nachlass fand Mark Wüst einen 17-seitigen Brief, in dem der Auswanderer seine Überfahrt auf dem Schiff «Charlemagne» Tag für Tag dokumentierte.

Suter geschäftete zwanzig Jahre lang erfolgreich als Verkäufer von Haushaltartikeln und landwirtschaftlichen Geräten in New Switzerland östlich von St. Louis. In der Kleinstadt Marine in Illinois wurde er sogar Bürgermeister. 1870 kehrte er nach Rapperswil zurück und wurde Stadtrat. Von 1879 bis 1897 war er Stadtpräsident. In seine Amtszeit fielen so wichtige Projekte wie der Bau des Seedamms oder des Bahnhofs.

Es ist ein grosses Verdienst und für das Publikum äusserst gewinnbringend, dass das Thema Auswanderung in der Ausstellung und im Begleitbuch aus zwei vollkommen unterschiedlichen Perspektiven anschaulich gemacht wird: Hier der sorglose Abenteurer Xaver Suter, für den die Auswanderung ein Kapitel unter vielen in seinem Leben darstellte, dort die Scharen von bitterarmen Familien, für die sie der letzte verzweifelte Ausweg war. (jä)

Ausstellung bis 24. Juni 2018

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